SPIEGEL: Hatten Sie anfangs nicht Angst, dass der Reformer Klinsmann den Verein entwurzeln könnte?
Hoeneß: Ich weiß noch, wie es war, als wir im Vorstandsbüro von Karl-Heinz Rummenigge zusammensaßen, über Ottmar Hitzfelds Nachfolge berieten und Karl-Heinz fragte: Könnt ihr euch vorstellen, dass wir uns mit dem Jürgen beschäftigen? Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Dann dachte ich: Wenn er wirklich bereit ist, warum nicht. Noch an dem Nachmittag haben wir ihn in Kalifornien angerufen, das ging ja, weil er immer um sechs aufsteht. Erst war eine lange Pause am anderen Ende, dann sagte er: Ja, hm, das freut mich aber sehr; ich denke nach und sage euch morgen Bescheid.
SPIEGEL: Klinsmann zeigt keine Angst vor Fehlern und darüber hinaus ein großes Desinteresse gegenüber allem, was an Kritik an seiner Arbeit in der Zeitung steht. Macht er den FC Bayern souveräner?
Hoeneß: Wir sind von ihm sicherlich in einigen Dingen aufgerüttelt und gefordert worden, das hat dem Verein gutgetan. Jürgen ist überzeugt von seiner Arbeit, reflektiert aber auch unheimlich viel. Er macht sich schon um sechs Uhr morgens Erinnerungszettelchen. Bestimmt fällt ihm auch noch etwas ein, wenn er nachts mal kurz aufsteht.
SPIEGEL: Die Frage war eher, ob auch Sie durch ihn gelassener geworden sind, etwa gegenüber den Urteilen der Medien.
Hoeneß: Was Sie meinen, scheint nur so gewesen zu sein. Früher bin ich fast jeden Tag zur Mannschaft runtergegangen, und auf dem Weg wurde ich immer schon von Journalisten angesprochen, ich sollte dies kommentieren und das. Jetzt haben wir eine kontrollierte Organisation der Öffentlichkeitsarbeit, es gibt Tabuzonen. Wir haben auch eine Tiefgarage, so dass die Spieler nicht mehr am Parkplatz abgefangen werden können.
SPIEGEL: Haben Sie das tägliche Kommentieren und Dementieren von Meldungen früher zu wichtig genommen?
Hoeneß: Als ich noch selbst gespielt habe, war die ganze Woche vielleicht ein Journalist da. Und donnerstags rief mal die "tz" an und fragte, was ich zum kommenden Spiel meine. Die heutige Medienlandschaft haben wir ja selbst geschaffen, diese Lust an der täglichen Information. Neulich hat mich jemand an der Tankstelle angesprochen: Herr Hoeneß, Sie waren ja im Trainingslager in Dubai, das habe ich jeden Tag verfolgt. Unser Training in Dubai. Dass man das überhaupt verfolgen kann!
SPIEGEL: Bayern München hat als Tabellenzweiter überwintert. Ist der Aufsteiger und Herbstmeister 1899 Hoffenheim langfristig eine Bedrohung?
Hoeneß: Das Wort Bedrohung gefällt mir nicht. Eher Herausforderung, das ja. Die Hoffenheimer sind gut für Bayern München, weil sie mit unglaublichem Engagement und vielen Ideen an die Dinge herangehen. Das ist erfrischend und fordert uns heraus. Es ist kein Zufall, dass unsere Mannschaft gerade gegen Hoffenheim so gut gespielt hat.
SPIEGEL: Und dass Sie sich gerade nach diesem Spiel so echauffiert haben?
Hoeneß: Direkt nach dem Spiel habe ich extra gar nichts vor der Presse gesagt, ich wäre explodiert. Nur der Herr Peters hatte das Pech, dass er mir über den Weg gelaufen ist.
SPIEGEL: Der Ex-Hockeybundestrainer Bernhard Peters, Hoffenheims Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung ...
Hoeneß: ... der weiß bis heute nicht, warum ich ihn so angepflaumt habe. Ich habe mich bloß geärgert, dass die so überaggressiv gespielt haben. Der Peters sagte immer nur: Herr Hoeneß, ich habe doch immer so viel von Ihnen gehalten. Aber wissen Sie was? Den Leuten gefällt das. Unsere Fans wollen genau diesen Hoeneß haben, vor allem Frauen sagen mir das. Ich sage den Leuten eben, was ich denke.
SPIEGEL: Haben Sie in Ihrer impulsiven Art nicht sogar mal gekündigt?
Hoeneß: Das war Ende der achtziger Jahre. Unser damaliger Schatzmeister Kurt Hegerich wollte nicht, dass wir Opel als Hauptsponsor nehmen, das sei ein amerikanischer Konzern. Er wollte lieber eine Münchner Brauerei. Da habe ich gesagt: Ohne mich. Dummerweise musste ich an dem Tag zu einem Redaktionsbesuch beim "Express" in Düsseldorf, da habe ich dann meinen Aktenkoffer liegenlassen mit der Kopie meiner Kündigung drin. Am nächsten Tag stand es groß in der Zeitung: Hoeneß hat gekündigt.
SPIEGEL: Sie hatten immer einen ausgeprägten Geschäftssinn, schon 1973 wollten Sie über Exklusivfotos Ihre eigene Hochzeit vermarkten. Was wäre wohl ohne Fußball aus Ihnen geworden?
Hoeneß: Das mit den Hochzeitsfotos war ein Riesenfehler. Totaler Schwachsinn. Damals bin ich noch hinter dem Geld her gewesen. Heute rege ich mich über Frau Beckham auf, wenn so ein Heckmeck gemacht wird, in welcher Suite das Paar in Mailand nächtigt und welche Tasche für 90.000 Euro sie am Arm hat. Ich trage eine Swatch für 100 Euro. Ohne Fußball wäre ich wohl in der Provinz der Stadt Ulm untergegangen. Ich wäre vielleicht Lehrer. Unsere Mutter wollte ja immer, dass wir was G'scheit's werden.
SPIEGEL: Wollten Sie nicht Landwirt werden?
Hoeneß: Ja, ganz früher. Im Urlaub auf dem Bauernhof habe ich immer gewartet, bis das Huhn das Ei gelegt hat, dann - schwupps - war es weg.
SPIEGEL: Wie reich wären Sie, wenn Sie noch Ihren ersten Managervertrag von 1979 hätten?
Hoeneß: Von jeder Mark Werbeeinnahmen von mehr als 600.000 Mark jährlich sollte ich 50 Prozent bekommen. Damals gab es ja fast nichts, etwa 300.000 für die Trikotwerbung, und Merchandising existierte nicht. Heute haben wir Werbeeinnahmen von rund 70 Millionen Euro, da können Sie sich ausrechnen, was ich verdienen würde. Damals waren von den 12 Millionen Mark Umsatz etwa 85 Prozent Zuschauereinnahmen. Heute kommen nur noch 18 Prozent vom Ticketverkauf. Einfacher ist es nicht geworden, denn bei Verhandlungen hat man es heute nur mit Profis zu tun.
SPIEGEL: Was heißt das?
Hoeneß: Keine Firma schenkt mir mehr einen Euro, nur weil ich Bayern München bin oder so ein netter Kerl.
SPIEGEL: Herr Hoeneß, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Cathrin Gilbert und Jörg Kramer
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