AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Weinbau: Die Globalisierung setzt den französischen Winzern zu - und hilft den deutschen

Von Isabell Hülsen und Thomas Schulz

2. Teil: Überleben im globalen Geschäft

"Der Druck auf die Winzer ist größer geworden, Weine zu machen, die den Geschmack der Kunden treffen", sagt Dany Rolland. Gemeinsam mit ihrem Mann Michel betreibt sie das führende önologische Institut in der Region. Früher kamen die Weinbauern nur zu den Rollands, um sich gesetzlich vorgeschriebene Labornachweise zu holen, heute auch, um Rat zum Überleben im globalen Geschäft zu bekommen.

Gut hundert Weingüter sind inzwischen ihre Klienten: im Bordelais, aber auch im amerikanischen Napa Valley, in Indien und Argentinien. Michel Rolland hilft bei der Traubenauswahl, bestimmt den Zeitpunkt der Lese mit und die sogenannte Assemblage - die Mischung der Traubensorten. Für seine Anhänger ist er ein Guru des Geschmacks, einer der weltbesten Önologen. Für seine Kritiker ist Rolland ein Symbol für die Uniformierung im globalen Weingeschäft, ein Botschafter des öden Massengeschmacks.

Unsinnig findet Dany Rolland den Vorwurf, sie und ihr Mann arbeiteten daran, den meist kantigen, komplizierten Bordeaux-Wein auf einen Einheitsstil zu trimmen, der den kalifornischen Weinen ähnelt. "Kein Winzer will, dass wir ihm helfen, genau den gleichen Wein zu produzieren wie sein Nachbar und Konkurrent. Er will nur einen Wein, der gefällt."

Aber genau das ist das Problem: Gegen die sonnenverwöhnten, fülligen Weine aus Spanien, Argentinien oder Südafrika wirken die Bordeaux-Weine für den normalen Weintrinker weniger gefällig: Wegen des hohen Tanningehalts werden sie erst im Alter geschmeidig. "Heute kann man aber nicht warten, bis der Wein den Kunden nach 25 Jahren im Keller vielleicht schmeckt", sagt Rolland.

Mehr fruchtige Merlot-Trauben und eine spätere Ernte, die für höheren Zuckergehalt sorgt - gegen viele solcher "Anpassungen" wehrt sich kaum noch ein Winzer. Doch der Erfolg der Weine aus der Neuen Welt kratzt am Selbstbewusstsein. Auch an dem von François-Bernard Janoueix. Der 67-jährige Winzer und Weinhändler führt mit seinem Sohn den über hundert Jahre alten Familienbetrieb.

Vom kleinen Verkaufsbüro am Ufer der Dordogne aus vertreibt er Wein in über 40 Länder, immer öfter nach Asien - und immer seltener etwa nach Großbritannien: "Die kaufen jetzt lieber in Südafrika", sagt er. Der Boom der Neuen-Welt-Weine ärgert ihn: "Das Geschäft hat im Moment etwas von der Subprime-Krise: Man macht, was gerade geht und gefragt ist. Das ist aber nicht die Logik des Bordeaux, hier geht es nicht um das schnelle, dicke Geschäft, hier möchte man etwas von Dauer schaffen und bewahren", schimpft er. Doch auch Janoueix ist klar: Das Etikett Bordeaux allein reicht nicht mehr.

Fast tausend Kilometer weiter nordöstlich steht Ernst Loosen an einem Steilhang hoch über der Mosel und freut sich, dass die Zeiten vorbei sind, in denen der Name Riesling genügte, um nicht zu verkaufen. Nachdem in den achtziger Jahren vor allem mit der Marke Liebfrauenmilch eine Welle billigsüßer Weißweine den Markt überschwemmt hatte, war der Ruf der deutschen Vorzeigesorte Riesling ruiniert. "Das hat dem deutschen Wein im Ausland mehr geschadet als zwei Weltkriege", sagt Loosen. Seit fast zwei Jahrzehnten betreibt der Mosel-Winzer aus Bernkastel nun schon "Aufräumarbeiten am Image des Rieslings". Loosen scheint auf gutem Weg: Das Wein-Fachblatt "Decanter" kürte ihn als ersten Deutschen zur "Wein-Persönlichkeit des Jahres".

