Von Detlef Hacke und Gerhard Pfeil
Wenn die Welt des Sports auf die normale Welt trifft, dann wird es manchmal kompliziert. Imke Duplitzer sitzt im Aufenthaltsraum des Bundesleistungszentrums in Bonn. Die Degenfechterin erzählt eine Geschichte aus dem Alltag einer deutschen Spitzensportlerin. Sie hat schlechte Laune.
Neulich wurde sie von einer Freundin zum Skilaufen nach Österreich eingeladen. Es sollte ein Überraschungstrip werden. Total nette Idee, sagte Duplitzer. Dann erklärte sie der Freundin, dass das aber so nicht mit ihr funktioniere. Sie brauche vorab die Namen aller Hotels, die Adressen, die Telefonnummern. Sie benötige ferner exakte An- und Abreisezeiten. Am besten wäre es, sie würde einen kompletten Reiseablauf erhalten, an dem sich dann bitte schön auch nichts mehr ändern dürfe. Die Freundin guckte sie mit großen Augen an und meinte, normal sei so was ja nicht.
Duplitzer sagt: "Da konnte ich nicht widersprechen."
Imke Duplitzer, 33, gehört zu den besten Degenfechterinnen der Welt. Wie alle Elitesportler muss sie sich dem Meldesystem der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) unterwerfen. Sie muss drei Monate im Voraus angeben, wo sie sich jeden einzelnen Tag aufhalten wird. Duplitzer hat diese Art der Überwachung immer hingenommen. Sie begrüßt den Kampf der Wada gegen die Doper.
Seit dem 1. Januar gilt für Duplitzer, gemäß dem neuen Wada-Code, nun ein verschärftes Kontrollsystem. Die wichtigste Ausweitung ist die sogenannte Ein-Stunden-Regel. Duplitzer muss jetzt auch noch jeden Tag zu einem festgelegten Zeitpunkt an einem vorher angegebenen Ort eine Stunde lang für eine eventuelle Dopingkontrolle zur Verfügung stehen. Die Ein-Stunden-Regel, sagen Experten, sei ein Meilenstein im Kampf gegen Doping.
Für Duplitzer kommt der Erlass einer Kriegserklärung gleich.
In der Stunde, die sie bei der Wada angibt, darf sie nicht zum Bäcker oder Zeitungshändler. Sie muss sich für eine eventuelle Kontrolle bereithalten. Auch wenn sie im Urlaub ist, 365 Tage im Jahr.
Sie komme sich vor wie eine "Gefangene", sagt Duplitzer und fühle sich in ihrer "persönlichen Freiheit" eingeschränkt. Sie fragt: "Was kommt als Nächstes? Legen sie uns elektronische Fußfesseln an?"
Kritik am Kontrollsystem zu üben ist für Sportler riskant. Im Zeitalter des Generalverdachts landet man schnell in der Ecke der Verdächtigen. Die Verunsicherung ist so groß, dass die meisten Sportler lieber nicht offen über ihre Bedenken reden. Sie haben Angst, falsch verstanden zu werden und in die Mühlen zu geraten.
Der Ruderer Christian Schreiber, 28, aus Halle an der Saale, bei den Olympischen Spielen als Schlagmann im Doppelvierer Sechster, formuliert vorsichtig. Die Ein-Stunden-Regel sei "ein Rieseneinschnitt", sagt er, Vater von zwei Kindern, der neben dem Sport Wirtschaftswissenschaften studiert. Er fühle sich gegängelt, auch weil niemand die Athleten vorher nach ihrer Meinung gefragt habe: "Wir müssen die Kröte jetzt einfach schlucken."
Die Fechterin Britta Heidemann, 26, aus Köln hat ihre Worte auch lange abgewägt. Die Olympiasiegerin von Peking will, dass Dopern das Handwerk gelegt wird. Deshalb befürwortet sie Wettkampfkontrollen und dass Fahnder auch mal beim Training oder in der Universität erscheinen, um eine Urinprobe abzuholen. Was Leistungssportlern nun jedoch abverlangt werde, sei absurd.
Voriges Jahr machte sie Urlaub in Australien, sie fuhr mit dem Wohnmobil ins Outback. So eine Reise sei jetzt kaum mehr machbar. Sie müsste im Voraus die Campingplätze recherchieren, die sie ansteuern will, damit sie die geforderten Meldedaten liefern könnte. Sie müsste darauf achten, auch immer pünktlich an einem Zwischenstopp anzukommen. Es könnte ja der Dopingkontrolleur auf sie warten. In ihrem Urlaub. "Wer sich penibel an alle Vorgaben hält, wird von diesem System fremdbestimmt", sagt sie.
