AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2009
  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Essay Heimkehr in zehn Jahren

2. Teil: "Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten bedrohen den Frieden in Europa"

Staatschef Karzai
REUTERS

Staatschef Karzai

Nach meiner Auffassung brauchen wir jetzt einen stärkeren Einsatz der internationalen Gemeinschaft, aber vor allem der Afghanen selbst. Notwendig ist ein übergreifender Ansatz, eine aufeinander abgestimmte Anstrengung in der Sicherheits- und Aufbaupolitik. Was ist aus meiner Sicht nun zu tun?

Erstens: Die militärische Präsenz ist weiterhin die Voraussetzung für den Wiederaufbau in Afghanistan. Diese Präsenz muss kurzfristig sogar verstärkt werden, um die Sicherheitslage zu verbessern. Daher ist die Aufstockung der Obergrenze für das deutsche Isaf-Mandat von 3500 auf 4500 Soldaten sowie die Ankündigung der neuen US-Administration, ihre Truppen zu verstärken, richtig. Jedoch bedarf es eines einheitlichen Konzeptes der Nato.

Wir brauchen innerhalb des Nato-Bündnisses eine schonungslose Analyse, warum die Befriedung des südlichen Afghanistan gescheitert ist. Ich bin überzeugt, dass das militärisch eher zurückhaltende Konzept der Bundeswehr, das Rücksicht auf die Bevölkerung und zivile Einrichtungen nimmt, langfristig erfolgreicher ist. Das Auseinanderklaffen dieser unterschiedlichen Strategien im Norden und im Süden ist ein Problem, und es ist auch ein Versagen des Nato-Generalsekretärs. Solange diese Strategien nicht innerhalb der Nato aufeinander abgestimmt sind, kann vor einem Bundeswehreinsatz im Süden Afghanistans nur gewarnt werden. Zudem muss die Sicherheit in Afghanistan in absehbarer Zeit durch einheimische Kräfte gewährleistet und daher die Ausbildung von einheimischen Polizeikräften und der Armee weiter beschleunigt werden.

Zweitens: Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten bedrohen unsere globale Sicherheit, aber vor allem die Sicherheit und den Frieden in Europa, denn diese spielen sich in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ab. Neben Afghanistan betrifft dies in erster Linie den israelisch-palästinensischen Konflikt, die Situation im Irak und den Streit um das iranische Atomprogramm. Keiner dieser Konflikte kann isoliert betrachtet werden. Um sie zu lösen, brauchen wir einen regionalen Dialog, der Länder wie Syrien und Iran ebenso einschließt wie die verantwortungsbewusst agierenden Golfstaaten.

Die USA sind und bleiben, auch in einer zunehmend multipolaren Welt, der bestimmende Faktor im Nahen und Mittleren Osten. Mit der Wahl von Präsident Obama besteht die Chance zu einem Paradigmenwechsel in der amerikanischen Außenpolitik, die nicht alleine, aber wieder verstärkt auf Dialog und Verständigung statt auf militärische Aktionen setzt. Diese Chance muss jetzt genutzt werden, für die genannten Konflikte, aber auch für Afghanistan. Wir brauchen eine Regionalkonferenz unter Einbeziehung aller Nachbarstaaten Afghanistans, der zentralasiatischen Staaten ebenso wie Chinas, Irans und Pakistans.

Auch Russland hat ein elementares Interesse an einem stabilen Afghanistan und zeigt sich kooperativ gegenüber Nato-Anliegen, wie etwa dem sicheren Transport von Material über russisches Territorium nach Afghanistan. Zu einem erfolgreichen Regionalkonzept muss zudem gehören, das zerfallende Pakistan zu stabilisieren, den innerafghanischen Dialog mit allen relevanten Kräften zu führen und den Versöhnungsprozess fortzusetzen.

Drittens: Der zivile Wiederaufbau muss verstärkt werden. Bei der Pariser Afghanistan-Konferenz wurden 20 Milliarden Dollar Hilfe zugesagt. Diese Mittel müssen aber nicht nur zugesagt werden, sondern trotz der internationalen Finanzkrise auch fließen.

"In Afghanistan ist ein politischer Neuanfang wünschenswert."