Loosens "Große Gewächse" - das deutsche Pendant zu französischen Grand Crus - von seinen Hauptlagen Wehlener Sonnenuhr, Ürziger Würzgarten und Erdener Treppchen profitieren von ihrer einzigartigen Lage: steile, sonnige Terrassenhänge hoch über der Mosel, mineralhaltiger Schieferboden, dazu bis zu hundert Jahre alte, wurzelechte Rebstöcke, äußerst selten in Europa. "Das sorgt für eine einzigartige Eleganz", sagt Loosen. Weinkenner im Ausland wissen das wieder zu schätzen.

Loosen verkauft seine Spätlesen, Auslesen und Trockenbeerenauslesen für 20, 40, mitunter sogar 80 Euro in alle Welt. Noch Anfang des Jahrtausends waren mehr als zehn Euro selbst für Spitzen-Rieslinge selten. Und fast 90 Prozent der 210.000 Flaschen, die er jedes Jahr abfüllt, gehen in den Export, insbesondere in die USA.

Das ganze Jahr über fliegt er um die Welt, um seine Rieslinge zu präsentieren, zu Weinproben, Messen, Partys in China, Indonesien oder Indien. Loosen nennt es "Marketing über die Leber". Neulich fand er seinen Wein auf der Bordkarte einer japanischen Fluglinie: "Ein tolles Gefühl."

Insgesamt haben die deutschen Winzer zuletzt einen enormen Aufschwung erlebt: 2002 wurden noch 2,4 Millionen Hektoliter exportiert, vergangenes Jahr waren es bereits 3,4 Millionen. Allein die Ausfuhren in die USA haben sich seit dem Jahr 2000 verdoppelt. "Asien wird für uns als Markt immer interessanter und dabei vor allem China", sagt Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts.

Vor allem junge deutsche Winzer wie Marcus Schneider, Hans-Oliver Spanier oder Andreas Spreitzer haben mit neuen Ideen innerhalb weniger Jahre dem hiesigen Wein wieder zu Weltruhm verholfen. "Es gibt eine neue Generation von Winzern, die sich auch stilistisch neu orientieren", sagt Reule. Insbesondere Rieslinge, aber auch immer mehr Rotweine werden mit Auszeichnungen überhäuft und finden sich weltweit in Spitzenrestaurants.

Auch in Deutschland selbst wird wieder deutlich mehr deutscher Wein getrunken: Rund 50 Prozent stammen inzwischen von heimischen Winzern. Deutschland ist damit aber immer noch das größte Weinimportland der Welt und einer der weltweit am heißesten umkämpften Märkte. Um mehr zu produzieren, fehlt es den heimischen Winzern schlicht an Anbauflächen. Sogar Moldawien hat mehr Rebstöcke.

"In vielen Ländern lassen sich ganz andere Preise erzielen als hier", sagt Loosen. Der Durchschnittspreis für einen Liter Wein liegt in Deutschland bei 2,37 Euro. Aldi ist mit Abstand der größte Weinhändler der Republik.

Die enormen Preisunterschiede zeigen, wie sehr die Globalisierung die Weinwelt spaltet. Einerseits erhöhen billige Importe den Preisdruck auf den Normaltrinker-Wein. Andererseits steigt der Preis für Edelweine in schwindelnde Höhen, getrieben vor allem von Neureichen aus Schwellenländern, für die Mouton-Rothschild schlicht zu Gucci und Rolex dazugehört.

Cheval-Blanc-Chef Lurton kennt beide Seiten, denn nebenher betreibt er noch ein eigenes, kleines Gut: "Wenn ich meinen eigenen Wein um 50 Cent verteure, schreien alle Skandal. Bei Cheval Blanc regt sich dagegen niemand auf, wenn es auf einmal 200 Euro mehr sind." Das Geschäft mit der Spekulation machen zwar die Händler, nicht Lurton. Doch auch er profitiert: Jeder neue Jahrgang wird ein wenig teurer.

Und auch wenn die Einnahmen der Top-Güter dadurch seit Jahren enorm in die Höhe schnellen, sind in der snobistischen Weinwelt nicht alle glücklich über die neue Klientel. "Wir verlieren unsere traditionellen Käufer, die sich den Wein zu diesen Preisen nicht mehr leisten können, zugunsten einer neuen Klientel, die Weine als Luxusobjekt kauft", sagt Lurton.

Vor Monaten sei er bei einem Formel-1-Rennen mit Russen gewesen, die sich Cheval Blanc zu "äußerst würzigem Essen" servieren ließen, erzählt er. "Nein, nein, dazu ist der Wein nicht gemacht", habe er versucht zu erklären. "Aber das hat die gar nicht gestört. Die wollten einfach nur einen teuren Wein trinken und dazu kauen."

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  • Datum: Samstag 20.12.2008 | 00:00 Uhr
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