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Ausgabe 7/2009
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Justiz Aufopfern als Lebensinhalt

Um ihr einen Heimaufenthalt zu ersparen, tötete die 76-jährige Anna D. ihre hilflose Tochter Johanna. Zuvor hatte sie die körperlich und geistig schwer behinderte Tochter über 52 Jahre lang gepflegt. Jetzt soll sich die Mutter in Hamburg wegen Totschlags verantworten. Von Bruno Schrep

"Ich hab mein Kind nie allein gelassen", beteuert die kleine, zerbrechlich wirkende Frau mit leiser Stimme, "ohne mich war sie doch völlig hilflos." Und, etwas lauter: "Was wissen denn schon die andern?"

Zusammengesunken sitzt Anna D. in einem Anwaltsbüro in der Hamburger Hochhaussiedlung Steilshoop, auf dem Schoß eine blaue Akte, neben sich ihren hochbetagten Ehemann. 76 Jahre ist sie alt, angeklagt wegen Totschlags.

Ende vorigen Jahres erstickte Anna D. ihre schwer behinderte Tochter Johanna mit einer Plastiktüte. Zuvor hatte sie die Tochter ein Leben lang betreut und gepflegt, über 52 Jahre. Von morgens bis abends, Tag und Nacht. Ohne fremde Hilfe. Immer. Als sie nicht mehr konnte, als die Kraft nicht mehr reichte, sah sie für sich und Johanna keinen Ausweg mehr.

Die Tragödie bahnte sich lange an, mehr oder weniger vor den Augen der Öffentlichkeit. Viele wussten um die Probleme der Familie D.: Ärzte, Juristen, Behördenmitarbeiter, Hausbewohner. Doch niemand traute sich, Alarm zu schlagen. Nicht aus Feigheit oder Gleichgültigkeit, sondern weil sich Anna D. seit vielen Jahren jede Einmischung verbat. Sie wollte sich nicht helfen lassen.

Der tragische Fall, schon von der zeitlichen Dimension wohl einmalig in Deutschland, erweitert die Diskussion um das Thema Sterbehilfe um ein weiteres Kapitel. Wann hört das Schicksal von Behinderten und ihren Angehörigen auf, Privatsache zu sein? Hätte von außen eingegriffen werden sollen? Und wenn ja, wann und wie? Warum hat nicht ein Profi die Betreuung übernommen? Hätte die Tochter in einem Heim untergebracht werden müssen, gegen den Willen der Mutter?

Johanna kommt im Mai 1956 zur Welt. Die Hausgeburt in dem kleinen nordhessischen Ort verläuft problemlos, Arzt und Hebamme gratulieren zu einem gesunden Baby.

Doch als das Neugeborene zwei Tage später plötzlich zittert, um sich schlägt, Schaum vor dem Mund bekommt, nicht mehr zu schreien aufhört, ist klar, dass etwas nicht stimmt. Über ein Vierteljahr wird Johanna in einem Kasseler Krankenhaus untersucht, die Diagnose ist nicht eindeutig. "Wahrscheinlich ein Sauerstoffmangel bei der Geburt", vermutet einer der Kinderärzte und raubt den Eltern gleichzeitig jede Hoffnung: "Dieses Kind wird bald sterben."

"Aber sie ist nicht gestorben", sagt Anna D. heute, "ich habe sie nicht sterben lassen." Die gelernte Schneiderin kennt ab sofort nur noch ein Ziel: der Tochter das Überleben zu sichern, ihr das Dasein so schön wie möglich zu gestalten. Alle anderen Zukunftspläne sind plötzlich zweitrangig. Weitere Kinder, wie eigentlich geplant, werden gestrichen. Das Sparen für ein eigenes Haus ist Vergangenheit.

Johannas Entwicklung rechtfertigt alle Befürchtungen. Je älter sie wird, desto deutlicher werden ihre schweren körperlichen und geistigen Mängel. Das Mädchen zieht das rechte Bein nach, bewegt sich nur mit fremder Hilfe und mühsam hinkend vorwärts. Es kann nicht räumlich sehen, stolpert oft. Versucht zu sprechen, schafft aber außer Mama und Papa nur wenige undeutlich gestammelte Worte. Lernt nie lesen oder schreiben, bleibt zeitlebens im Stadium einer Zwei- bis Dreijährigen.

Auch die Bewältigung des Alltags bedeutet eine tägliche Herausforderung. Johanna kann sich nicht allein waschen, nicht allein anziehen, nicht allein zur Toilette gehen. Ihr Schicksal spricht sich herum. Im Ort wird über das komische Mädchen getuschelt, das so seltsam geht und noch seltsamer aussieht, immer von der Mutter geführt werden muss. Die D.s sind plötzlich Außenseiter.

Vier Jahre nach Johannas Geburt halten es die Eltern in der Provinz nicht mehr aus. Vater Karl-Heinz D., ein Zollbeamter, lässt sich nach Hamburg versetzen. In der Hansestadt, hat die Mutter in einer Zeitschrift gelesen, gebe es neue Förderungsmöglichkeiten für behinderte Kinder, bessere Behandlungsmöglichkeiten, sogar spezielle Schulklassen.

Hamburger Ärzte und Universitätsprofessoren untersuchen die Kleine, können jedoch nicht helfen, wirken ratlos. Diagnose- und Therapiemöglichkeiten sind Anfang der sechziger Jahre längst nicht so weit wie heute, Erfolge in der Medizin werden im aufstrebenden Nachkriegsdeutschland vor allem an chirurgischen Pioniertaten wie etwa spektakulären Organverpflanzungen gemessen.

Auch die Eingliederung von Behinderten in Kindergärten, Schulen und den Berufsalltag steht noch ganz am Anfang, die meisten leben unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Heimen. Immerhin: Anna D. macht für die Tochter eine Schule ausfindig, in der Kinder mit einem Handicap gemeinsam unterrichtet werden. Weil die meisten Mitschüler jedoch weniger schwer beeinträchtigt sind, wird Johanna oft gehänselt und drangsaliert, kann nicht bleiben. "Sie haben ihr die Finger rumgedreht, bis es geknackt hat", erinnert sich Vater Karl-Heinz D.

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