In "Operation Walküre" kann Cruise nun den Helden geben und zeigen, was es heißt, sich von einer totalitären Ideologie zu befreien, selbstlos zu handeln statt selbstsüchtig wie ein übergeschnappter Star. "Es kommt sehr selten vor, dass ein Mensch aus einer strikten Ordnung ausbricht, die er bislang verteidigt hat", erzählt Drehbuchautor McQuarrie. "Jedem von uns fällt es schwer, das eigene Leben von außen zu betrachten und ihm eine ganz neue Richtung zu geben."
Mit diesen Sätzen charakterisiert McQuarrie den Filmhelden Stauffenberg - doch sie treffen auch auf den Schauspieler Cruise zu. Um seine Karriere zu retten, musste er alles daransetzen, die inzwischen gewaltige Kluft zwischen seiner Leinwand-Persona als souveräner Weltenretter und seinem Star-Image wieder zu schließen.
Von der ersten Sekunde an lässt der Film keinen Zweifel daran, dass sein Held auf der richtigen Seite steht. Den Gesinnungswandel Stauffenbergs, der vom anfänglichen Anhänger Hitlers zum erbitterten Widersacher wurde, klammert "Opera-tion Walküre" komplett aus. Der echte Stauffenberg etwa schrieb im September 1939 in einem Brief an seine Frau aus dem besetzten Polen über den "unglaublichen Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun". Im Film - kein Wort davon. Stattdessen zeigt gleich die Anfangsszene Cruise als desillusionierten Stauffenberg, der an der nordafrikanischen Front in sein Tagebuch schreibt, Hitler treibe Deutschland in den Untergang.
Diese Szene findet sich in einer älteren, auf den 7. Januar 2007 datierten Drehbuchfassung noch nicht. Die Autoren wollten den Film vielmehr mit der Stimme Hitlers beginnen lassen, der in einer Radioansprache verkündet, dass erneut ein Attentat auf ihn gescheitert sei. Stauffenberg wäre in dieser Fassung erst nach etwa zehn Minuten zum ersten Mal zu sehen gewesen - sehr spät für einen Star-Auftritt.
Auch von der adeligen Überheblichkeit, mit der die Autoren ihren Helden in dieser Drehbuchversion einige Male Andersdenkende abkanzeln lassen, ist im Film wenig geblieben. "Operation Walküre" raubt Stauffenberg seine Komplexität, stets kommt er markig und schneidig daher und versenkt auch schon mal cool sein Glasauge im Drink eines Mitverschwörers.
Der Preis, den der Film für diese Idealisierung zahlt, ist sehr hoch. Man kann "Operation Walküre" nicht vorwerfen, dass er die Geschichte heftig klittern würde, und man kann ihm auch nicht vorwerfen, dass er seinen Stoff in Pathos ertränkt. Nein, mit artigem Naturalismus wird die militärisch-bürokratische Welt des Nationalsozialismus nachgestellt, die Dienststuben und die Konferenzzimmer, dieses ganze bekannte Ambiente aus schwerem Holz, steifen Uniformen und dramatisch drapierten Fahnen, und mit artigem Tonfall und nachdenklich gerunzelter Stirn sagen die Darsteller ihre Verschwörersätze auf. Über die Motivation der hochrangigen Militärs erfährt der Zuschauer hingegen so gut wie nichts.
Etwa eine halbe Stunde lang ist "Operation Walküre" sogar spannend, wenn nämlich der Film mit nüchterner logistischer Genauigkeit erzählt, wie der geplante Staatsstreich nach dem - für geglückt gehaltenen - Attentat von Berlin aus anläuft; der Zuschauer ahnt, wie anders die Geschichte hätte verlaufen können, wenn nur ein paar Winzigkeiten anders gekommen wären.
Doch was man dem Film vorwerfen kann und muss, ist seine Instrumentalisierung der Geschichte. Es bleibt immer der saure Beigeschmack, dass es den Filmemachern gar nicht so sehr um dieses eine, ganz konkrete Drama geht, sondern dass das Attentat in Wahrheit nur als Kulisse dient für das lebende Bild "Held vor Hakenkreuzfahnen". Und dass sie sich darum erst gar nicht bemühen, seine Ambivalenzen auszuloten oder einen eigenen künstlerischen Zugriff - jenseits der sepiagetönten Nacherzählung - auf den historischen Stoff zu finden. Es macht einen Unterschied, ob Tom Cruise um seine Karriere kämpft oder Claus Schenk Graf von Stauffenberg um sein Vaterland.
In den USA, wo nur knapp ein Viertel aller Highschool-Abgänger überhaupt weiß, dass Adolf Hitler während des Zweiten Weltkrieges Deutschland regierte, wird "Operation Walküre" als mittelmäßiger Genrefilm durchgewinkt werden und höchstwahrscheinlich weder an der Kasse noch bei den Kritikern groß reüssieren.
Und das nächste Hitler-Attentat steht dem Kino schon bevor. Der Regie-Radaubruder Quentin Tarantino dreht gerade in Berlin und Potsdam-Babelsberg "Inglorious Bastards". Der beruht auf einem italienischen Trashfilm aus den siebziger Jahren, doch mit Stars wie Brad Pitt in den Hauptrollen adelt Tarantino den Stoff nun zum Kinoereignis, an dem keiner vorbeikommt.
"Inglorious Bastards" erzählt von einem Häuflein verwegener US-Soldaten, französischer Widerstandskämpfer und deutscher Überläufer, das Hitler und seine Führungsclique 1944 in einem Pariser Kino in die Luft jagen will. Nichts an dieser Story ist wahr. Mit dem Satz: "Es war einmal in einem von den Nazis besetzten Frankreich ..." beginnt das Drehbuch. "Inglorious Bastards" ist ein laut krachendes Nazi-Märchen.
Willkommen in der neuen Normalität.
Von Lars-Olav Beier, Frank Hornig, Susanne Weingarten und Martin Wolf
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