Von Ulrike Knöfel
In düsteren Zeiten ist die Strahlkraft großer Ideen gefragt. Die deprimierende Gegenwart empfand der deutsche Architekt Walter Gropius nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als "Katastrophe der Weltgeschichte", und er begegnete ihr mit einer kühnen und zugleich erstaunlich pragmatischen Utopie. So gelang ihm, ganz real, ein kulturelles, bis heute nachwirkendes Wunder.
Ohne diesen Mann sähe die Welt der Architektur und des Designs anders aus. Daran dürfte bald häufiger erinnert werden, nicht nur in Deutschland.
Gropius, damals 35 Jahre alt, machte es zum Prinzip, sich allen Traditionen zu verweigern und doch auf eine ganz altmodische Art soziale Verantwortung zu übernehmen. Am 20. März 1919 stellte er den Antrag, eine Akademie gründen und sie "Staatliches Bauhaus in Weimar" nennen zu dürfen. Am 12. April traf die Genehmigung ein. Zwischendurch hatte der Architekt ein mitreißendes Manifest verfasst. Es war der Beginn einer epochalen Entwicklung, einer nahezu weltweiten ästhetischen Umwälzung - kurz, einer echten Revolution.
Das Bauhaus erwies sich als eine aufregende Kunstschule, als eine Akademie, die nicht akademisch sein sollte, sondern lebensnah. Dem Kuratorium des Freundeskreises gehörte bald Albert Einstein an, zu den Lehrern zählten Maler wie Josef Albers, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer. Ludwig Mies van der Rohe, der dritte Direktor des Bauhauses, wurde eine Legende der Architekturgeschichte.
Ausstellungen in Weimar und Berlin, in Tokio und New York sowie rekordverdächtig viele neue Bücher feiern nun den 90. Jahrestag der Gründung. Sogar das New Yorker Museum of Modern Art, das MoMA, plant seit längerem, seinen 80. Geburtstag mit dem 90. des Bauhauses zu verbinden. Alfred Barr, Gründungsdirektor des MoMA, hatte sich einst von den deutschen Erneuerern inspirieren lassen und sein Museum auf die Kunst der europäischen Moderne ausgerichtet.
Nur zu. Die Schule hat tatsächlich das Bild von der Moderne geprägt und den unerbittlichen Bruch mit alten Gewohnheiten zur obersten Künstlerpflicht erklärt: "Die erste Tat des Bauhauses war, alle feststehenden Anschauungen einzureißen ... Plötzlich entdeckt man, dass man auch von einer ganz anderen Perspektive das Leben ansehen kann", schwärmte die Absolventin Lisbeth Oestreicher.
Welch ein Erbe - bis heute dient das Bauhaus als heimlicher Maßstab für alle, die sich zur Avantgarde in Kunst, Design, Architektur und Städtebau zählen. Die Kulturgeschichte, die in den Jahren nach 1919 geschrieben wurde, ist das Fundament für das Selbstverständnis und das Renommee des heutigen Deutschland als Standort künstlerischen Fortschritts.
Weimar, Dessau, Berlin: Das waren die drei Stationen in 14 Jahren, drei Aufbrüche, die in der Niederlage vor kulturlosen Gegnern endeten. Heute sind die Stätten in Weimar und Dessau Weltkulturerbe. Eine späte Verbeugung.
Das Bauhaus überlebte als Mythos, es dauert fort in den Werken der nach 1933 geflüchteten Lehrer und Schüler. In Israel entwickelte sich eine eigene Bauhaus-Moderne. In Chicago war in den Dreißigern sogar ein New Bauhaus eröffnet worden. Auch New York wäre ohne die aus Deutschland importierte Stahl-Glas-Ästhetik eine andere Stadt. Nur der verspielten Postmoderne der achtziger Jahre war das puristische Bauhaus dann zu dogmatisch - vor allem wollte man gegen die inzwischen überlebensgroße Legende rebellieren.
Daheim in Deutschland erhoben nach dem Krieg Ost und West jeweils Anspruch auf das Vermächtnis. Später gab es auch hier Kritiker, reflexhaft brachten sie den Einwand hervor, die Wohnsilo- und Plattenbausünden gingen direkt auf die Bauhaus-Vision einer Behausung vom Fließband zurück. Doch diese Entzauberungsversuche gehören auch schon wieder lange der Vergangenheit an.
