Wirtschaft



AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009
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29.12.2008
 

Ökonomie

"Die Welt hat viel zu sehr auf Pump gelebt"

2. Teil: "Alle haben mitgemacht, nicht nur die Banken"

SPIEGEL: Haben Sie sich jemals gewünscht, dass Sie Ihr Unternehmen nie an den Aktienmarkt gebracht hätten?

Plattner: Ach wissen Sie, insgeheim spielt man solche Gedanken gelegentlich mal durch. Aber das Unternehmen ist ja nicht deshalb an die Börse gegangen, weil es Geld für Investitionen brauchte.

SPIEGEL: Das ist doch in der Regel der wichtigste Grund für so einen Schritt.

Plattner: Schon, aber wir haben unser Wachstum eigentlich immer aus der eigenen Kasse zahlen können. Ohne den Börsengang wäre die SAP allerdings sicher nicht so schnell weltweit populär geworden.

SPIEGEL: Der ewige Renditedruck kann einem Unternehmen aber auch die Luft abschnüren.

Plattner: Natürlich gibt es dieses Gehechel nach Wachstum. Natürlich kann man sich als Vorstandschef gelegentlich vorkommen wie ein Gladiator im Kolosseum. Die johlende Menge von einst sind die Analysten von heute, die den Daumen heben oder senken. Und natürlich hat SAP eine hohe Rendite, die auch nicht kleiner ausfallen darf, weil sonst die Aktionäre sauer sind. Aber wer das Spiel spielt, muss sich an die Regeln halten. Und es ist ein Spiel, das weltweit gespielt wird. Wir sollten uns da keinen Illusionen hingeben.

SPIEGEL: Manchmal ein böses Spiel. Im Jahr 2005 hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann quasi im gleichen Atemzug eine 25-prozentige Rendite für sein Institut proklamiert und zugleich den Abbau von mehr als 6000 Jobs verkündet.

Plattner: Sachlich hatte er völlig recht. Seine Bank brauchte diese Rendite, um global konkurrenzfähig zu bleiben. Er hat es nur unglücklich ausgedrückt. Fast überall auf der Welt wird das auch verstanden, nur in Deutschland nicht, wo einem mitunter eine eher wirre Sozialromantik begegnet.

SPIEGEL: Was ist daran sozialromantisch, wenn man sich eine gerechte Gesellschaft wünscht?

Plattner: Ist die deutsche Gesellschaft denn nicht gerecht? Seit dem Wirtschaftswunder eines Ludwig Erhard stehen wir Deutschen zwar inmitten eines kapitalistischen Wirtschaftssystems, haben ihm aber zugleich den Mantel "Soziale Marktwirtschaft" übergestülpt ...

SPIEGEL: ... die wir vernünftig finden, weil sie die Folgen eines extremen Kapitalismus mildert.

Plattner: Völlig einverstanden. Aber es gibt so eine Stimmung im Land, dass wir Kapitalismus eigentlich gar nicht mehr wollen, sondern was anderes, Netteres. Es existiert aber nichts Besseres, trotz vieler Schwächen und Schattenseiten des Systems. Wohin kommunistische Planwirtschaft führt, hat man in der DDR gesehen. Das reden sich manche mittlerweile schön.

SPIEGEL: Zum Beispiel der "Tatort"-Kommissar Peter Sodann, der sagte: "Ich lasse mir die DDR nicht nehmen."

Plattner: Das gehört für mich in die Abteilung Kuriositätenkabinett. Andererseits ist der Mann immerhin Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.

SPIEGEL: In Umfragen halten immer weniger Bundesbürger die Demokratie für die beste Staats- und den Kapitalismus für die sinnvollste Wirtschaftsform.

Plattner: Das entsetzt mich auch. Da hilft nur, sich mal in der Welt umzuschauen, beispielsweise auf Kuba.

SPIEGEL: Eine der Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise war doch auch die ewige Gier nach immer höheren Renditen.

Plattner: Es gibt diese Gier. Aber entscheidender war: Die Akteure sind unüberschaubare Risiken eingegangen. Übrigens alle: Banker, Politiker und Analysten, Rating-Agenturen, amerikanische Hausbesitzer wie europäische Kleinanleger. Wer nicht weiß, was ein Lehman-Zertifikat bedeutet, sollte sich keines kaufen. Schuld an der Krise hat vor allem die Intransparenz der Risiken auf allen Ebenen. Die wenigsten wussten noch, was sie eigentlich gekauft haben. So konnten diese gefährlichen Papiere unbemerkt den ganzen Planeten infizieren. Als die Krankheit ausbrach, war es schon zu spät.

SPIEGEL: Wann wurde Ihnen das erste Mal klar, dass diese Krise größer ist als alle vorhergehenden Konjunkturschwankungen?

Plattner: Zuerst sah ich im Fernsehen die Menschenschlangen vor den Filialen der britischen Bank Northern Rock. Die Leute hatten plötzlich Angst - vor dem Missmanagement ihrer Banker. Später war ich in der Karibik auf Martinique, wo Amerikaner gern Urlaub machten. Auf einmal waren die verschwunden. Schließlich sah man überall die Bilder von Amerikanern, die ihre Häuser verlassen mussten, weil sie ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Ich finde das bis heute unfassbar, denn es bringt ja auch den Banken nichts, wenn die Häuser unbewohnt sind. Die kriegen sie ja eh nicht los. Also könnten sie wenigstens den Leuten das Drama ersparen, kein Dach mehr überm Kopf zu haben.

SPIEGEL: Ist das nicht typisch für diese extreme Spielart des Kapitalismus? Erst wollen alle das große Geschäft machen. Dann rennen alle weg.

Plattner: Ich habe einen Amerikaner gekannt, der plötzlich krank wurde. Es stellte sich raus, dass er nicht krankenversichert war. Solange man in den USA einen Job hat, sagt man sich: Dann zahl ich die Kosten eben privat, wenn mal was ist. Dieser Mann verlor seinen Job, sein Haus, am Ende sein Leben. Da fing ich endgültig an, über die Fehler im System nachzudenken.

SPIEGEL: Was war das Ergebnis? Wurde den Amerikanern das Leben auf Pump einfach zu leicht gemacht?

Plattner: Sie wurden in die Schulden getrieben von den US-Banken. Die versprachen sich ein Geschäft von den Krediten, die sie an immer ärmere Menschen vergaben. Es war ein wahnsinniger Reklamedruck dahinter. Immer hieß es: Du bist doch blöd, wenn du bei den niedrigen Zinsen nicht dein Haus beleihst, das ja immer im Wert steigen wird. So begann die Massenverschuldung in Amerika. Vielleicht ist das eine Frage der Kultur - oder der Generation. Ich selbst bin so erzogen worden, dass ich nie Schulden gemacht habe.

SPIEGEL: Das klingt, als würden Sie die Hauptverantwortung gar nicht bei den Banken sehen, sondern bei den dummen Kleinsparern.

Plattner: Alle haben mitgemacht, nicht nur die Banken. Die Amerikaner waren bereit, mit Schulden zu leben. Warum kauften die zum Beispiel völlig überdimensionierte Autos, die zudem weit schneller fahren können, als es auf ihren Highways erlaubt ist? Es war ja nicht nur die Industrie, die verführte. Die Menschen wollten sich auch verführen lassen. Ich glaube, das Spiel wäre sogar noch eine ganze Weile weitergegangen, wenn die USA nicht zugleich noch zwei große Kriege hätten finanzieren müssen. Kriege, die sie letztlich genauso auf Pump bezahlten wie ihre Bürger den Hauskauf. Dadurch wurde alles noch schlimmer.

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insgesamt 169 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.01.2009 von Tolotos: Die entscheidende Frage ist, wozu „die Wirtschaft“ dem Pump brauchte .

Die Aussage, dass die Welt zu sehr auf Pump gelebt hat, dürfte stimmen. Allerdings scheint er nicht so ganz zu verstehen, warum das so gekommen ist. Letztlich ließen sich nur so die exorbitanten Renditen und Gehälter überhaupt [...] mehr...

11.01.2009 von Kognitive_Dissonanz: Auch Sie sind verschuldet!

Die immensen Zinslasten belasten - vermutlich relativ gleichmäßig - jeden Konsum und jede Investition. Weil die Verschuldung mit derzeit jährlich etwa fünf Prozent deutlich schneller wächst, als die volkswirtschaftliche [...] mehr...

09.01.2009 von Kognitive_Dissonanz: Die Zinsproblematik

Ganz einfach: weil wir ALLE ein Problem damit haben werden. Wenn sich, wie schon gesagt, die Geldvermögen alle 12 Jahre verdoppeln, dann steht dem auch zwingend eine doppelte Verschuldung der privaten und öffentlichen [...] mehr...

08.01.2009 von Kognitive_Dissonanz: Wer redet hier von R. Steiner?

Es geht hier nicht um Glaubensinhalte, sonderm um eine oekonomische Logik, die sich an der Wirklichkeit messen lässt - der Sie sich auch verweigern dürfen. Wie sind (noch) ein freies Land. Sie stellen Zusammenhänge her - [...] mehr...

08.01.2009 von Ulrich Ochmann: Zins und Senf (2)

---Zitat--- Demnach gehören also 15 % zu den Gewinnern und 85 % zu den Verlierern des Zinssystems. ---Zitatende--- LOL. Das können Sie aber auch umdrehen. Wenn 15% der Bevölkerung ihr Geld vorrangig aus Zinsen beziehen, also [...] mehr...

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