Der Volleyballer Christian Dünnes, 24, Nationalspieler im Dienst des italienischen Erstligisten Piacenza, geht neuerdings nach dem Aufstehen nicht mehr mit seinem Hund vor die Tür. Er hat die Stunde, die er für eine Dopingkontrolle zur Verfügung stehen muss, auf die Zeit zwischen sechs und sieben Uhr am Morgen gelegt. Sein Problem ist, dass er oft unterwegs ist, zu Auswärtsspielen im Ligabetrieb oder im Europapokal. Fast täglich muss er seine Angaben überprüfen und erneuern. Er sagt: "Man denkt nur noch an die Kontrollen."
In einer kleinen Stadtvilla in der Heussallee in Bonn befindet sich die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada). Die Stiftung setzt die Regeln der Wada in Deutschland um. Im ersten Stock hat Matthias Blatt, Leiter der Abteilung Doping-Kontrollsystem, sein Büro. Blatt bewundert Spitzensportler, in seiner Freizeit macht er Triathlon. In den letzten Wochen musste er sich fühlen, als wäre er deren größter Feind.
Es begann schon vor Weihnachten. Weil die Wada eine neue Version des Internet-Meldesystems "Adams" eingeführt hatte, riefen wütende Sportler bei ihm an, die mit dem komplizierten Programm nicht zurechtkamen. Seit ein paar Wochen muss er sich am Telefon beschimpfen lassen, die Nada "drangsaliere" Athleten. Blatt bekommt auch E-Mails mit beleidigendem Inhalt.
Es braut sich ein Sturm zusammen
Er reibt sich die müden Augen, guckt zum Fenster raus und sagt, dort draußen braue sich wohl ein Sturm zusammen.
Der Kampf gegen die Betrüger ist unerlässlich. Erst vorige Woche wurden drei positiv getestete russische Biathleten vorläufig gesperrt. Doping hat den Sport schon zu sehr ausgehöhlt. Es geht längst um den Wert des Sports in dieser Gesellschaft, weil immer mehr Zuschauer glauben, die Leistungen der Sportler seien ohnehin nicht echt. Es gibt Vorschläge, Athleten mit GPS-Geräten auszustatten, damit die Dopingkontrolleure sie jederzeit lokalisieren können. Nur so sei hochkriminellen Dopern in verseuchten Sportarten wie dem Radsport oder der Leichtathletik beizukommen.
In dem Bestreben, Doping zu bekämpfen, gerate der Sport jedoch auf Kollisionskurs mit den "Persönlichkeitsrechten der Athleten", sagt Udo Steiner, ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht, der jetzt die Dopingkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) leitet. "Wir haben den gläsernen Menschen erfunden, wir verlangen in keinem anderen Beruf eine derartige Transparenz wie im Sport", meint der Jurist.
Der Zürcher Rechtsprofessor Ulrich Haas, der am neuen Wada-Code mitgearbeitet hat, räumt ein, dass die Ein-Stunden-Regel ein "massiver Eingriff in die Privatsphäre" der Athleten sei. Für Haas ist die Dopingbekämpfung eine "permanente Baustelle", an der immer nachgebessert werden müsse. Je höher man zum Beispiel die Anforderungen schraube, desto häufiger würden Sportler ins Netz gehen, "die sich aus Unachtsamkeit nicht rechtzeitig abgemeldet haben", sagt Haas. "Die Frage ist: Wenn wir viele Papierdelikte haben und nur noch wenige positive Proben - stimmt dann das Verhältnis noch?"
gehörte schon immer zum Sport. Wurde ja in den 70ern sogar von hochrangigen deutschen Politekern so gefordert, damit es endlich für die BRD auch Medalien gab. Leistungssport ist die Fortführung der Gladiatorenkämpfe - die waren [...] mehr...
Wenn schon Fussball, dann bitte auch noch Tennis. Diese Regelung ist absolut nötig, ich bin sogar dafür das Profis einkaserniert werden sollten oder zumindest Sportblockwärter eingeführt werden. Ein GPS-Sender am Fussgelenk [...] mehr...
Also meiner Meinung nach braucht weder Olympia den Fußball noch der Fußball Olympia. mehr...
Nein, sie werden schlimmer behandelt als Krinminelle. Kriminellen muss ihre Schuld nachgewiesen werden. Sportler dagegen haben keine Chance, ihre Unschuld nachzu weisen, sie gelten generell als Doper, siehe diverse Beitræge [...] mehr...
Die neuen Regeln der WADA stellen alle Sportler unter Generalverdacht. Alle Sportler haben ein Recht auf Intemssphäre. Die darf auh nicht unter dem Gesichtspunkt der Dopingbekämpfung eingeschränkt werden. Die Sportkler werden ja [...] mehr...
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