Von Nikolaus von Festenberg
Die Devise lautete: bloß nicht zu viel "Verfall einer Familie", wie der Roman im Untertitel heißt. Stattdessen Aufstieg, Sauberkeit, Haltung und möglichst wenig Hinweise auf wirtschaftliche Krisen - das passte nicht in die Zeiten des Wirtschaftswunders. Weg ließ der Film unter anderem den alten Johann, jenen bald französisch, bald plattdütsch bramarbasierenden, in sich ruhenden Patriarchen und stolzen Vorfahren, den man eigentlich braucht, um den "Verfall" darzustellen und zu begreifen. Trotz solcher Eingriffe wurde der Nachkriegsfilm ein großer Erfolg.
Ein Film ist ein Film, und ein Buch ist ein Buch, so hieß es schon damals. Erika Mann, nach dem Tod des Vaters die Gralshüterin seines Werks, segnete das Projekt gegenüber der Familie ab und sprach in der Verfilmung gar einen Papageien. Die Gelassenheit gegenüber den bedenkenlosen Handwerkern des Unterhaltungskinos hatte auch historische Gründe: Was war schon ein Spielfilm zu einer Zeit, als Lesen noch eine wenig angefochtene Stellung hatte? Zumal im Fall von "Buddenbrooks", einem der erfolgreichsten deutschen Bücher, obendrein mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Zwei Jahrzehnte später kam das Fernsehen, das in den ausgehenden siebziger Jahren noch ganz unter öffentlich-rechtlicher Kulturbevormundung stand. Ob der Zuschauer wollte oder nicht, der Hessische Rundfunk verordnete 1979 elf Folgen "Buddenbrooks" zur besten Sendezeit. Sie waren in 156 Drehtagen entstanden, mit 120 Rollen, schon damals ein Monster an Umfang und im Rückblick das rührende Requiem einer untergehenden Fernsehkultur.
Die Verfilmung von Franz Peter Wirth zeigte werktreu den ganzen Roman, vier Generationen einer patrizischen Kaufmannsfamilie in vier Jahrzehnten, unterschlug keine der Figuren und fand auch noch Zeit für Meereswogen und Landschaft. Darsteller wie Martin Benrath, Volker Kraeft und Ruth Leuwerik trugen die grundsolide Produktion. Familienfeste, Hochzeiten, Bestattungen und Jubiläen betteten die Protagonisten sicher in die Handlung ein.
Erst auf Drängen von Breloer, diesem Besessenen, kam nun die aktuelle, vierte Adaption zustande, für die Fernsehen und Kinoindustrie 16,2 Millionen Euro lockermachten. Skepsis erscheint angebracht. Musste das wirklich sein? Ist nicht manches an der Kunst des "Zauberers" in die Jahre gekommen? Die ziselierte Sprache etwa? Und vor allem Manns Flirt mit Morbidezza und Dekadenz?
Mein Gott, wo geht es in der heutigen Welt nicht nieder, besonders in der Familie! Eltern sind scharenweise desertiert, Brüder, Schwestern, Opas, Omas, Tanten und Onkel - alle verstreut in die Winde der globalen Arbeitsteilung. Probleme wie die der Buddenbrooks - mancher Vereinsamte von heute hätte sie vielleicht gern.
Und: Zu welchem Beruf kann eine Familie heute noch ihre Kinder erziehen? Was nützen Reife, Lebenserfahrung, konsulare Würde in der gegenwärtigen Gesellschaft? Die Infanten der kuscheligen Kleinfamilie geben heute den Ton an.
Wer hat da noch Angst vor patriarchalischen Vätern? Vor Zwangsverheiratungen, vor einem innerfamiliären Rufverlust? Wo früher Patriarchen röhrten, stecken sich heute Kinder die Kopfhörer in die Ohren, wenn die Eltern nerven. Und statt der Lehrerin Sesemi Weichbrodt wird die Supernanny geholt.
Breloer ahnt das. Aber er möchte den Funktionsverlust der Familie mit filmischem Feuerwerk verdrängen. Tempo und kein skeptisches Alte-Zeiten-Betrachten. Folgerichtig beginnt der Film nicht damit, dass Tochter Tony den Katechismus aufsagt, sondern mit einer Actionszene, einem Wagenrennen der Jugend zur Trave hinab. Optik, Ausstattung, Kostümbildnerei zeigen so gleich einmal, wer der eigentliche Herr im Filmhaus Buddenbrook ist: der Kameramann Gernot Roll, der sich überall ins Geschehen einmischt. Roll hatte schon die TV-Serie fotografiert, jetzt fährt er wie ein Wirbelwind durch das aufwendig nachgebaute Kaufmannshaus, und magisches Licht dringt aus allen Ecken.
Bewegung liebt Bewegung. Ausgiebig wird getanzt, ja, das Tanzen erscheint wie die moderne Grundhaltung zum historischen Stoff: weiter, bloß weiter.
Zweieinhalb Stunden lang erteilt der Film dem großen Roman Nachhilfeunterricht - die Hexer belehren den Zauberer. Der Breloer-Film dünnt die Figurenwelt aus, wie es schon der Nachkriegs-Kinohit tat: keine zwei Ahnen, sondern nur einer als ideeller Gesamtstammvater, den Armin Mueller- Stahl eindrucksvoll statuarisch zelebriert (siehe Interview Seite 152). Nebenfiguren gibt's nur, wenn sie drastisch sind. So kichert Sylvester Groth den Bankier Kesselmeyer, als wäre er gerade aus Hollywoods "Kuckucksnest" ausgebrochen.
Heutige Distanz zur alten Gefühlswelt zeigt sich vor allem bei Jessica Schwarz, die gelungen Tony verkörpert. In ihrer reservierten Darstellungsweise kommt sie den Modernisierungsabsichten Breloers am nächsten. Ob sie sich in den Lotsensohn Morten (Alexander Fehling) verliebt, sich gegen den Betrüger Grünlich (Justus von Dohnányi) wehrt oder über den Zweitehemann (glänzend: Martin Feifel) empört - immer strahlt diese Tony höchst spöttische Verachtung gegenüber der Frauenunterdrückung aus.
Die Breloer-Adaption zeigt, wie schamfrei sich die Gegenwart vergangene Zeiten einverleibt: Die Bilder von heute glauben nicht mehr an alte Texte, sondern nur an sich selbst. Die in existentielle Tiefen führenden Erschütterungen der Literatur? Sorry, was soll die Kamera da machen? Der Dichter verfiel beim Tod seines Helden Hanno vor lauter Mitgefühl in ein allgemeines (und grandioses) Reden über den Typhus. Breloer zeigt dazu Bilder des vom Fieber geschüttelten Knaben. Auf der artistischen Höhe des Romans ist das nicht.
Das letzte Wort der "Buddenbrooks" gehört Sesemi Weichbrodt. Wenn es doch so wäre, dass man alle gestorbenen Verwandten einmal wiedersähe, barmt Tony. "Es ist so", erwidert die alte Sesemi im Roman. Der Film geht beiläufig darüber hinweg - Sesemi kommt gar nicht vor -, was im Roman eine hinreißende Szene ist.
Familie überlebt als ewige Sehnsucht des Menschen, bedeutet dies trotzige Wort. Familie existiert nicht nur durch Kultur, Wirtschaft oder Lust, sondern vor allem durch Hoffnung. Thomas Mann unterschreibt seine Botschaft anschaulicher als Breloer mit seinen konventionellen Bildern: "Sie stand da ... bucklig, winzig und bebend vor Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin."
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