SPIEGEL: Herr Tenorth, vor 200 Jahren, im Februar 1809, trat Wilhelm von Humboldt seinen neuen Job als preußischer Kultusminister an. Der Mann ist bekanntlich lange tot, Preußen vor Jahrzehnten untergangen. Dennoch fällt Humboldts Name in jeder bildungspolitischen Debatte in diesem Land. Warum eigentlich?
Tenorth: Weil er in den 16 Monaten seiner Amtszeit alle zentralen Probleme der Bildungspolitik angegangen ist und dabei die Art und Weise geprägt hat, wie wir bis heute über Bildung sprechen.
SPIEGEL: Das klingt eher wolkig.
Tenorth: Gar nicht. Eine gängige Formel für das, was wir heute von den Absolventen unserer Schulen erwarten, lautet: Sie müssen das Lernen des Lernens lernen. Das ist haargenau die Funktion von Schule, die Humboldt in seinem Königsberger Schulplan von 1809 festschreibt.
SPIEGEL: Es gab doch schon vorher Schulen ...
Tenorth: ... aber erst Humboldt hat zukunftsfähig definiert, was Schulabgänger können müssen, um in Gesellschaft und Beruf zu bestehen. Heute heißt das "Kompetenz-Orientierung", bei ihm "Bildung". Und das ist nicht alles: Er hat Prüfungen für angehende Lehrer eingeführt und die Forschung zur Aufgabe der Universitäten erklärt. Auch das Abitur geht wesentlich auf ihn zurück, also eine verbindliche Prüfung als Voraussetzung des Uni-Besuchs. Humboldt hat das ganze Bildungssystem strukturiert.
SPIEGEL: Und stets spielte dabei der Staat die zentrale Rolle. Liegen hierin die Wurzeln unserer heutigen Bildungsmisere?
Tenorth: Humboldt wollte nicht, dass der Staat alles bis ins Detail reguliert. Er setzte auf überprüfbare Standards und vertraute dann darauf, dass die entsprechenden Leistungen erbracht wurden. Er ließ die Abiturprüfungen von Fachleuten kontrollieren, ebenso die Leistung der Schulen, nach dem Prinzip: "Zeigt mir, dass ihr Lehrer habt, die die Schüler zur Hochschulreife bringen. Ansonsten habt ihr Gestaltungsfreiheit."
SPIEGEL: Die jetzige Renaissance von Privatschulen ist also keine Abkehr von Humboldtschen Prinzipien?
Tenorth: Nein, gar nicht. Humboldt sah eine Pflicht zum Unterricht, aber der konnte auch in der Familie stattfinden. Und wo ihn Gemeinde, Kirche oder Staat übernahmen, war die Rolle der Eltern stark: "Hier, mein Kind braucht Abitur. Sieh zu, dass deine Schule besser wird." Und das hat unglaublich gut funktioniert.
SPIEGEL: Wir denken bei preußischen Schulen eher an Rohrstock-Pädagogik und ideologische Indoktrination.
Tenorth: Das hat aber mit Humboldt nichts zu tun. Der sagte ganz deutlich: Gesinnungen zu bilden ist nicht das Recht der Schulen. Und so urteilt heute auch das Bundesverfassungsgericht. Die öffentlichen Schulen sollen Parallelgesellschaften verhindern und zur Toleranz erziehen.
SPIEGEL: Aber warum ist unser Bildungssystem so dirigistisch, wenn es doch auf Humboldt zurückgeht?
Tenorth: Weil es in keiner Phase der deutschen Geschichte in Reinform jenen Konzepten entsprach, die Humboldt zwischen 1809 und 1810 entworfen hat.
SPIEGEL: Wie würde unser Bildungssystem heute aussehen, wenn Humboldts Prinzipien fest verankert worden wären?
Tenorth: Unsere Schulen wären eigenständiger, lokal stärker verankert und dort in der Verantwortung, staatlich finanziert, aber nicht gegängelt. Wir hätten eine Gesellschaft, die viel in Bildung investiert, wie Humboldt das forderte. Humboldt hinterlässt uns insofern eine Vision.
SPIEGEL: Nämlich?
Tenorth: Humboldt wollte alle jungen Menschen mitnehmen, zum Entsetzen mancher Zeitgenossen, die damals fürchteten, man würde sich die Revolution ins Haus holen, wenn man die Leute alphabetisiert. Aufgabe der Schulen war für Humboldt dabei nichts weniger als "allgemeine Menschenbildung".
SPIEGEL: Was soll das sein?
Tenorth: Bildung unabhängig von Herkunft und Beruf und in den grundlegenden Fähigkeiten. Der Tagelöhner wie der Gelehrte müssen laut Humboldt so ausgebildet werden, dass der eine nicht zu roh und der andere nicht zu verschroben wird - beide sollen also über eine lebensnahe Grundbildung verfügen. Zugleich ist Humboldt ein Vordenker der Chancengleichheit: Wer Leistung bringt, marschiert nach oben durch, egal wo er herkommt. Kein Wunder, dass der Adel mit seinen Privilegien Sturm lief gegen die Reformen. Heute definieren wir Gleichheit eher in einem sozialistisch-egalitären Sinne.
SPIEGEL: Inwiefern?
SPIEGEL: Aber Leistung hat doch immer etwas gezählt, Bildung ermöglicht den sozialen Aufstieg.
Tenorth: Nur in sehr engen Grenzen und für wenige.
SPIEGEL: Wirklich? Die Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Willy Brandt, VW-Chef Martin Winterkorn - Beispiele für Aufstieg durch Bildung gibt es genug.
Tenorth: So lautete die Parole schon zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II.: Freie Bahn dem Tüchtigen, was im Umkehrschluss bedeutet, der Rest sei untüchtig und zu Recht da unten. Aufstieg durch Bildung ist eine Erfindung zur Befriedung der Massen. Es ist eine Fiktion zu glauben, Bildung beseitige Klassengrenzen.
SPIEGEL: Und wie erklären Sie die Karrieren von Schröder & Co.?
Tenorth: Einzelfälle hat es immer gegeben, gelegentlich auch Expansion, Öffnung, mehr Chancen. Ich bestreite ja auch Wandel nicht, etwa, dass vor dem Ersten Weltkrieg die Chance eines Arbeiterkindes auf ein Studium schlechter als eins zu hundert war und heute bei eins zu acht liegt. Aber es lässt sich nicht belegen, dass die Klassenstruktur verschwindet, weil die Menschen durch Bildung aufsteigen.
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