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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008
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Geheimdienste "Die Deutschen halfen uns"

Der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter Marc Garlasco, der 2003 für die Erfassung von Bombenzielen im Irak zuständig war, über den Wert der BND-Informationen aus Bagdad

SPIEGEL: Haben Sie während des Krieges von den Deutschen Informationen bekommen, die für Ihre militärischen Entscheidungen relevant waren?

Garlasco: Es waren nicht die Meldungen der Deutschen allein, die zu Bombenabwürfen führten, aber unsere Entscheidungen über mögliche Ziele wurden dadurch beeinflusst. Sie haben andere Informationen über harte Ziele bestätigt, die wir später ins Visier genommen haben.

SPIEGEL: Können Sie das belegen?

Garlasco: Ich habe während des Krieges als Leiter des sogenannten High-Value-Target-Bereichs im Pentagon gearbeitet. Während meiner 18-Stunden-Tage habe ich an nahezu allen wichtigen Videokonferenzen zum Thema teilgenommen.

SPIEGEL: Woher bestimmte Informationen kommen, gehört normalerweise zum Geheimsten des Geheimen bei Nachrichtendiensten. Warum sind Sie sich so sicher, dass das Material tatsächlich aus Deutschland kam?

Garlasco: Wir konnten doch nicht einfach entscheiden, heute greifen wir diesen oder jenen Palast an! Wir mussten für jedes Objekt bestimmte Aufklärungsbedingungen erfüllen, bevor wir es auf die Liste der Angriffsziele setzen durften. Die Ziele wurden unter anderem durch Luftaufklärung und elektronische Überwachung bestätigt und wenn irgend möglich auch durch menschliche Quellen.

SPIEGEL: Hatten Sie persönlich Zugang zu BND-Berichten?

Garlasco: Ich war einer von denjenigen, die die Aufklärungs-Analyse-Charts erstellten und beurteilen mussten, wie belastbar die Quellenlage war. Wir waren immer froh über deutsche Meldungen aus Bagdad, weil wir ihnen großes Vertrauen schenkten.

SPIEGEL: Es fällt vielen schwer zu glauben, dass Meldungen zweier einsamer BND-Agenten für Sie von derartiger Bedeutung waren. Die CIA hat ein Vielfaches an Etat und Mitarbeitern.

Garlasco: Wir hatten das Problem, dass die CIA-Quellen, die sogenannten Rockstars, größtenteils aus Irakern bestanden und wir nicht sicher sein konnten, für wen sie wirklich arbeiteten. Im Pentagon haben wir über die Rockstars nur gescherzt. Sie haben sich weitgehend als Blindgänger herausgestellt. Die deutschen Quellenmeldungen waren sehr viel belastbarer und präsenter als der ganze Kram, den wir von den CIA-Rockstars bekamen. Die Deutschen waren vertrauenswürdige, professionelle Militärs. Sie haben in einer Stadt ausgeharrt, die bombardiert wurde, und dabei ihr Leben riskiert.

SPIEGEL: Können Sie konkrete Beispiele nennen, welche Meldungen der Deutschen für Sie relevant waren?

Garlasco: Ich kann mich an diverse Meldungen erinnern, die der SPIEGEL in der vergangenen Woche zitiert hat, besonders an die Erkenntnisse rund um den Offiziersclub in Bagdad. Ein weiteres Beispiel sind Informationen zum Bagdader Messegelände. Ich will hier aber nicht weiter in die Details gehen, es handelt sich bis heute um Geheimberichte, die unter Verschluss sind.

"Die Deutschen können stolz auf ihre Unterstützung sein"

SPIEGEL: Welche Informationen haben konkret Eingang in die Zielplanung gefunden?

Garlasco: Die Deutschen haben schon lange vor dem Krieg und bevor die beiden BND-Agenten nach Bagdad gingen, nützliche Informationen geliefert, die zur Bekämpfung sogenannter harter Ziele sehr wichtig waren. Es gibt dafür Dutzende von Beispielen.

SPIEGEL: Welche?

Garlasco: Frühe Beiträge der Deutschen gab es für Zieltypen wie Gebäude des irakischen Nachrichtendienstes und der Baath-Partei und Paläste von Saddam Hussein. Wie gesagt, keines dieser Ziele wurde nur aufgrund einer Quellenmeldung angegriffen. Wir haben andere Aufklärungsergebnisse benutzt, um deutsche Berichte zu verifizieren und umgekehrt.

SPIEGEL: Von wem sollen diese früheren Informationen gekommen sein?

Garlasco: Das darf ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Aber ich weiß, dass die Informationen aus deutschen Quellen kamen. Es gibt einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch zwischen dem BND und US-Sicherheitsbehörden.

SPIEGEL: Die BND-Berichte an das US-Militär waren bewusst vage gehalten und wurden teilweise zeitverzögert abgeschickt. Sozialdemokraten behaupten jetzt, dass ihr Wert deshalb so hoch für Sie nicht gewesen sein konnte.

Garlasco: Dazu müssen Sie verstehen, wie die Zielauswahl abläuft. Bevor ein Ziel ausgewählt und bombardiert wird, muss es immer mehrere Quellen unterschiedlicher Herkunft und Qualität geben. Die Geheimdienstmeldungen des BND aus Bagdad und die Fotos haben uns geholfen, die Anforderungen für unsere Auswahl militärischer Ziele zu erfüllen. Satellitenbilder können nie so gut wie Männer am Boden sein, die über einen längeren Zeitraum beobachten können, was passiert.

SPIEGEL: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier spricht von einer klaren politischen Weisung, wonach für den BND "eine aktive Unterstützung von Kampfhandlungen ausgeschlossen" sein sollte. Wie hat sich diese Einschränkung auf Ihre Zusammenarbeit ausgewirkt?

Garlasco: Es wäre Geschichtsfälschung, wenn man abstreiten wollte, dass der BND uns bei militärischen Kampfoperationen während des Krieges half. Ich weiß wirklich aus erster Hand, dass seine Informationen uns bei der Zielerfassung geholfen haben. Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte das nicht für falsch. Die Deutschen können stolz auf ihre Unterstützung sein. Sie haben uns ja auch mit sogenannten Non-Targets beliefert, also Zielen, die gerade nicht bombardiert werden sollten.

Ich selbst war gegen den Krieg, aber im Büro habe ich mein Bestes gegeben, und daran kann ich nichts Falsches erkennen. Meiner Meinung nach reden die Politiker nur um den heißen Brei herum: Die Deutschen haben uns beim Feldzug und der Auswahl der Ziele geholfen.

Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur John Goetz

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