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Ausgabe 3/2009
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Justiz Vom Monster zum armen Würstchen

2. Teil: "Ich lebte nur noch in Angst."

"Viel zu oft steht das Strafbedürfnis im Vordergrund, vor allem bei Polizisten und Staatsanwälten", kritisiert Christian Richter, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Täter-Opfer-Ausgleich. Dabei hätten gerade die Opfer weniger Interesse an drastischen Sanktionen als an Wiedergutmachung und an Reue. Auch trage die Begegnung mit einem Täter nicht selten dazu bei, traumatische Ängste abzubauen.

"Für mich war das ein Monster", erinnert sich Astrid Eggeling, Tankstellenkassiererin aus dem Ruhrgebietsstädtchen Fröndenberg, "ich fürchtete ständig, dieses Ungeheuer könne wiederkommen, lebte nur noch in Angst."

In einer Novembernacht stand sie allein an der Kasse, als ein vermummter Mann in die Tankstelle stürmte, brüllend Regale umwarf, eine Waffe auf sie richtete: "Geld her, aber schnell." Die 39-jährige Frau, Mutter von zwei Kindern, funktionierte wie ein Roboter: öffnete die Kasse, füllte 650 Euro in einen Stoffbeutel. Schloss nach der Flucht des Räubers die Tür, wartete eine halbe Minute, alarmierte die Polizei. "Ich kam mir vor wie in einem schlechten Film", sagt sie heute. Und wollte seinerzeit einfach zur Tagesordnung übergehen.

Die Reaktion kam mit Verzögerung. Astrid Eggeling, eigentlich eine resolute Frau, kann kaum noch schlafen, hält sich überwiegend in der Wohnung auf. Reagiert gereizt gegenüber ihren Kindern, streitet wegen nichtiger Anlässe, kann sich auf nichts mehr konzentrieren. Muss in Kur, wird dort psychologisch betreut.

Fühlt sich hilflos ihren Gefühlen ausgeliefert: mal dieser Wut, dass ihr so etwas angetan wurde, meist aber einer diffusen Furcht, die plötzlich ihr Leben bestimmt. Immer wieder quält sie zudem die Frage, ob sie richtig reagiert hat. Warum rückte sie überhaupt das Geld raus, warum hat sie den Täter nicht in die Flucht geschlagen? Manchmal, noch schlimmer, überkommt sie auch ein unheimlicher Verdacht: Galt der Überfall womöglich ihr persönlich?

Obwohl sie dringend das Gehalt braucht, traut sich die Kassiererin kaum noch in die Tankstelle. Wagt sie es doch einmal für einige Stunden, glaubt sie ständig, dem Räuber gegenüberzustehen. Hat dieser Kunde nicht die gleiche laute Stimme? Trägt der Mann, der Zigaretten kaufen will, nicht genau solche Jeans wie der Täter?

Als sie dem Räuber dann wirklich begegnet, beim Täter-Opfer-Ausgleich im evangelischen Gemeindehaus, passiert etwas völlig Unerwartetes. "Da sitzt ja gar kein Monster, sondern ein armes Würstchen", denkt sie spontan, ihre Angst und ihr Zorn wandeln sich mehr und mehr in Mitleid. Der 18-Jährige, der dort mit seinen Eltern hockt, kleinlaut, in geduckter Haltung, hat so gar nichts mit jener Schreckensgestalt zu tun, deren Bild sie seit dem Überfall ständig verfolgt.

Sie registriert, wie sich der Jugendliche vor Scham windet, wie er unbeholfen eine Entschuldigung stammelt. Neben ihm sitzt sein Komplize, ein 20-Jähriger, der bei dem Raub hundert Meter weiter in einem Fluchtauto wartete und auch jetzt wieder am liebsten ganz schnell abhauen würde.

"Ahnt ihr eigentlich, was ihr da angerichtet habt?", fragt Astrid Eggeling, erzählt von ihren Alpträumen nach dem Raub, von ihrem Klinikaufenthalt, ihrem Verdienstausfall.

"Über so was haben wir nicht nachgedacht, keine Sekunde", antwortet der Haupttäter, "wir wollten nur ganz schnell an Geld kommen."

"Wofür habt ihr es denn ausgegeben?", möchte das Überfallopfer erfahren. "Müssen wir das sagen?" "Es würde mich schon interessieren." Also, druckst einer der beiden, da gebe es so eine Bar in der Dortmunder Innenstadt, mit Mädchen, Sie wissen schon. "Hättet ihr es lieber mal gespart." Achselzucken.

Eine Gerichtsverhandlung bleibt dem Duo nicht erspart. Weil es noch weitere Überfälle verübte, die anderen Opfer aber ein Ausgleichsgespräch ablehnten, wurde Anklage wegen schwerer räuberischer Erpressung erhoben.

Die freiwillige Begegnung mit der Tankstellenkassiererin rettet die jungen Männer jedoch womöglich vor dem Knast; die Teilnahme am Täter-Opfer-Ausgleich führt fast immer zur Strafmilderung.

Für Astrid Eggeling hat sich die Gesprächsbereitschaft jedenfalls gelohnt: Seit sie weiß, wie die Täter aussehen, seit sie auch deren Eltern kennt, mit allen geredet hat, wird sie nicht mehr von ihren Ängsten überwältigt. Sie steht wieder nachts an der Kasse, kürzlich kam einer der Jungs und kaufte eine Cola: "Das war fast normal."

Ihr Beispiel widerlegt die häufig vorgebrachte These, das Ausgleichsverfahren nutze vor allem den Tätern - ein Verdacht, dem auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, seit Jahren überzeugte Befürworterin des Täter-Opfer-Ausgleichs, immer wieder entgegentritt. Bei einer Tagung im Januar, auf der sie über Erfahrungen und Perspektiven des Verfahrens sprechen wird, will sie auf die besondere Bedeutung für die Opfer hinweisen. "Die können dabei ihre Sichtweise und ihre Interessen viel besser zum Ausdruck bringen als in einer Gerichtsverhandlung", argumentiert die Ministerin. "Vor Gericht sind Opfer dagegen nichts weiter als Zeugen."

Tatsächlich bleiben nach einem Strafprozess die Fronten meist verhärtet, insbesondere bei Körperverletzungsdelikten. Die Opfer, die den Täter meist nur von Ferne als Angeklagten erleben, nehmen ihn erneut als furchteinflößenden Gewaltmenschen wahr. Die Täter, die meist wegen der Aussage ihrer Opfer verurteilt werden, empfinden schon deshalb selten Reue.

"Auf euch hätt ich bestimmt Riesenwut gekriegt, wenn ich verknackt worden wäre", gesteht Florian L., angehender Bürokaufmann aus Brandenburg. Dabei ist der 20-jährige Hüne - fast zwei Meter groß, breite Schultern und ein noch breiteres Kreuz - mit äußerst schlechtem Gewissen zum Termin bei der Potsdamer Schlichtungsstelle im Diakonischen Werk gekommen. Er weiß zwar, was er getan hat. Die Folgen werden ihm jedoch erst bei der Konfrontation mit Thomas M. und dessen Freundin Manuela K. klar.

Die beiden schildern ihm, wie gruselig sie ihn bei einer Straßenbahnfahrt erlebten: als rabiaten Riesen, der sie unerwartet provozierte und beschimpfte, zunächst mit Bier bespritzte, dann bedrohte, schließlich Thomas M., der sich schützend vor seine Freundin stellte, mit einem gezielten Hieb das Nasenbein brach. Sie berichten ihm auch, wie sich danach ihr Leben änderte: Beide gingen abends nicht mehr aus, benutzten nie mehr die Straßenbahn, versuchten sogar, in einen anderen Stadtteil umzuziehen. Bloß nicht mehr diesem fürchterlichen Riesen begegnen.

Florian L. hört geknickt zu, scheint auf seinem Stuhl förmlich zu schrumpfen. "Mir war nie bewusst, wie groß und breit ich bin, wie viel Angst ich auslösen kann", gibt er zu. "Jetzt weiß ich, warum sich in der Tram nie jemand neben mich setzt."

Als Entschädigung für seinen Übergriff hat er eine Überraschung mitgebracht: zwei Karten für einen Entspannungstag im Badeparadies "Tropical Islands", inklusive Massage und Sauna. "Ich dachte, das leistet man sich sonst nicht."

Das Paar ist beeindruckt, Manuela K. putzt sich die Nase. "Ich hatte überhaupt keine Lust zu diesem Treffen", verrät sie offen, "bin nur aus Loyalität zu meinem Freund mitgekommen. Aber jetzt bin ich total froh."

Beide versuchen, auch Florian L.s Situation zu begreifen: seine Sorge, den Ausbildungsplatz zu verlieren. Seine Angst, im Gefängnis zu landen. "Klingt komisch, aber Florian ist mir irgendwie nahegekommen", sagt Manuela K. hinterher, "hätte mir das vorher jemand prophezeit, hätte ich ihn ausgelacht."

Mediator Matthias Beutke von der Potsdamer Konfliktberatung ist so etwas nicht neu. Vor dem Gespräch herrschten in den Köpfen meist Klischees: der Räuber, der Schläger, der Dieb. Oder umgekehrt: das Weichei, der Denunziant, der Feigling. Danach hätten alle Beteiligten einen Namen und ein Gesicht.

Über hundert Vermittlungsgespräche hat Beutke im Jahr 2008 moderiert, Anfragen gab es doppelt so viele. Weil das Land Brandenburg jedoch nur eine Stelle finanziert, musste Beutke zahlreiche Fälle ablehnen - woanders sieht es nicht besser aus. Viele Ausgleichsbüros, die ganz überwiegend von den Ländern finanziert werden, sind unterbesetzt, es fehlt an Geld für qualifiziertes Personal. Für besonders überlastete Schlichtungsstellen wird bereits versucht, ehrenamtliche Helfer ohne Ausbildung als Mediatoren zu gewinnen.

Christian Richter von der Bundesarbeitsgemeinschaft Täter-Opfer-Ausgleich ist deshalb sicher: "Hier wird am falschen Ende gespart."

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