Von Nikolaus von Festenberg
Weihnachten. Es wird das letzte Fest für die alte Konsulin Bethsy Buddenbrook werden. Noch einmal wird sich die Salontür im ersten Stock zum brennenden Weihnachtsbaum hin öffnen. Noch einmal werden die Chorknaben zu Füßen der herrlich geschwungenen Treppe singen, noch einmal wird das arme Volk im Lübecker Kaufmannshaus zulangen dürfen. Und der Prinzipal Thomas Buddenbrook schreitet selbstzufrieden durch die Räume, während sein missratener Bruder Christian schon bald in den Club aufbrechen wird. Der hält das alles nicht aus, die gediegene Langeweile, die Selbstzufriedenheit der Verwandtschaft und die Verachtung für ihn, den Versager.
So war es, so ist es, so wird es nicht bleiben. Das weiß der Betrachter des neuen "Buddenbrook"-Films von Heinrich Breloer schon vorher. Denn ein grandiosschauriges Bild verrät gleich am Beginn der Weihnachtsszene: Der Tod wird mitfeiern.
Da legt die Konsulin, das würdige Oberhaupt der Familie, ihre Festperücke an. Und für einen kurzen Augenblick ist ihr Schädel zu sehen. Shocking - ein ergrauter, alter, dem Ende naher Vogel steckt unter der Perücke. Wie aus einem Gespensterfilm wirkt das. Die Geier des Verfalls, heißt die Leinwandmetapher, sind längst eingetroffen.
Der Kinodebütant Breloer, 66, bittet den Zuschauer zum Totentanz. Der Kameraschuss auf den Schädel ist viel schneller als Thomas Manns Gang durch die Prosa, viel direkter als das, was der Dichter in tausendundeinem seiner Schachtelsätze ausdrückt. Aber auch viel gnadenloser.
Die Kamera fährt, hokuspokus, dem Dichter über den Mund, schafft eine Erwartung und schneidet dem Zuschauer so den Weg zur eigenen Einfühlung ab, weil er längst schon weiß, was er fühlen wird, fühlen soll.
Breloer wirft sich in seiner "Buddenbrooks"-Adaption so manches Mal zum Beschleuniger des Dichters auf, zum schlauen Zauberlehrling, der in seinem Erstling dem Meister auf die Sprünge helfen will.
Ja und? Darf das Kino das nicht? "Buddenbrooks", so viel ist sicher, ist der deutsche Roman des 20. Jahrhunderts, ein Opus magnum unseres unbestrittenen Großdichters, in dem sich eine ganze Kultur mit ihren Traditionen, ihren Werten und ihren Ängsten spiegelt. Was da auf Hunderten von Seiten geschildert wird, sperrt noch heute viele intellektuelle Menschen, etwa den "Turm"-Dichter Uwe Tellkamp, 40, in ein herrliches Gefängnis, in dem sie, verurteilt zu lebenslanger Faszination ohne Bewährung, gern einsitzen.
Darum ist eine "Buddenbrooks"-Verfilmung immer mehr als nur ein Bilderfest - sie ist eine halbe Staatsaffäre, was sich schon daran zeigt, dass die Welturaufführung am Dienstag dieser Woche in Essen in Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler stattfindet. (Am ersten Weihnachtstag läuft der 150-minütige Film dann in den deutschen Kinos an.) Und jede Verfilmung ist zugleich ein Spiegel der Zeit, in der sie entsteht, denn sie muss sich ins Benehmen setzen zu einem Stoff, einer Welt, die uns immer ferner wird. Sie muss auch die Frage beantworten: Wozu überhaupt noch einmal die "Buddenbrooks"?
Breloer, der große Fernsehessayist, ist sich jedenfalls sicher, dass er Mann ein bisschen auf die Sprünge helfen darf. Persönlich sowieso: Hat Breloer nicht lange genug vor dem großen Dichter auf den Knien gelegen? Gehört er nicht gleichsam zu dessen geistiger Familie, seit er 2001 "Die Manns" drehte, eine Chronik über die wechselvolle Geschichte des Dichterclans?
Als Mann-Kenner darf sich Breloer nun einiges leisten. Manchmal entsteht Hinnehmbares, manchmal wird er aber auch frech. Warum müssen wir sehen, wie Thomas Buddenbrook mit seiner schönen Frau Gerda koitiert? Weil wir zu dumm sind, um zu begreifen, dass es auch vor 150 Jahren Sex gab? Damit wir genießen, wie die kühle Geigenkünstlerin über anfänglichen Schmerz zum Orgasmus findet?
Im Roman steht davon nichts, der "Zauberer", wie die Mann-Familie ehrfürchtig ihr Oberhaupt nannte, hat die Leserschaft in diesem Roman bei der Orgasmusfrage alleingelassen. Vielleicht ahnte er, dass uns Geheimnis und Auslassung schärfer machen, als es die Naivität eines sexuellen Materialismus tut.
Schon früh hat sich das Kino dem literarischen Jahrhundertdenkmal angenähert. "Eine verunglückte Angelegenheit", urteilte der Kinoliebhaber Thomas Mann noch selbst über den Ufa-Stummfilm von Gerhard Lamprecht, der 1923 in Berlin Premiere hatte.
Nicht mehr miterleben konnte er die zweite deutsche "Buddenbrooks"-Verfilmung, Regie: Alfred Weidenmann. Die wurde 1959 in der Lübecker Stadthalle uraufgeführt, bestand aus zwei Teilen und trug den Untertitel: "Frei nach dem Roman von Thomas Mann". Frei ging es wirklich zu. Vor der Kamera versammelte sich die Elite von Papas Kino, unter anderen Lil Dagover, Wolfgang Wahl, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller und Hanns Lothar. Nicht dem Roman hatten diese Stars zu dienen, es war umgekehrt: Good old Lübeck sollte den Ruhm der Leinwandlieblinge vermehren.
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Es gibt wohl keine heutige Bedeutung des Films in dem Sinn, dass der im Roman geschilderte Verfall einer bürgerlichen Familie Ende des 19.Jahrhunderts starke Parallelen zur heutigen Krise oder dem anbahnenden Verfall eines [...] mehr...
Das weiss ich auch. War aber mehrmals bei den öffentlich-rechtlichen zu hören, als der Film vorgestellt wurde. mehr...
Wer schreibt denn so was? Das ist eine schwache Interpretation. Mit "Globalisierung" hat "Buddenbrooks" nun gar nichts zu tun; vielmehr mit "Generationenkonflikten", wobei der Begriff [...] mehr...
Aufgrund des Trailers stehe ich der Budddenbrook-Verfilmung sher skeptisch gegenüber. Dies hängt unter anderem mit der Anpassung an die Neuzeit zusammen. Ich persönlich liebe die Sprache Thomas Manns aufgrund seiner Deteilgetreu, [...] mehr...
"Buddenbrooks" zu lesen ist in der Tat anstrengend und teils langweilig, da sich die Beschreibungen sehr lange hinziehen. Die Handlung selbst ist auch nicht überragend, aber die philosophischen Gedanken dafür umso [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 51/2008
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