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Ausgabe 5/2009
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26.01.2009
 

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Verlieren mit Haltung

Von Thomas Hüetlin

Mit Underdog-Geschichten wurde der britische Entertainer Ricky Gervais ein Star - nun auch in Hollywood.

Der Londoner Stadtteil Hampstead hat sich über mehrere Jahrhunderte vor allem durch Gediegenheit ausgezeichnet. Künstler und Denker wie D. H. Lawrence, Henry Moore, Yehudi Menuhin, A. A. Milne und Sigmund Freud residierten an den leicht ansteigenden Hügeln über London. Die Millionärsdichte ist inzwischen größer als im von den Russen bevorzugten Chelsea.

Als der Komiker Ricky Gervais, 47, vor einem Jahr hier ein Haus erwarb, kam es bald zum Eklat. Der Entertainer plante im Keller einen Fitnessraum und ein Schwimmbad. Die Baubehörde verweigerte die Genehmigung, woraufhin Gervais öffentlich drohte, sein Haus an "Crack-Abhängige" zu vermieten. Er bekam seinen Swimmingpool.

Von daheim hat er es nicht weit zum Büro. Wenn man es gefunden hat und vor dem Eingang steht, ragt rasch der Kopf eines Menschen aus der Tür, der aussieht wie ein großes Kind, das mit einer Fernbedienung und einer Truhe voll Eiscreme von seinen Eltern allein gelassen wurde. "Hallo, mein Name ist Ricky", sagt das Wesen.

Gervais ist neben "Borat"-Darsteller Sacha Baron Cohen der erfolgreichste Komiker seiner Generation. Seine Fernsehserien sind in Großbritannien Straßenfeger, sie werden in über 80 Länder weiterverkauft und inspirieren Nachahmer. Der Comedy-Hit "Stromberg" von ProSieben war von Gervais' "The Office" abgekupfert.

Gervais, schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, lässt sich in einen Stuhl fallen. Von ihm sind jetzt nur ein großer Kopf und zwei ebenso große Nike-Turnschuhe zu sehen, die er auf den Schreibtisch gelegt hat. "Ich bin nicht einer wie Will Smith", erklärt er: "Der sieht gut aus, ist ein guter Schauspieler, ihm bereitet es Vergnügen, auf dem roten Teppich herumzustehen." Wenn Gervais aufgefordert wird, sich zu beschreiben, kommt normalerweise etwas heraus wie ein Anti-Will-Smith oder ein Anti-George-Clooney. Er habe vielleicht die Chance, einen Preis als rundlichster Newcomer zu gewinnen, sagt Gervais dann und schaut so ernst, als würde er die Relativitätstheorie erklären.

Im selbstironiefeindlichen Milieu der Hollywood-Stars ist diese Art englischer Selbstverachtung derzeit sehr gefragt, und so kommt es, dass Gervais eine Hauptrolle angetragen wurde. Im Film "Wen die Geister lieben", der diese Woche in die deutschen Kinos kommt, spielt er einen menschenfeindlichen Zahnarzt namens Dr. Pincus. Bei einer missglückten Operation gerät das Ekel für ein paar Augenblicke ins Jenseits, wird wiederbelebt und ist danach in der Lage, die Untoten von New York zu sehen. Zu allem Überfluss verlangen sie von Dr. Pincus das, was er seinen Mitmenschen nur gegen hohe Bezahlung anbietet: Hilfe.

Gervais verleiht dieser eigentlich harmlosen Komödie Farbe und Biss, der von ihm gespielte Misanthrop wird geradezu liebenswert. Außer Jack Nicholson gibt es in Hollywood wenige, die so etwas können.

Inzwischen ist er mit seinem politisch nicht korrekten, selbstverachtenden, auf maximale Peinlichkeit ausgerichteten Humor ein Schauspieler, dessen Arbeit auch Hollywood-Größen schätzen: Einige haben sich bereiterklärt, in einer von Gervais' Fernsehserien mitzuwirken. Für "Extras", wo Gervais einen Komparsen spielt, der sich durch Lügen und Erniedrigung in die Nähe der Stars zu schleichen versucht, gewann er Ben Stiller, Robert De Niro und Kate Winslet.

Viele Jahre war Gervais nicht einmal ein mies bezahlter Statist, der im Hintergrund von Filmsets herumhing. Er bewunderte niemanden, er ging auf keine Schauspielschule, er sah vor allem fern und sagte sich: "Ich wette, dass ich es besser könnte."

Zusammen mit seiner Freundin Jane Fallon lebte er im Londoner Bahnhofsviertel Kings Cross in einem Einzimmerapartment mit Außentoilette. Wenn er nachts musste, erzählt Gervais, habe seine Freundin gemurmelt: "Nimm bitte wenigstens das Geschirr aus der Spüle."

Mit einem Freund gründete Gervais ein Pop-Duo mit dem schönen Namen Seona Dancing. Die erste Single blieb auf Platz 117 in den Charts kleben, die zweite auf Platz 70. "Alles Gute, Jungs", sagten die Chefs der Plattenfirma, "behaltet den Vorschuss und belästigt uns nie wieder." Keinerlei Mienenspiel erlaubt er sich, wenn er seine Verlierergeschichten erzählt.

Auf Haltung kommt es an. "In Amerika", sagt Gervais, "wird den Leuten vorgegaukelt, du kannst einmal Präsident werden." In England werde einem schon früh mitgeteilt: "Du hast keine Chance. Schon deshalb haben wir mehr übrig für Verlierer."

Anscheinend hat ihn diese Einstellung weitergebracht, denn inzwischen ist Gervais in England das, was sie einen "national treasure" nennen. Als er 2007 im Wembley-Stadion zum Gedenkkonzert für Diana auftrat, tobte das Publikum. Die Begeisterung steigerte sich noch, als Elton John auf sich warten ließ und Gervais vier Minuten überbrücken musste. Die Peinlichkeit erwies sich als seine Rettung. Auf der Bühne stand verloren ein dicker Mann herum, der seltsame Tänze aufführte. "Uns Briten", sagt Gervais, "ist viel peinlich. Mir dagegen ist nie etwas peinlich."

Am liebsten sitzt er schon um sechs Uhr abends in seinem Haus: Er trägt Schlafanzug, hat Freundin und Katze als Gesellschaft, hält ein Glas Wein in der einen Hand und eine Fernbedienung in der anderen. Damit schaltet er von einer Reality-TV-Show zur nächsten. Ein echtes Vergnügen, sagt Gervais: "Das beweist doch den vollkommenen Kollaps der menschlichen Rasse."

Danach falle er erleichtert ins Bett und denke: "Uff, wenigstens ist es noch nicht so weit, dass ich so was machen muss."

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