Noch stärker als bisher gilt es, die afghanische Eigenverantwortung zu stärken, also insbesondere den Aufbau der Verwaltungsstrukturen, des Rechtswesens, der Polizei und der Infrastruktur. Und die afghanische Regierung muss in die Pflicht genommen werden, ihre Mittel korruptionsfrei dorthin zu leiten, wo sie wirklich benötigt werden. Ich bin jedoch sehr skeptisch, dass dies unter Führung des derzeitigen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai noch möglich ist. In Afghanistan ist ein politischer Neuanfang wünschenswert.

Viertens: Die Verantwortung des Landes muss in die Hände der Afghanen übergehen. Dazu bedarf es zum einen der internationalen Hilfe, aber zum anderen vor allem des Willens der Afghanen selbst. Daran mangelt es in der afghanischen Führung. Zu oft hat man sich in Kabul darauf verlassen, dass es die internationalen Geber schon richten werden. Ich bin der Auffassung, dass nun, gut sieben Jahre nach dem Sturz der Taliban, der Punkt erreicht ist, ein Zeitfenster für den Übergang in die Eigenverantwortlichkeit festzulegen, mit dem auch ein beginnender Abzug der internationalen Truppen verbunden ist. Denn nur wenn es dieses Zeitfenster gibt, wird auch die Motivation der afghanischen Führung wachsen, die hierfür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.

Als wir im November 2001 unter der Leitung des damaligen Außenministers Joschka Fischer den "Petersberg-Prozess" begonnen haben, war dies das Ziel. Der Prozess mündete im Jahr 2006 in ein Afghanistan-Abkommen. Auf dieser Grundlage haben die Afghanen sich selbst bis zum Jahr 2013 Zeit gegeben, um Sicherheit, Regierungsführung, Rechtsstaatlichkeit sowie die wirtschaftliche und soziale Entwicklung selbständig zu gewährleisten. Dieser Zeithorizont ist sicherlich sehr optimistisch.

Aber mit einem konzentrierten und verstärkten internationalen Engagement wäre es möglich, innerhalb der nächsten zehn Jahre die Voraussetzungen zu schaffen, dass schrittweise die Verantwortung an die afghanischen Behörden und Sicherheitskräfte übergeht. Damit wäre der Weg frei, um die internationalen Truppen abzuziehen.

