Von Lena Greiner
Das Kollegium der Otfried-Preußler-Grundschule im Norden Duisburgs hat sich mächtig Mühe gegeben, für den Englischunterricht haben die Lehrer einen eigenen Raum eingerichtet. Bunte Karten hängen an der Tafel, Vokabeln wie "elephant", "cat" oder "crocodile" stehen darauf; vor den Schulbänken ist ein breiter Korridor freigehalten, zum Spielen und Herumtollen.
Die 3b trifft sich jeden Dienstag hier zum Englischlernen. Mustafa, Kimberly und die anderen 20 Mitschüler singen ein Lied, das ihnen zum Unterrichtsbeginn auf dem Kassettenrekorder vorgespielt wurde: "Hello, hi, hi, how are you? - I'm fine, thank you ..." Dann macht Christiane Stuwe, die Lehrerin, mit der Handpuppe "Leo" weiter. Was Leo vorsagt, plappern die Kinder begeistert nach. "Englisch macht Spaß, weil wir spielen", sagt die achtjährige Kimberly.
Englisch in der Grundschule finden an sich alle prima. Die Kinder, weil sie frei von Leistungsdruck eine neue Welt kennenlernen; und die Pisa-geschockten Bildungspolitiker, weil sie glauben, eine Antwort gefunden zu haben auf die Herausforderungen der Globalisierung. Stolz hat ein Bundesland nach dem anderen den Fremdsprachenunterricht an Grundschulen eingeführt, meist ab der dritten Klasse. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz beschallen sogar schon Erstklässler mit englischen Idiomen, Nordrhein-Westfalen wird ab kommendem Februar folgen.
Das Ergebnis der Studie deckt sich mit den Einschätzungen etlicher Experten. "Der Effekt des Grundschulenglisch ist gleich null", urteilt Wolfgang Klein, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im niederländischen Nijmegen. Zu unterschiedlich, erklären viele Pädagogen übereinstimmend, seien die Wissensstände der Kinder. In einigen Grundschulen werde nämlich schon auf Englisch geschrieben, während andere nur singen und reimen.
"Um alle mitzunehmen, muss ich fast wieder von vorn anfangen", sagt die Duisburger Lehrerin Kirsten Müller-Normann. Ihre "hohen Erwartungen" seit Einführung von Grundschulenglisch wurden enttäuscht: "Obwohl die Schüler schon viele Vokabeln kennen, fällt ihnen weder die Grammatik noch das Schreiben von Texten deutlich leichter als früher."
Psycholinguistische Studien des Sprachwissenschaftlers Manfred Pienemann von der Universität Paderborn stützen die Skepsis der Praktiker: Demnach erreichen Grundschulkinder derzeit nach zwei Jahren Englischunterricht mit zwei Wochenstunden die gleiche Sprachlernstufe, die Fünftklässler im Gymnasium in der Regel nach einem Halbjahr mit fünf Stunden pro Woche aufweisen.
Als Hauptursache für den mäßigen Erfolg fremdsprachlicher Früherziehung gilt unter den Beteiligten die Schnellschuss-Mentalität der Bildungspolitiker. "Der politische Druck, beim europaweiten Trend des frühen Sprachenlernens mitzuziehen, war größer als der Wille, die Reform durchdacht umzusetzen", kritisiert Horst Bartnitzky, Vorsitzender des deutschen Grundschulverbands. Weder die Weiterbildung der Grundschullehrer noch der Übergang in die Sekundarstufe seien ausreichend geplant worden.
Während Englischlehrer an Gymnasien das Fach nicht selten zehn Semester und mehr studiert haben, sind beispielsweise Hamburgs Grundschullehrer nur zu einem viertätigen Kompaktseminar verpflichtet. "Die Qualifizierung reicht noch bei weitem nicht aus - weder für die Selbstachtung der Lehrer noch für die adäquate Ausbildung der Kinder", kritisiert Konrad Schröder, Vorsitzender des Verbands Englisch und Mehrsprachigkeit.
"Katastrophal geregelt ist zudem der Wechsel von der vierten in die fünfte Klasse", konstatiert der Eichstätter Wissenschaftler Böttger. Das schlechte Management trifft die Kinder, die sich in der Grundschule ihr Englisch ohne Vokabeltests und Diktate spielerisch aneignen sollen, während sie dann in den weiterführenden Schulen ad hoc unter Leistungsdruck geraten; betroffen sind aber auch die meisten Sekundarstufenlehrer, die laut Böttgers Studie die Lehrpläne der Grundschule nur wenig oder gar nicht kennen.
Kaum ein Kultusministerium verpflichtet beide Schularten zum Austausch und zur Kooperation. Und die Schulbuchverlage stecken ihre Kapazitäten lieber in zig verschiedene Anfangswerke, anstatt die Lehrbücher der Sekundarstufe anzupassen.
Neben einer stärkeren Vernetzung fordern Experten vor allem mehr Zeit für das Fremdsprachenlernen. "Kinder lernen eine Sprache am besten, wenn diese in ihre Lebenswelt eingebettet ist und sie viel kommunizieren", sagt der Psycholinguist Klein. Möglichst viel Anwendung in einem realen Kontext wäre zum Beispiel gegeben, wenn auch Fächer wie Kunst oder Erdkunde auf Englisch unterrichtet würden. Doch dafür brauchte es zunächst eine bessere Fremdsprachenausbildung - für Lehrer.
© DER SPIEGEL 4/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH