AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Kino Ausstieg aus der Leere

2. Teil

Ums Trinken geht es sowieso immer auch, denn Yates kommt aus einer Familie von Alkoholikern, war Alkoholiker und beschrieb den Alkoholismus in all seinen Phasen, wenn auch nicht in den Details. Das Ausmalen der Situationen, die drastische Beschreibung überlässt er den Kollegen vom literarischen Journalismus wie Tom Wolfe. Eher hält er sich an die Stationen der Trunksucht: der Aperitif zum Lösen der Zunge, der Whisky "zum Entspannen", dann das gemeinsame Bechern der Paare, um sich nahe zu sein, und schließlich die rettende und zerstörende Gewohnheit, sich abwechselnd zu benebeln, zu beleben, zu besänftigen und zu vergessen.

Bereits im mittleren Alter wechselte Yates zwischen Schreibtisch und Klinik hin und her, im dichter werdenden Rhythmus von Arbeit und Zusammenbruch, von klarster Beschreibung und psychotischem Schub. Im Zweiten Weltkrieg hatte er sich eine Schädigung der Lunge zugezogen, gleichwohl rauchte er stark. In den letzten Jahren sog er abwechselnd an einem Sauerstoffgerät und einer Zigarette.

Aber er schrieb bis zum Schluss. Als man nach seinem Tod im Hospital sein kleines Apartment in Birmingham, Alabama, ausräumte, gab es nichts mehr von Wert als eine Olivetti auf dem Schreibtisch und das letzte Manuskript, am kostbarsten Ort der Wohnung verwahrt: im Eisfach.

Wirklich erfolgreich war Yates nie; eher ist sein Leben ein Beispiel für die traurige Einsicht der Dichterin Mascha Kaléko, die, wie Yates, fast eine große Karriere machte: "Beinahe ist oft schlimmer als Nein." 1962 schrammte er mit "Zeiten des Aufruhrs" knapp am National Book Award vorbei (den dann Walker Percy erhielt). Immer mal wieder mit Lob der Kritik bedacht, konnte er von dem Rang, der ihm selbstverständlich gebührt - in einer Reihe mit John Updike und Philip Roth -, nur träumen. Er schlug sich als Werbetexter und Redenschreiber durch (kurzfristig unter anderem für Senator Robert Kennedy) und unterrichtete, obwohl er es für sinnlos hielt, "kreatives Schreiben".

1999 erinnerte Stewart O'Nan, ein ebenso brillanter und klarer Autor wie Yates, in einem bewegenden Essay in der "Boston Review" an den Kollegen, dessen Prosa zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr antiquarisch erhältlich war: Sieben Jahre nach dessen Tod fotokopierte er Yates' Bücher für Studenten und Freunde. Der Fall beschäftige ihn, so O'Nan, denn ohne einen wie auch immer bescheidenen Glauben daran, dass Meisterschaft, Genie, wahres Können nicht vollkommen in die Vergessenheit rutschen, könne ein Künstler eigentlich nicht arbeiten.

James Salter, William Maxwell, John Cheever, selbst William Faulkner waren vergessen, aussortiert, "nicht erhältlich" und sind dann doch ins Bewusstsein der Leser zurückgekehrt. Warum nicht Richard Yates?

Und in der Tat gibt es nichts, das diese Vergessenheit rechtfertigte. Wie ist es möglich, dass stilistisch obsessive, programmatisch anstrengende und inhaltlich krude Autoren wie William Gaddis und Thomas Pynchon Kultstatus und zugleich hohe Verkaufszahlen haben, während Yates' kühle, vollkommene Schlichtheit ein Geheimtipp geblieben ist?

Seine Themen - die amerikanische Lebenswelt der Mittelklasse, ihre Tragödien und Illusionen - sind von allgemeinem Interesse. Er ist psychologisch genau wie Tennessee Williams, lakonisch wie Ernest Hemingway, ein guter Erzähler wie Francis Scott Fitzgerald und von schöner Unerbittlichkeit wie Truman Capote.

Seit einigen Jahren erscheinen seine Bücher neu, weil Kritiker nicht müde wurden, sein Loblied zu singen. Deshalb konnte Kate Winslet ein Exemplar von "Zeiten des Aufruhrs" in die Hände bekommen, so dass sie ihren Mann Sam Mendes überzeugen konnte, einen Film daraus zu machen und das romantische Liebespärchen aus "Titanic" in ganz anderen tragischen Umständen wieder gemeinsam vorzuführen.

Möge es der Ehe gutgetan haben. Möge es ein Blockbuster werden. Möge, wer lesen kann, ein Buch von Richard Yates erwerben. Egal welches.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© DER SPIEGEL 3/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP