Von Henryk M. Broder
Der Brite an sich ist gutmütig, aber schrullig. Er futtert geschmacklosen Haferschleim zum Frühstück, trinkt warmes Bier am Abend und geht auch im Sommer nicht ohne Regenschirm aus dem Haus. Berüchtigt ist auch das Sexualleben der Briten. Ein im Königreich beliebter Witz dazu besteht aus nur zwei Sätzen: "Darling, hab ich dich verletzt?" - "Nein, hab ich mich bewegt?"
Kein Wunder also, dass die Welt aufhorcht, wenn von der anderen Seite des Ärmelkanals Geschichten bekannt werden, die darauf hinweisen, dass die Briten doch ein Sexualleben haben. Demnächst muss sich sogar ein deutsches Gericht mit einem Fall von - sagen wir - unkonventioneller britischer Sexualpraxis befassen.
Im Mittelpunkt der Affäre steht ein Ehrenmann, Sportfunktionär und Multimillionär - Max Mosley, 68, Präsident der Fédération Internationale de l'Automobile, abgekürzt Fia, die den Formel-1-Zirkus organisiert. Das allein gibt der Geschichte bereits jene Fallhöhe, die Boulevardzeitungen und TV-Magazine anlockt. Hinzu kommt, dass Max Mosley nicht nur ein Autonarr, sondern auch Sohn des britischen Faschistenführers Sir Oswald Mosley ist, der 1936 im Berliner Haus von Joseph Goebbels Diana Mitford ehelichte, eine entschiedene Verehrerin des Führers, der bei der Feier als Ehrengast zugegen war. Wäre es nach Sir Oswald gegangen, hätte sich England mit dem Dritten Reich verbündet, statt ihm den Krieg zu erklären.
Nun ist niemand für die Küche verantwortlich, aus der er kommt. Andererseits werden bei sozial auffälligen Jugendlichen der familiäre Hintergrund und das soziale Umfeld gern berücksichtigt. Deswegen ist es vielleicht nicht unfair, dies auch bei Mosley junior zu tun, den seine Eltern einst gewiss nicht nur aus rein pädagogischen Überlegungen auf eine deutsche Schule geschickt haben.
Max Mosley also ist praktizierender Sadomasochist. Seit über 40 Jahren. In einem Interview mit dem "Guardian" sagte er jüngst, Sadomasochismus und Sex seien "zwei ganz verschiedene Dinge", obwohl auch im Sadomasochismus ein "sexuelles Element" enthalten sei. "Sex ist absurd, es ist ein sehr merkwürdiges, völlig tierisches Ding, das man nicht ganz versteht. Und die Leute wissen nicht, warum sie das mögen, was sie mögen. Aber warum sollte man sich Sorgen machen, solange man niemanden verletzt?"
Und so machte sich Max Mosley weder Sorgen noch Gedanken, als er am 28. März fünf Damen in einer Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea traf, um eine "Party" zu feiern, die nur zwei Tage später im Londoner Boulevardblatt "News of the World" ausgiebig beschrieben und entsprechend bebildert wurde.
Was Mosley nicht wissen konnte: Eine der Frauen, die er angeheuert hatte, war von "News of the World" mit einer Minikamera ausgerüstet worden, die sie irgendwo in der Kleidung versteckt hatte. Die Bilder, die das Hightech-Ding lieferte, waren nicht besonders klar, aber doch in jeder Hinsicht scharf genug, dass es nicht lange dauerte, bis auf YouTube ein etwa zwei Minuten langer Clip zu sehen war, mit Mosley in der Haupt- und seinen fünf Partnerinnen in der Nebenrolle.
Freilich: Man musste schon genau hinsehen, um zu erkennen, was die munteren sechs treiben. Der unbefangene, mit SM-Techniken nicht vertraute Zuschauer könnte annehmen, ein älterer Herr werde von ein paar als Dominas verkleideten Krankenschwestern physisch gedemütigt, erniedrigt und misshandelt.
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© DER SPIEGEL 51/2008
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