Es gibt nun eine neue Chance für die internationale Staatengemeinschaft, um unser Ziel zu erreichen, Afghanistan zu stabilisieren und wiederaufzubauen. Wir müssen sie gemeinsam und entschlossen nutzen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 52 Beiträge
Dieser Beitrag von G. Schröder beschreibt die Sendung "Wünsch Dir was", das sind durchhalte Parolen, für einen Krieg der unter falschen Voraussetzungen begangen wurde, weiter geführt werden soll und an dessen Ende ein [...]
Zitat von sysopZur Zukunft des deutschen Engagements in Afghanistan - von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,606159,00.html
Dieser Beitrag von G. Schröder beschreibt die Sendung "Wünsch Dir was", das sind durchhalte Parolen, für einen Krieg der unter falschen Voraussetzungen begangen wurde, weiter geführt werden soll und an dessen Ende ein Lügengebäude zusammen bricht. Jeden Tag werden neu Geschichten erzählt, Vorschläge gemacht, die sinnlos sind. Von Erschießungen von Mohnbauern will ich gar nicht reden, aber wer solche Vorschläge macht, ist doch nicht zu einer Befriedung unterwegs. Dieses Land wird seit über 100 Jahren von den verschiedensten Staaten als Aufmarschgebiet benutzt und das Gesülze von den Mädchen, die wieder die Schule besuchen dürfen ist die Lockspeise um dem Krieg einen humanen Anstrich zu geben. Es dreht sich auch nicht darum, ob wir das Gesicht verlieren, oder nicht, es geht darum, dass dieses Land seinen Weg findet. In Afrika findet das gleiche sinnlose Morden statt, das ist halt nicht im Blickpunkt, aber genauso ein Versagen, der Völkergemeinschaft. Im Irak sterben genau so viele Menschen, wie unter Saddam, Frieden schaffen ohne Waffen, das wäre ein Ziel, alles Andere ist Geschäfte machen und über Leichen gehen. Wobei es mir egal ist, wessen Leichen da liegen. Das sind alles Opfer einer unfähigen Politik. G. Schröder schreibt ja selbst, von seinem Besuch 2002, es interessiert ihn nicht, bis heute. Wer weiss, warum er uns jetzt erneut in die Scheixxe führen will, er ist und bleibt ein begnadeter Schwätzer. MfG. Rainer
imagine 08.02.2009
Schröder geht Schule gucken, und die mag´s ja geben. Ein Blick hinter die Festungs-Mauern hätte ihm trotzdem sicher nicht geschadet. Die Realität zu sehen, kann helfen sie zu beurteilen.
Schröder geht Schule gucken, und die mag´s ja geben. Ein Blick hinter die Festungs-Mauern hätte ihm trotzdem sicher nicht geschadet. Die Realität zu sehen, kann helfen sie zu beurteilen.
Heramano 08.02.2009
Das diesem Menschen überhaupt noch ein Forum für seine Meinungsäußerungen gegeben wird, ist schon faszinierend. Unglaubwürdiger wie es Herr Schröder nach seinem politischen Abgang tat, kann man sich wohl nicht machen.
Das diesem Menschen überhaupt noch ein Forum für seine Meinungsäußerungen gegeben wird, ist schon faszinierend. Unglaubwürdiger wie es Herr Schröder nach seinem politischen Abgang tat, kann man sich wohl nicht machen.
Nerix 08.02.2009
Momentan ist die Lage in Afghanistan alles Andere als ermutigend. Im Sinne der Afghanen kann man nur hoffen, dass sich die Nato und Geberländer zusammenreißen, und eine vernünftige Strategie für die nächsten Jahre entwickeln. [...]
Momentan ist die Lage in Afghanistan alles Andere als ermutigend. Im Sinne der Afghanen kann man nur hoffen, dass sich die Nato und Geberländer zusammenreißen, und eine vernünftige Strategie für die nächsten Jahre entwickeln. @Rainer: Was hätten sie denn mit Afghanistan nach 2001 gemacht? Der Vergleich mit Afrika hinkt insofern, als dass dort wohl kaum Terroristen in Scharen das Land verlassen haben, um Terror zu verbreiten. Vom humanitären Aspekt kann man ihnen nur zustimmen, aber das alleine als Interventionsgrund zu sehen dürfte ihnen auch nicht gefallen, oder? Dann müsste man in der Hälfte aller Länder dieser Welt einmarschieren. Die Entwicklungshilfe und den massiven Schuldenerlass in den letzten Jahren darf man auch nicht vergessen, zumal darüber ja auch durchaus kontrovers diskutiert wird, ob man damit nicht eher korrupten Regimen beim Waffen- und Mercedeskauf hilft, als wirklich der Bevölkerung... Leider gab es in Afghanistan aus meiner Sicht keine wirkliche Alternative zu diesem Krieg, auch wenn während des Krieges und heute noch mit Sicherheit Fehler gemacht wurden.
almabu 08.02.2009
Es muss ziemlich übel stehen in Afghanistan, wenn der sonst medial gerne als Gas-Gerd oder Russen-Versteher gescholtene Schröder hier zur Feder greifen und einem weiteren zehnjährigen militärischen Engagement das Wort reden darf? [...]
Es muss ziemlich übel stehen in Afghanistan, wenn der sonst medial gerne als Gas-Gerd oder Russen-Versteher gescholtene Schröder hier zur Feder greifen und einem weiteren zehnjährigen militärischen Engagement das Wort reden darf? Ausser der ausführlichen Rechtfertigung seiner Entscheidung, u.a. wegen Deutschlands Zugewinn an Souveränität, kommen eigentlich nur zwei Personalien zum Ausdruck: Jap "Ex-und-Hoop Scheffer" war kein Glücksgriff für die NATO und Karsai gelte als korrupt, was er als Anwalt natürlich wesentlich geschickter ausdrückte als ich dies je könnte! Eine dritte Personalie kommt aber nun unausgesprochen ins Spiel, die seines einstigen Adlatus Steinmeier, dem eine solche Anprache eigentlich gebührt hätte und der einmal mehr als Schatten-Kanzler-Kandidat des Gerhard Schröder fungiert.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© DER SPIEGEL 7/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP