Von Frank Thadeusz
Ausgerechnet in dieser Situation wollen sich die Hasardeure aus aller Welt an den Strand stellen, um die Räuber zu massakrieren?
Doch der erste Eindruck täuscht. Die Haiangler haben ihr Treiben einem strengen Ehrenkodex unterstellt. Der Raubfisch wird nach fairem Kampf wieder ins Wasser zurückbefördert - nach Möglichkeit ohne dass ihm zuvor eine Flosse gekrümmt wurde. "Fangen und freilassen" heißt die unumstößliche Regel. Wer sich nicht daran hält, darf bei den Paxtons nicht mitmachen.
Dass die Angler ihre Beute früher im großen Stil töteten, lag auch an den strengen Bestimmungen der Angelverbände. Ein Weltrekord wurde demnach nur anerkannt, wenn der Fisch zuvor ordnungsgemäß gewogen worden war. Hängt man jedoch einen 350 Kilo schweren Hammerhai mit dem Kopf nach unten an die Waage, werden dessen Eingeweide plattgedrückt. Das Tier verendet.
Die Blacktip-Wettangler vermessen den Fisch stattdessen nach Länge und Breite mit einem Maßband und errechnen dann nach einer speziellen Formel dessen Gewicht. Wer den schwersten Hai angelt, hat gewonnen.
Sean Paxton will der Hobbyfischerei nun sogar einen wissenschaftlichen Nutzen verleihen. Zusammen mit der Meldebestätigung erhält jeder Teilnehmer der Blacktip Challenge eine Markierungsnadel, die der Fänger dem Hai vorsichtig an die Rückenflosse heften soll.
Der Ansteck-Pin dient mehreren Zwecken: Zum einen erkennen die Angler auf diese Weise, ob sie einen Fisch schon zum wiederholten Mal aus der Tiefe gezerrt haben. Überdies könnten Forscher über die Markierung endlich mehr Licht in die noch weithin unbekannte Lebenswelt der Haie bringen und etwa deren Wanderungsbewegung studieren.
"Es gibt eben sehr viel mehr Angler als Hai-Wissenschaftler", sagt der Zoologe Robert Hueter vom Mote Center for Shark Research in Florida - wohl der ausschlaggebende Grund, warum seit neuestem Wissenschaftler mit den Sportfischern kollaborieren.
Sean und Brooks Paxton verzichten diesmal sogar gänzlich darauf, selber zu angeln. Stattdessen wollen sie für eine Haidokumentation unter und über Wasser filmen. Um den Aufnahmen noch mehr Würze zu verleihen, soll die blonde Judy in superknappen Shorts von einem Blatt ablesen, dass den Zuschauer des Films "eine Menge neuer ,shark action'" erwartet.
Doch schon beim ersten gefangenen Hai geht etwas schief. Big Jimmys stählerner Haken hat sich in den Kiemenspalten verfangen und eine tiefe Wunde in den Rachen des Hais gerissen. Dunkles Blut tropft in den Sand. Ein unschönes Bild.
"Das war so nicht vorgesehen", kommentiert Sean Paxton mit ernster Miene den Zwischenfall. Auch Judy wendet sich mit Grausen ab. Nachher berichtet ihre Mutter, die Tochter habe sich beinahe erbrechen müssen. Judy ist indes sauer auf Big Jimmy, weil der den Hai gequält habe.
Wie gut, dass die junge Frau nie Frank Mundus getroffen hat, den Säulenheiligen aller Haifänger. Mundus begründete Anfang der fünfziger Jahre ein einträgliches Geschäft damit, dass er von Bord eines Boots auf hoher See nach den Raubfischen jagte. Touristen zahlten viel Geld, um dem selbsternannten "Monster Man" dabei zuzusehen, wie er die Riesenfische aus dem Meer zog. 1964 harpunierte und tötete der manische Mundus den mit zwei Tonnen Gewicht schwersten Weißen Hai, der jemals gefangen wurde.
Glücklich wurde der Getriebene mit dieser Trophäe allerdings nicht. Wie ein Wiedergänger des nach dem weißen Wal jagenden Kapitän Ahab fütterte Mundus mit der Haijagd vor allem seine inneren Dämonen. Er entwickelte sich zum impulsiven und saufenden Kotzbrocken. So gab er schließlich das Vorbild für den zynischen Menschenfeind und Haijäger Quint in Steven Spielbergs Thriller "Der Weiße Hai" (1975) ab.
Quint wird am Ende des Films von dem Monsterfisch verschlungen. Mundus überlebt hingegen - und wandelt sich in späten Jahren zum Tierschützer, dem das Leben der Haie nun heilig ist.
Ihm, der vergangenen September starb, hätte nicht immer gefallen, was sich bei dem Wettangeln an der Küste von Singer Island ereignet. Big Jimmy Boyce, ein bisschen wacklig auf den Beinen vom langen Ringen mit dem Hai, schleift den blutenden Blacktip zurück ins Meer. Wenig später wuchtet ein mächtiger Hammerhai kurz seinen Leib aus dem flachen Wasser - ein Riese, vielleicht vier Meter lang.
Die spektakuläre Szene entzündet am Strand unmittelbar glühendes Jagdfieber. Erst allmählich geht der Jagdgesellschaft auf, welche Umstände dieses Prachtexemplar wohl in Ufernähe getrieben haben. Der Hammerhai, so die Mutmaßung, habe wohl den schwer angeschlagenen, blutenden Blacktip zerfleischt - ein Beutezug, der dem größeren und behäbigeren Hai unter normalen Bedingungen kaum gelungen wäre.
Doch auch ohne solche tragischen Zwischenfälle scheint das kräftezehrende Wettangeln die Tiere enorm zu zermürben. Wie benommen schlingern die stolzen Haie durchs Wasser, wenn die Jäger ihre Beute nach der Vermessung wieder in die Freiheit entlassen.
Und dann löst die dahingleitende Dreiecksflosse, dieses Symbol für Terror und Schrecken im Meer, nur noch Mitleid aus.
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