AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.12.2008
 

Weinbau

Château global

Von Isabell Hülsen und Thomas Schulz

Der einst betuliche Weinhandel wird zum hartumkämpften, weltweiten Geschäft. Nirgends lässt sich der Wandel so gut beobachten wie im Bordelais, wo viele Weinbauern ums Überleben ringen. Junge deutsche Winzer dagegen erleben einen Aufschwung.

Die Trauben sind längst abgeerntet, fast 40 Hektar Cabernet Franc und Merlot. Über 16 Monate werden sie in französischen Eichenfässern lagern, um zu einem der besten Weine der Welt zu reifen. Stolz schreitet Pierre Lurton an den endlosen Reihen seiner leeren Rebstöcke vorbei, gestikulierend und strahlend. Château Cheval Blanc leuchtet im Hintergrund in der Spätherbstsonne.

"C'est magnifique, n'est-ce pas?", ruft Lurton. Er ist der Chef hier, seit 17 Jahren schon, einer der großen Männer der französischen Weinbranche. Lurton hat allen Grund, es großartig zu finden: Eine Flasche 2007er Cheval Blanc kostet knapp 400 Euro, eine Flasche 1947er ist bei 2000 Euro angelangt.

Goldene Zeiten müssen es sein, hier im Bordelais, der berühmtesten Weinregion der Welt. "Oh nein, ganz und gar nicht", sagt Lurton. Für Spitzenweine wie Cheval Blanc gebe es auf dem globalen Markt mehr reiche Kunden - aus China, Indien und Russland. Und die treiben die Preise. Aber sonst?

Wie in Südamerika sei es inzwischen in der Weinbranche, "die Superreichen hier, die Superarmen da". Die Globalisierung hat das weltweite Weingeschäft kräftig durchgerüttelt: Einst kaum beachtete Weinnationen wie Australien, Chile, Argentinien und die USA - die sogenannten Neue-Welt-Produzenten - überrollen die Märkte mit riesigen Mengen, einheitlichen Marken und großangelegten Werbekampagnen. Neue Konsumenten aus den aufstrebenden Industriestaaten verändern die Geschmacksansprüche. Neue Wettbewerber stellen die über Jahrhunderte fast unveränderte Machtordnung in Frage.

Aus einem vorrangig handwerklich und regional geprägten Geschäft ist ein knallhart geführter Wettbewerb geworden, der dafür sorgt, dass deutsche Winzer zu Verköstigungsreisen nach Vietnam reisen und französische Weingüter Chinesen als Berater einstellen. Ausgerechnet das urkonservative Weingeschäft wird nun zur Fallstudie für die Effekte der Globalisierung.

Und nirgends lässt sich der Wandel so gut beobachten wie im Herzen der Wein-Supermacht Frankreich. Vor 15 Jahren setzte die Grande Nation noch dreimal mehr Wein ab als alle Produzenten der sogenannten Neuen Welt zusammen. Vergangenes Jahr waren es 40 Prozent weniger. Tendenz: weiter fallend. Vielen Franzosen gilt das schon als nationale Katastrophe.

In der Eingangshalle von Château Cheval Blanc, einer sandsteinfarbenen Villa mit kleinem Turm unweit von Saint-Emilion, hängen die Querschnitte des kiesiglehmigen Bodens hinter Glasscheiben wie Kunstwerke. Sie sind stolz hier auf ihr "Terroir", auf die Kombination aus Boden, Lage und Reben, die jeden Wein anders, jedes Weingut speziell machen. "Premier Grand Cru Classé A" darf sich Cheval Blanc nennen und gehört damit einem Eliteclub an.

Doch zwischen 400 Euro und 2 Euro pro Flasche liegen hier nur ein paar hundert Meter. 17.000 verschiedene Bordeaux-Etiketten gibt es mittlerweile. Was eigentlich Tradition, Qualität und Vielfalt ausweisen sollte, ist längst zur Schwäche auf dem Weltmarkt geworden: eine Vielzahl an Bezeichnungen, Reglements und Abfüllungen.

Wer keine große Marke hat wie Mouton-Rothschild oder Cheval Blanc, droht in der Masse zu ertrinken. "Jeder Winzer will seine Identität wahren, aber das versteht kein Kunde", sagt Allan Sichel, Chef des Weinhändlerverbands Union des Maisons de Bordeaux.

Wirklich zu verstehen brauchte das auch lange niemand. Solange der französische Markt funktionierte, mussten sich die Bordeaux-Winzer kaum Mühe geben, den Verbrauchern zu erklären, was die für ihr Geld bekommen. Doch seit Jahren trinken die Franzosen immer weniger Wein. "Jetzt müssen wir Kunden im Ausland erklären, was hinter Bordeaux steckt, wir müssen uns auf den Export einstellen", sagt Sichel.

Neidvoll blicken sie hier deshalb auf die Konkurrenz. Die Neue-Welt-Produzenten setzten von Anfang an auf Reduktion: einfaches Etikett, simple Bezeichnungen, wenige Marken. Die Weine sind aus nur einer Traubensorte gemacht, die prominent auf dem Etikett prangt. Auf einem Bordeaux dagegen steht so ziemlich alles - nur nicht, welche Traube drin ist.

Die Angreifer haben's leichter: Von Kalifornien über Argentinien bis Neuseeland wurde ein Großteil der Anbauflächen erst in den vergangenen 20 Jahren geschaffen. In Europa wird seit rund 1000 vor Christus intensiv Wein angebaut. Entsprechend zersplittert sind die Strukturen: In der EU gibt es allein rund 1,3 Millionen Betriebe.

In Australien dagegen machen nur 100 Produzenten knapp 93 Prozent des Weins. In den USA verkaufen die zehn größten Güter drei Viertel aller Flaschen. Allein der Marktführer Gallo hat einen Marktanteil von fast 30 Prozent. Wer so groß ist, kann problemlos weltweit den Markt fluten. In Großbritannien etwa konnten australische Weine ihren Marktanteil seit 1993 binnen 15 Jahren von 6 auf 21 Prozent hochschrauben. Yellow Tail, eine Marke der australischen Großkellerei Casella Wines, setzte im Jahr der Markteinführung weltweit 200.000 Kisten Wein ab. Im zweiten Jahr waren es über zwei Millionen Kisten.

"Viele Winzer im Bordelais haben nicht gesehen, was auf sie zukommt, und geglaubt, der Name Bordeaux sei magisch, das reicht, damit die ganze Welt kommt und kauft", sagt Olivier Vizerie. Der 41-Jährige ist Makler für Weingüter und Boden, immer öfter sucht er jetzt im Auftrag kleiner Winzer nach Käufern für ihre Parzellen. Wie in anderen europäischen Anbauregionen geben immer mehr auf. Jedes Jahr verschwinden in der Region etwa 500 Produzenten, schätzt Verbandspräsident Sichel. Wer kann, versucht Boden zu kaufen, um in dem exportgetriebenen Geschäft noch mithalten zu können.

Hilfe suchen viele Winzer in einem hässlichen Flachbau in einem Durchgangsdorf in der Gemeinde Pomerol. Auf dem schlammigen Hof parken die typischen weißen Renaults der Weinbauern. Ein gutes Dutzend Mitarbeiter in weißen Kitteln schwirrt drinnen zwischen Zentrifugen und Reagenzglasreihen umher, hantiert mit Pipetten und Etiketten für die lange Reihen von Pröbchen mit jungem Wein.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
alles aus der Rubrik Europa

© DER SPIEGEL 52/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP