Wirtschaft



AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009
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29.12.2008
 

Ökonomie

"Die Welt hat viel zu sehr auf Pump gelebt"

3. Teil: "Die Welt hat viel zu sehr auf Pump gelebt"

SPIEGEL: Vielleicht hätte an der Wall Street auch einfach mal jemand seinen gesunden Menschenverstand einschalten sollen, statt das Handeln von sturen Computerprogrammen beherrschen zu lassen.

Plattner: Sie haben ja recht. Das Denken wurde teils den Algorithmen der Computer übertragen. Es ist ein bisschen wie der Autopilot in einem Flugzeug. Ohne ihn geht es nicht. Aber allein kann er auch nicht fliegen.

SPIEGEL: Wenn alle die gleiche Software benutzen ...

Plattner: ... verhalten sich alle gleich ...

SPIEGEL: ... wie Lemminge.

Plattner: Wenn aber schon all diese klugen Mathematiker und Statistiker mit all ihrer Software und ihren Berechnungsmodellen am Ende so ein Desaster modellieren - dann ist der Ruf nach mehr Überwachung und Regulierung die falsche Reaktion.

SPIEGEL: Einspruch! Das freie Spiel des Marktes hat doch ganz offensichtlich versagt. Deshalb rufen nun alle Akteure nach Staatshilfe.

Plattner: Und? Die private Verschuldung wird in eine öffentliche ausgetauscht. Das Problem wird nur verschoben. Natürlich brauchen wir akute Finanzhilfen, auch wenn mir nicht ganz einleuchtet, weshalb jetzt ausgerechnet die als Erste Geld vom Staat bekommen sollen, die am schlechtesten gewirtschaftet haben.

SPIEGEL: Sind sie gegen Staatshilfen für Banken und Unternehmen?

Plattner: In der augenblicklichen Lage mag es ohne Überbrückungskredite nicht gehen. Banken und Unternehmen benötigen Zeit zur Anpassung. Aber grundsätzlich sind Subventionen problematisch. Besser sind Investitionen in die Zukunft, in Infrastruktur und Bildung.

SPIEGEL: Und wieso ist der Ruf nach schärferer Regulierung die falsche Reaktion?

Plattner: Klar, man muss neue Grenzen ziehen. Aber letztlich bleibt es eine Frage der Transparenz. Die Märkte brauchen deshalb vor allem Gesetze, die genau diese Offenheit schaffen. Schauen Sie sich an, was weltweit mit dem Trendthema Biosprit passiert ist! Anfangs legten viele Staaten gewaltige Förderprogramme auf, um aus Getreide Kraftstoff herzustellen. Plötzlich schlug die Uno Alarm, weil sich die Preise für Grundnahrungsmittel verdoppelt hatten.

SPIEGEL: Auch dieses Problem wurde von Spekulanten befeuert.

Plattner: Mag sein. Aber plötzlich hatte man ein weltweites Hungerproblem. Letztlich zeigt das Beispiel nur: Auch Staaten sind begrenzte Einzelakteure, Fähigkeit zum Irrtum inklusive. Wie Individuen machen sie Fehler. Transparenz hilft, solche Fehler schneller zu erkennen.

SPIEGEL: Sind die USA nur Teil des Problems oder auch der Lösung?

Plattner: Natürlich beides. Sie haben uns die Krise zwar eingebrockt, aber ich bin mir sicher, dass sie auch die Ersten sind, die daraus gestärkt hervorgehen werden. Übrigens haben Amerikaner auch keine Probleme damit, jemanden für 25 Jahre ins Gefängnis zu stecken, wenn er nachweislich gelogen und betrogen hat wie etwa der Worldcom-Gründer Bernie Ebbers. Was nicht funktioniert, das ändern die Amerikaner schnell und mitunter hart.

SPIEGEL: Die Boni für die Manager waren doch auch ein Teil des Übels. Allein die US-Investmentbank Goldman Sachs hat in den vergangenen Jahren etliche Milliarden an Boni ausgeschüttet.

Plattner: Das mag für unsere Phantasie Wahnsinn sein. Aber Amerika tickt da anders. Dort sagen mir sogar unsere eigenen Topleute: Du hast SAP vielleicht gegründet, aber wir entwickeln es nun fort und liefern dir den Gewinn. Also wollen wir auch ein Stück vom Kuchen haben. Und wissen Sie was? Ich finde, dass die recht haben.

SPIEGEL: Die Boni sind an Kriterien wie die Entwicklung des Aktienkurses geknüpft. So was verführt zu Bilanzkosmetik und atemlosem Aktionismus.

Plattner: Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Steigende Unternehmensgewinne befeuern den Aktienkurs. In der Folge steigen auch die Boni.

SPIEGEL: Es gab in den vergangenen Monaten Banker, die erst ihre Institute an die Wand fuhren und als Dank noch fette Abfindungen kassieren konnten.

Plattner: Das mag man den Leuten schwer erklären können. Aber diese Abfindungen und Boni sind ja nur noch ein Echo auf alte Erfolge, Rest-Gagen für frühere Jahre. Sie können den Managern diese einmal gewährten Gehaltsbestandteile auch nicht einfach vorenthalten. Schließlich gibt es Verträge. Finden Sie mal einen, der einen Vertrag unterschreibt mit - sagen wir - einjähriger Laufzeit! Ich finde es schon verrückt, dass wegen exorbitanter Gagen immer nur auf Manager eingedroschen wird. Eigentümer werden da selten belangt.

SPIEGEL: Die Finanzkrise hat die reale Wirtschaft unglaublich schnell erreicht. Viele Konzerne erwägen Entlassungen. Nicht mal die erfolgsverwöhnte SAP kann mehr klare Prognosen abgeben für 2009.

Plattner: Schlimmer als schlechte Aussichten sind gar keine. Es herrscht totaler Nebel. Wir haben keine Ahnung mehr, wie es weitergeht.

SPIEGEL: Selbst SAP spart nun bei Geschäftsreisen, Dienstwagen und Ähnlichem.

Plattner: Ach, das ist Pillepalle. Da wurden jetzt ein paar Dinge gestrichen. Das war vielleicht etwas hölzern kommuniziert.

SPIEGEL: Ist es denn üblich, dass Sie als Aufsichtsratschef den Stimmungsmacher bei einer Betriebsversammlung geben?

Plattner: Es ist zumindest nicht ungewöhnlich, dass ich dort mal auftauche. Und die momentanen Umstände sind ja wirklich außergewöhnlich. Aber das größte Problem der SAP sind nicht wir, sondern die Analysten, die Zahlen verlangen.

SPIEGEL: Welche Lehren ziehen Sie persönlich aus der aktuellen Wirtschaftskrise?

Plattner: Neulich lief im deutschen Fernsehen "Domino Day". Man sah die Steine in einer rasenden Geschwindigkeit fallen. Unerbittlich. Mit der gleichen unerbittlichen Konsequenz fällt nun in der Wirtschaft Stein um Stein in beängstigender Schnelligkeit. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass wir so viel schlauer sind als in der Weltwirtschaftskrise vor fast 80 Jahren. Die Welt hat viel zu sehr auf Pump gelebt - und tut es noch.

SPIEGEL: Inwiefern?

Plattner: Wenn man sich anschaut, wie wir Menschen unsere Umwelt ausbeuten, dann kann man nur zu dem Schluss kommen: Wir alle leben weit über unsere Verhältnisse - und merken es nicht mal. Wenn uns da mal die Rechnung präsentiert wird ...

SPIEGEL: Herr Plattner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Klaus-Peter Kerbusk und Thomas Tuma

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insgesamt 169 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.01.2009 von Tolotos: Die entscheidende Frage ist, wozu „die Wirtschaft“ dem Pump brauchte .

Die Aussage, dass die Welt zu sehr auf Pump gelebt hat, dürfte stimmen. Allerdings scheint er nicht so ganz zu verstehen, warum das so gekommen ist. Letztlich ließen sich nur so die exorbitanten Renditen und Gehälter überhaupt [...] mehr...

11.01.2009 von Kognitive_Dissonanz: Auch Sie sind verschuldet!

Die immensen Zinslasten belasten - vermutlich relativ gleichmäßig - jeden Konsum und jede Investition. Weil die Verschuldung mit derzeit jährlich etwa fünf Prozent deutlich schneller wächst, als die volkswirtschaftliche [...] mehr...

09.01.2009 von Kognitive_Dissonanz: Die Zinsproblematik

Ganz einfach: weil wir ALLE ein Problem damit haben werden. Wenn sich, wie schon gesagt, die Geldvermögen alle 12 Jahre verdoppeln, dann steht dem auch zwingend eine doppelte Verschuldung der privaten und öffentlichen [...] mehr...

08.01.2009 von Kognitive_Dissonanz: Wer redet hier von R. Steiner?

Es geht hier nicht um Glaubensinhalte, sonderm um eine oekonomische Logik, die sich an der Wirklichkeit messen lässt - der Sie sich auch verweigern dürfen. Wie sind (noch) ein freies Land. Sie stellen Zusammenhänge her - [...] mehr...

08.01.2009 von Ulrich Ochmann: Zins und Senf (2)

---Zitat--- Demnach gehören also 15 % zu den Gewinnern und 85 % zu den Verlierern des Zinssystems. ---Zitatende--- LOL. Das können Sie aber auch umdrehen. Wenn 15% der Bevölkerung ihr Geld vorrangig aus Zinsen beziehen, also [...] mehr...

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