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Ausgabe 8/2009
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Kulturerbe Neues Bauen, neue Welt

2. Teil: Das Bauhaus als Vorläufer der 68er-Kommunen?

Die meisten der Studenten von Gropius waren arm, und sie waren hungrig - im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn: auf das Leben und die Lehre, auf ästhetische Experimente und leiblichen Genuss. Die Kantine, im Oktober 1919 eröffnet, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Orte im Haus. Eigene Gemüsegärten wurden angelegt. Es fehlte an allem, an Arbeitsmaterial, an Kleidung, an Unterkünften. Trotz der bescheidenen Umstände entwickelten die Schüler und Lehrer ein ungeheures Selbstbewusstsein, ein Gefühl, dass man eine Elite, jedenfalls eine Ausnahmegemeinschaft darstellte.

"Wir alle lebten wie Geschwister zusammen", berichtete die Bauhaus-Schülerin Ré Soupault. Wer hierherkam, hatte dem Bürgerlichen abgeschworen. So nahm auch Soupault den Bruch mit ihrer Familie in Kauf.

Zum Schrecken der Weimarer Bürger sonnten sich "Bauhausleute beiderlei Geschlechts" nackt in der Natur, und aus "freiem Verkehr" seien gar Kinder hervorgegangen - das Bauhaus als Vorläufer der 68er-Kommunen?

Das Bauhaus war eine Gemeinschaft, eine Gemeinde unter Hochspannung - mit völlig neuen Sitten für die Jugend. Also doch eine neue Boheme.

Die ersten Jahren waren sogar ziemlich esoterisch, der Schweizer Johannes Itten fungierte als Guru: Ein Anhänger fernöstlicher Lehren und ein mönchsähnlich gekleideter Glatzkopf, verlangte er von seinen Schülern, "jede Konvention" abzuwerfen.

Gropius hatte versucht, seiner industrialisierten Zeit eine Seele zurückzugeben. Das Handwerk galt ihm als sinnstiftend, Holz war das bevorzugte Material, die Bauhütten des Mittelalters standen Pate für seine Institution.

Rasch emanzipierte sich der Direktor von seinem Anfangspathos, auch von seiner Idealisierung der Vergangenheit. Er verdammte noch immer die reine Kunst als Selbstzweck, auch wollte er nach wie vor keine "Luxusgegenstände für Liebhaber" herstellen. Aber er propagierte jetzt mit Vehemenz eine Architektur und eine Produktgestaltung, die auf die Möglichkeiten der Industrie zugeschnitten war.

1923 rief er das Motto "Kunst und Technik - eine neue Einheit" aus. Der Herr über das Bauhaus verlangte Tempo, wollte die "Erdenträgheit" überwinden. Manche Bauhäusler würden eine "Rückkehr zur Natur" bevorzugen, lästerte er, und lieber "mit dem Flitzbogen schießen anstatt mit der Flinte".

Da war wieder der alte Maschinenglaube aus Vorkriegszeiten erwacht. Er löste einen heftigen Richtungsstreit aus, eine von vielen Debatten am Bauhaus.

Zu den Skeptikern gehörte etwa der Bauhaus-Meister Georg Muche, der mit der "sinnverlorenen Formenwelt" da draußen keine "kompromittierende Verbindung" eingehen wollte. Auch Kandinsky, dem Genie und Miterfinder der Abstraktion, passte nicht, dass "die Maschine zum Götzen" erhoben werde.

Formen und Funktionen, Produktion und Vermarktung: Alles wurde von Grund auf neu gedacht. "Neu" war das Stichwort der Stunde, Neues Bauen, Neues Sehen, der Neue Mensch.

Umstritten war innerhalb der Institution der Begriff "Stil". Aber es gab ihn natürlich, den unverkennbaren Bauhaus-Stil. Dieses von jedem Schnörkel befreite, minimalistische Formenvokabular war ein intelligentes, demokratisches Understatement. Zur Mythologie der Moderne gehören seither das damals so ungewohnte Flachdach, die funktionale Logik eines Stuhls und auch die Sachlichkeit einer Teekanne aus Metall.

Weimars Konservative witterten Umstürzlerisches, ein "Experimentieren innerhalb jener einseitigen modernsten Geschmacksrichtung" und einen "politischen Beigeschmack radikalster Strömung". So stand es in einer öffentlich verteilten Erklärung. Die Reichswehr rückte zu einer Hausdurchsuchung bei Gropius an, die Lage spitzte sich stetig zu. Für den März 1925 wurde allen Bauhaus-Meistern gekündigt. Weimar, wo das politische Umfeld immer nationalkonservativer und reaktionärer geworden war, wollte mit dieser Bauhaus-Bande nichts mehr zu tun haben.

Doch das Bauhaus verband den Glauben an sich selbst mit bewunderungswürdiger Beharrlichkeit. In Dessau, der zweiten Station, startete die Akademie noch einmal richtig durch, und wie: Der eigene, moderne Schulbau mit Studentenwohnheim, die Villen für die Meister - ein regelrechtes Bauhaus-Universum entstand.

Endlich durfte sich die Schule - vor allem Gropius - auch architektonisch im größeren Stil verwirklichen. Sie bekam den Auftrag für eine ganze Siedlung. Die Industriestadt Dessau, so schien es, bildete das passende Auffangbecken für die hochtourige Energie des Bauhauses.

Ein geschlossener Haufen war die Gruppe dabei immer noch nicht. Ise Gropius, Direktorsgattin, brachte wenig Verständnis für die ihrer Meinung nach so weltfernen Maler der Schule auf und notierte in ihrem Tagebuch: "Bei Klees und Kandinskys herrscht eine völlige Unkenntnis der schwierigen Lage; sie lesen keine Zeitungen und vergraben sich in ihren Ateliers."

Vielleicht hatte sie recht, vielleicht überschatteten kleinliche Sorgen die großen Ziele. Die Lehrer wohnten zwar prächtig in den von Gropius entworfenen weißen Meisterhäusern. Kandinsky störte sich jedoch daran, dass jeder durch die großen Fenster in sein Haus hineinblicken konnte. Anders der Maler Oskar Schlemmer. Er fürchtete, eines Tages könnten hier die Wohnungslosen stehen, "während sich die Herren Künstler auf dem Dach ihrer Villen sonnen".

Die umfassende Politisierung setzte nach Walter Gropius ein, unter dem 1928 berufenen Direktor Hannes Meyer. Meyer, kein Mitglied, wohl aber Sympathisant der KPD, erschien vielen späteren Interpreten als zu radikal. Aus ihrer Sicht passte der Befürworter des "Volksbedarfs" nicht in das letztlich doch schöngeistige Bauhaus-Klima.

Die "kollektive Lebensnot" bald nach Beginn der Weltwirtschaftskrise begriff Meyer als persönliche Herausforderung. Nur musste er zugleich erkennen, dass das Bauhaus drohte eine reine Mode zu werden. "Eine Wiener Modezeitschrift empfiehlt Damenwäsche nicht mehr mit Blümchen, sondern im zeitgemäßen Bauhausstil mit geometrischen Dessins zu gestalten", spottete auch der Schriftleiter der Bauhaus-Zeitschrift.

Ausgerechnet in der Ägide Meyer wurde das wohl trivialste, aber auch erfolgreichste Produkt für die schuleigene GmbH entwickelt: die Bauhaus-Tapete, dezent gemustert, Streifen, Gitter, Flächen, alles in verschiedenen Farbvarianten.

Neue Produkte, eine neue Ästhetik für eine neue, gerechtere Welt - was war aus diesem Ansinnen geworden? Oft genug schufen die Bauhäusler Objekte, die sich bestenfalls die obere Mittelschicht leisten konnte. Erst in der angestrebten Massenherstellung wäre das Design für jedermann bezahlbar gewesen. Aber der ursprüngliche Impuls blieb.

Als Meyer 1930 von seinem Architektenkollegen Mies van der Rohe abgelöst wurde, steuerte das Phänomen Bauhaus schon auf sein Ende zu. Der neue Leiter war ein Ästhet, ein Meister der Eleganz und Perfektion, kein Gesellschaftsreformer, auch kein politischer Kopf. Es half nichts.

Das Bauhaus wurde Ziel einer Kampagne der in Sachsen-Anhalt bereits mächtigen NSDAP, im August 1932 beschloss der Gemeinderat von Dessau die Schließung. In Berlin, dem dritten Neuanfang, folgte ein Jahr später das endgültige Aus.

Die Identität des Bauhauses beruhte auf seiner Unangepasstheit. Ganz am Ende aber wollten sich einige Bauhäusler, frühere Lehrer wie ehemalige Schüler, dem für die technische Moderne aufgeschlossenen neuen NS-Regime anpassen - während viele andere emigrierten und so den Ruf dieser einmaligen Institution retteten.

Gropius bestimmte als Professor in den USA die internationale Architektur mit. 1937 schrieb er: "Ein ganzer Kreis vom Bauhaus ist jetzt beisammen in diesem Land, das gibt einem das Gefühl von Wurzelhaftigkeit, das wir Verpflanzten ja alle nötig haben."