Das alte harmonische Bild sei inzwischen zerbrochen, sagt zwar die Bauhaus-Expertin Magdalena Droste - aber dieser Eindruck scheint sich im Jubeljahr 2009 nicht zu bestätigen, denn nun üben sich fast alle in der Verklärung, feiern die Schule als Labor der zukunftsträchtigen Produktgestaltung. Nachträglich erklärt man das Bauhaus zum lebenslustigen Großatelier, das nebenbei eine Design-Novität nach der anderen ausspuckte und so den Alltag ästhetisierte. Nur war es deutlich vielschichtiger, widersprüchlicher und vor allem gewichtiger als sein Ruf.
Die eigentliche Großtat von Gropius und seinen Gefolgsleuten bestand darin, die gesellschaftspolitische, auch moralische Kraft von Architektur und Design zu erkennen und freizulegen. Man wollte "wirksamen Einfluss" auf die "allgemeinen Zustände" nehmen, eine gerechtere Welt formen und das alles zu einer "Lebensangelegenheit des ganzen Volkes" machen.
Dass gerade die Architektur heute als politisch gilt, weil sie Lebensbedingungen konkret gestaltet, dass um ihre Entwürfe folglich immer auch gerungen und über sie gestritten werden muss - diese Einsicht rührt vor allem vom Bauhaus her.
Natürlich klingt das nach Weltverbesserertum, was inzwischen als Makel gilt. Doch wäre es längst an der Zeit für eine zutreffendere Bewertung; zudem gilt es, das Bauhaus neu zu erfinden, den Nachfolgeinstitutionen - der Stiftung Bauhaus Dessau und der Bauhaus-Universität Weimar - ähnliches Revoluzzertum, auch ähnliche Tatkraft wie damals abzuverlangen.
Immerhin: In Dessau nutzt man das Jubiläumsjahr für einen Neuanfang. Der Berliner Architekt Philipp Oswalt tritt im März sein Amt als Direktor an, und er fordert wieder mehr Engagement sowie die Pflicht zur Einmischung (siehe Seite 142).
Dass das Bauhaus zum ewigen Faszinosum werden würde, war 1919 kaum vorherzusehen. Am Ende des Ersten Weltkriegs verharrte die deutsche Kunstszene in einem Trauma. Alle, die lebendig aus den Schützengräben herausgekommen waren, kämpften um ihre Existenz. Man sah einer politisch aufgeheizten, wirtschaftlich unsicheren Zukunft entgegen.
Dann der Lichtblick - das Bauhaus war ja auch als Versprechen gemeint. Da Gropius das Vorkriegskonzept der lebenslustigen Boheme für weltfremd hielt, wollte er Malern, Produktgestaltern und Architekten eine Bodenständigkeit verleihen, die sie ernähren konnte. Weil das Handwerk seiner Ansicht nach Basis allen künstlerischen Schaffens sein sollte, gründete er lauter Werkstätten, nannte seine Professoren Meister, die Studenten Lehrlinge und Gesellen.
Es ging ihm darum, Geist, Talent und Tatkraft zu verbinden. Alles, was am Bauhaus an Erzeugnissen entstand, jeder Stuhl, jede Leuchte, jeder Türgriff und jedes Wandbild, scheint diesen Kern der Zuversicht in sich zu tragen. Das und noch etwas anderes macht bis heute das Charisma dieser Idee aus: In der Ästhetik hat sich auch eine hochambitionierte, hoffnungsvolle Jugend verewigt.
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Sehen Sie - ich kann hellsehen... ;-) Die Blockrandbebauung im kaiserzeitlichen Pomp als Neubau hätte in den 60gern und 70gern keine Liebhaber gefunden. Nein wirklich nicht - auch Sie nicht. Die "Originale" [...] mehr...
Ja, genau das ist es! Woher konnten Sie das nur so exakt wissen? ;=) Zu der Wohnungssituation der 60er/70er - man hätte ja vor allem mal einfach nur die Blockrandbebauung beibehalten müssen. Neue Füllbauten in Altbauvierteln [...] mehr...
Sie lieben den Begriff "Ausrede" innig, nicht wahr? Den Versuch, an dieser Stelle herauszufinden, was Sie damit ganz genau meinen - außer daß Sie recht und ich unrecht habe ;-) - lassen wir wohl am besten bleiben. [...] mehr...
Traditionell = i.a. kleinteilig, verziert, dicht bebaut, Stadt der kurzen Wege. Natürlich hat die Gründerzeit das Bestehende weggefegt, deshalb trifft die Ausrede mit der "gewachsenen Stadt" ja auch nicht zu. Aber [...] mehr...
wenn Sie mir nun noch erklären, was Sie unter "traditionellem" Bauen verstehen, und unter unter dem "klassischen Konzept". Gründerzeit war eben Gründerzeit. Die Bauten haben zum guten Teil repektlos die [...] mehr...
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