Von Tania Greiner und Veronika Hackenbroch
Jedes Jahr werden von nun an rund 70.000 Elternpaare die Schreckensnachricht erhalten, ihr soeben geborenes Baby sei möglicherweise schwerhörig.
Routinemäßig wird ab 1. Januar jedem Neugeborenen noch in der Klinik ein weißer Plastikstab in die Ohren gedrückt. Er misst die "otoakustischen Emissionen", jene zarten Schallwellen, die als eine Art Echo entstehen, wenn ein gesundes Innenohr gereizt wird.
Bei jedem zehnten Baby liefert der Hörtest einen auffälligen Befund. Doch dann werden die Eltern vom Klinikpersonal beruhigt: Tatsächlich bestätige sich die Diagnose einer beidseitigen Schwerhörigkeit am Ende nur bei rund 800 Kindern. Bei allen anderen schlage der Hörtest aus anderen Gründen Alarm, etwa, weil kurz nach der Geburt noch Reste des Fruchtwassers den Gehörgang verstopfen.
Die Gründe für das neue Screening, das bereits in Modellregionen erprobt wurde, sind durchaus ehrenwert: Schwerhörige Kinder sollen nicht wie bislang erst im Alter von zwei bis vier Jahren, sondern möglichst schon in den ersten sechs Lebensmonaten identifiziert und mit einem Hörgerät oder einem sogenannten Cochlear-Implantat im Innenohr behandelt werden. Auf diese Weise sollen spätere Sprachstörungen vermieden oder verringert werden.
Jahrelang haben Interessenverbände, Kinder- und HNO-Ärzte in harter Lobbyarbeit darauf hingewirkt. Jetzt müssen die Krankenkassen für die Massentests zahlen. Dabei haben Studien bislang nicht eindeutig nachweisen können, wie sehr sich die Sprachentwicklung schwerhöriger Kinder durch eine Frühsterkennung wirklich verbessern lässt. Auch der Grad der Schwerhörigkeit sowie das Engagement der Eltern könnten möglicherweise eine wichtige Rolle spielen. Letztendlich sei die Entscheidung für oder gegen ein Screening "keine Frage der medizinischen Notwendigkeit, sondern eine gesellschaftliche und individuelle Werteabwägung", konstatierte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in seinem Bericht, der die Grundlage für die Entscheidung lieferte.
Nun droht dem Mammutprojekt ein organisatorisches Chaos. So fehlen vielerorts noch die Testgeräte. Mangelware sind vor allem die teuren Instrumente für die sogenannte Hirnstammaudiometrie. Mit diesen Untersuchungsapparaten muss bei Kindern mit auffälligem Erstbefund die Reaktion des Gehirns auf akustische Reize getestet werden - um die Verdachtsfälle auf gut 10.000 einzugrenzen.
"Ich habe große Zweifel, ob ganz Deutschland schon für die Einführung der Hörtests gerüstet ist", urteilt Tadeus Nawka vom Universitätsklinikum Greifswald, Spezialist für frühkindliche Hörstörungen und eigentlich ein Befürworter des Screenings.
Denn es fehlen nicht nur die Testgeräte; auch die logistische Umsetzung dürfte noch große Probleme bereiten: Um innerhalb weniger Monate möglichst viele jener 800 schwerhörigen Kinder aus den 70 000 ursprünglich auffälligen herauszufiltern, wäre eine straffe Organisation erforderlich, die dafür sorgt, dass die Eltern ihre Kinder auch wirklich zu den weiteren Untersuchungen bringen.
Doch statt wie in Großbritannien eine zentrale Leitstelle zu schaffen, die alle Daten sammelt und die Eltern unter Druck setzt, soll das Screening-Ergebnis in Deutschland vorerst nur im Vorsorgeheft des Kindes protokolliert werden. Folglich hängt es von der Hartnäckigkeit der Kinderärzte ab, ob es tatsächlich zur Nachuntersuchung kommt.
Lediglich einige wenige Bundesländer, darunter Hessen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, haben in ihren bereits länger laufenden Modellprojekten einigermaßen funktionierende Screening-Leitstellen aufgebaut. Viele andere Länder haben nichts dergleichen zu bieten.
Die Erfahrungen aus den bisherigen Modellregionen zeigen eindeutig: Wenn sich die Organisatoren nicht intensiv um die Nachuntersuchung der auffällig getesteten Neugeborenen kümmern, geschieht oft gar nichts; viele Eltern jedenfalls verhalten sich, durch die hohe Fehlerquote der Tests beruhigt, erstaunlich passiv - oft sogar dann, wenn sie schriftlich an die fällige Nachuntersuchung erinnert werden.
In Hamburg beispielsweise gibt es zwar eine Screening-Leitstelle, die schon in der Vergangenheit Mahnbriefe an die Eltern der betroffenen Kinder verschickt hat; dennoch brachten nur etwa 40 Prozent ihre Neugeborenen zu den Folgeuntersuchungen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern lag die Quote bloß bei 44 Prozent. Verbessern ließen sich diese Zahlen nur durch zusätzliche Telefonanrufe bei den Eltern - oder, wie in der Oberpfalz geschehen, durch die Einschaltung des Jugendamts.
Insgesamt, so die Schätzung von Experten, könnten mehr als die Hälfte der schwerhörigen Kinder trotz Screenings unbehandelt bleiben - ein Wert, der sich auch mit wesentlich kostengünstigeren Tests nur bei Risikokindern erreichen ließe.
Der Aufwand eines Screenings sei von vielen unterschätzt worden, meint Martin Ptok, ärztlicher Direktor der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Und Götz Schade, Leiter der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Klinik Bonn, hält die Enttäuschung für programmiert: "Wir werden bald merken, dass wir noch ziemlich weit davon entfernt sind, Hörstörungen bei Kindern möglichst früh und flächendeckend zu behandeln."
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Sehr geehrte Damen und Herren Redakteure, sicherlich war Ihr Artikel zum Neugeborenen-Hörscreening (NHS) an die schwächelnden Gesundheitspolitiker gerichtet, die Deutschland in diesem Bereich zu einem „Entwicklungsland“ im [...] mehr...
Der positive Prädiktionswert wurde durchaus angegeben als 800/70000 = 1,1% Unschönerweise ist der aber von der Basisrate abhängig (die bei schwerhörigen Neugeborenen nicht allzu hoch sein dürfte), weshalb man anhand dieses Wert [...] mehr...
Ganz so einfach scheint das nicht zu sein: http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3161374&postcount=17 MfG. Rainer mehr...
Da in Deutschland jährlich 800 Kinder an Schwerhörigkeit erkranken, die Geräte allerdings bei 70.000 (in Worten: siebziegtausend)!! anschlagen, frage ich nach dem Sinn dieser Untersuchung. Ist es eine ABM-Maßnahme für [...] mehr...
Ich wünschte, diese Untersuchung wäre schon damals, im Jahre 1999 durchgeführt worden. Mein Sohn ist einseitig hörbehindert und das wurde erst mit 2 Jahren festgestellt- welch eine Rennerei und welch ein Kampf in den ersten zwei [...] mehr...
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