Aus der Konkurrenz der Zwanziger-Jahre-Avantgarden ging sein Bauhaus als Sieger hervor. Jetzt wäre es Zeit für einen neuen Wettbewerb der kreativen Weltverbesserer.

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insgesamt 39 Beiträge
architekt? 18.02.2009
Die Geschichte kann man in diesem sehr günstigen und bebilderten Taschenbuch nachlesen. [...]
Die Geschichte kann man in diesem sehr günstigen und bebilderten Taschenbuch nachlesen. http://www.amazon.de/gp/product/3822822221?ie=UTF8&tag=978-3899552119-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=3822822221 Wer mehr investieren möchte kann sich mal folgendes Buch anschauen. http://www.amazon.de/gp/product/3832171533?ie=UTF8&tag=978-0744010480-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=3832171533
tetaro 18.02.2009
Irgendwann war's sicherlich mal was Neues und Interessantes. Sich heute noch darauf zu berufen, weil man rechtfertigen will, Stadtteile in 6 Monaten mit gleichförtmigen Klötzchen zu tapezieren, ist dagegen albern.
Irgendwann war's sicherlich mal was Neues und Interessantes. Sich heute noch darauf zu berufen, weil man rechtfertigen will, Stadtteile in 6 Monaten mit gleichförtmigen Klötzchen zu tapezieren, ist dagegen albern.
Prach 18.02.2009
Bauhaus. Ornament ist Verbrechen. Stattdessen einfach eine schöne glatte Betonwand, gern roh belassen, wegen der Materialehrlichkeit. Großzügig verglast, mit Flachdach. Im Idealfall mit schiefen Wänden. Ist zwar sinnlos, aber [...]
Bauhaus. Ornament ist Verbrechen. Stattdessen einfach eine schöne glatte Betonwand, gern roh belassen, wegen der Materialehrlichkeit. Großzügig verglast, mit Flachdach. Im Idealfall mit schiefen Wänden. Ist zwar sinnlos, aber irgendwie ist man ja doch Künstler, nicht wahr? Unsere Städte sehen dementsprechend gruselig aus. Ich plädiere für einen neuen Historismus. Mit möglichst vielen Ornamenten wie beim legendären Dresdner Kaiserpalast. Wäre mir normalerweise auch etwas zu heavy, aber ich brauche jetzt ein starkes Anti-Bauhaus-Gegengift. Viele Grüße aus dem Wohncontainer: Bauhaus, nein Danke.
a.weishaupt 18.02.2009
Leider hat die naiv-utopische "Greisenmoderne" der 1920er uns unterm Strich nichts weiter als Unwirtlichkeit in die Städte gebracht; eine Fortsetzung der Kriegszerstörungen mit anderen Mitteln. Gepaart mit dem [...]
Leider hat die naiv-utopische "Greisenmoderne" der 1920er uns unterm Strich nichts weiter als Unwirtlichkeit in die Städte gebracht; eine Fortsetzung der Kriegszerstörungen mit anderen Mitteln. Gepaart mit dem autogerechten Umbau der 50er bis 70er haben wir uns in Deutschland mit dem Modernismus einen handfesten Standortnachteil eingehandelt - die Atmosphäre von Paris oder Mailand lag bei uns mal direkt vor der Haustür. Nicht umsonst liegen Miet- und Kaufpreise für Wohnungen in den letzten verbliebenen Altbauinseln auf Rekordniveau. Solche Stadtteile, meistens nur einige zufällig stehengebliebene Vorkriegs-Straßenzüge, sind fast immer um ein Vielfaches attraktiver und lebendiger als die verschlafenen Nachkriegssiedlungen, dafür weniger weitläufig und weniger autogerecht. Das Konzept des radikalen Umbruchs ist also famos gescheitert, längst würde eine Mehrheit einen Wiederaufbau der gründerzeitlichen Stadtlandschaft befürworten. Dass die Architektenzunft dies ständig verweigert und vielerorts erst durch Bürgerproteste zur Aufgabe oder Abschwächung ihrer Experimente bewogen werden muss, zeigt ihr undemokratisches Wirken. Die traditionelle Stadt der kurzen Wege ist vor dem Hintergrund der Verkehrsprobleme heute wieder interessant - erprobte Konzepte, die sich über lange Zeit entwickelt haben, lassen sich eben durch halbgare Visionen nicht so leicht übertreffen.
architekt? 18.02.2009
Ein "Gegengift" ist Hundertwasser. Siehe Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur (http://www.kunsthauswien.com/deutsch/gegen-arch.htm).
Zitat von PrachAnti-Bauhaus-Gegengift
Ein "Gegengift" ist Hundertwasser. Siehe Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur (http://www.kunsthauswien.com/deutsch/gegen-arch.htm).
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