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Ausgabe 10/2009
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02.03.2009
 

Formel 1

"Sie glaubte, es sei ein Scherz"

Motorsport-Präsident Max Mosley über seinen Sexskandal, Lügen und die Obszönität der Formel 1

SPIEGEL: Mr. Mosley, das war ein schlimmes Jahr, nicht wahr?

Mosley: Es hatte seine Momente, ja.

SPIEGEL: Am 30. März vorigen Jahres erschien die britische Sonntagszeitung "News of the World" mit einer Titelgeschichte, die Sie mit fünf Frauen bei einer Sadomaso-Party in London zeigte. Wie überlebt man so etwas?

Mosley: Wenn ich angegriffen werde, sagen mir meine Instinkte, dass ich zurückschlagen muss. Die Geschichte kam völlig aus dem Nichts. Die Damen, die involviert waren, erschienen mir bis dahin als absolut vertrauenswürdig. Ich ahnte nichts, als am Sonntagmorgen das Telefon klingelte und unser Fia-Pressemann sich meldete.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

Mosley: Ich habe mir erst mal zwei Ausgaben der "News of the World" gekauft.

SPIEGEL: Und dann haben Sie sich hingesetzt und einen Whisky getrunken, oder wie muss man sich das vorstellen?

Mosley: Ich habe das Naheliegende gemacht: die Zeitung meiner Frau gezeigt. Sie glaubte, es wäre ein Scherz, ich hätte diese Ausgabe extra drucken lassen, 30. März, Sie verstehen, ein kleiner, vorgezogener Aprilscherz. Ich habe dann meine Rechtsanwälte angerufen.

SPIEGEL: Sie waren nicht schockiert?

Mosley: Nicht so, dass ich nicht mehr wusste, was zu tun ist. Menschen reagieren in solchen Situationen sehr unterschiedlich. Meine erster Gedanke war: Diese Veröffentlichung ist absolut illegal. Die haben kein Recht, so etwas zu tun, und deswegen war ich sofort im Angriffsmodus. Mir war klar, dass diese Geschichte für Wirbel sorgt, erst recht in der Welt der Formel 1.

SPIEGEL: Die Peinlichkeit der totalen Entblößung spielte keine Rolle?

Mosley: Nein, ich habe mich eher wie jemand gefühlt, in dessen Wohnung eingebrochen worden ist und der will, dass die Einbrecher bestraft werden.

SPIEGEL: Und Ihre Frau?

Mosley: Was soll man machen, außer sagen, ja, es ist wahr? Das alles war sehr schwierig für sie. Sie war geschockt und ist es noch heute. Wissen Sie, es ist nicht schön, irgendwo hinzugehen, und alle wissen Bescheid über das Intimste, was es gibt. Aber es bringt nichts, dazusitzen und sich zu sagen, wie schrecklich das ist. Irgendwann später hat sie mal gesagt: Na ja, immerhin hattest du deinen Spaß.

SPIEGEL: Ihre Frau nahm das mit Humor?

Mosley: So weit würde ich nicht gehen. Das alles hat sie traumatisiert, was ja absolut nachvollziehbar ist. Für meine Söhne ist es vielleicht noch ärger. Können Sie sich vorstellen, solche Fotos von Ihrem Vater in der Zeitung zu sehen?

SPIEGEL: Wann haben Sie entschieden, die Zeitung zu verklagen?

Mosley: Sehr schnell, obwohl es auch Leute gab, die mir abrieten. Wenn so eine Geschichte erst einmal draußen ist, lässt sie sich nicht mehr einfangen. Das Gericht mag mir zwar recht geben, aber es kann nicht anordnen, dass man sie wieder aus den Köpfen der Menschen holt. Stattdessen wird sie durch einen Prozess noch viel schlimmer, weil das, was für alle Zeiten privat sein sollte, immer wieder in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Das war mir klar, und mir war auch klar, dass selbst bei einem Sieg vor Gericht die Geldstrafe und die Beteiligung an den Kosten durch die Gegenseite nicht reichen würden, um die Rechnungen meiner Anwälte zu bezahlen. Man muss also ein wenig verrückt sein, und genau darauf setzen diese Leute. Wahrscheinlich haben sie bis kurz vor Beginn nicht geglaubt, dass ich wirklich einen Prozess will.

SPIEGEL: Sie haben nie gezögert?

Mosley: Niemals. Es ging ja um mehr als nur um die Verletzung meiner Privatsphäre. Sie haben, um diese Story aufzupumpen, eine Nazi-Geschichte daraus gemacht, die total erfunden ist. Das ist absolut verrückt, das hat mich sehr wütend gemacht. Ja, es war Sadomasochismus, es macht ja auch keinen Sinn, das abzustreiten, aber daraus eine Nazi-Geschichte zu stricken, bei der ich das Schicksal der Juden in Deutschland verunglimpfe, das ist wirklich unfassbar. Die Leute von der Zeitung wussten, das ist nicht wahr. Ich wusste, das ist nicht wahr. Aber sie brauchten diese Erfindung, um die Veröffentlichung zu rechtfertigen. Ohne die Nazi-Sache wäre es niemals von öffentlichem Interesse gewesen. Der Richter ist meiner Argumentation gefolgt, "News of the World" musste 60.000 Pfund zahlen.

SPIEGEL: Sie sind auch gegen Medien in Italien, Frankreich und Deutschland vorgegangen. Sie haben unter anderem von der "Frankfurter Allgemeinen" und von der "Süddeutschen Zeitung" Unterlassungserklärungen bekommen, auch vom SPIEGEL, weil Ihnen in der Berichterstattung über die Vorgänge in England der angebliche Nazi-Aspekt zu deutlich war und Ihre öffentlichen Einlassungen dazu nicht deutlich genug geworden sind. Sie haben "Bild" und "Bild.de" auf insgesamt 1,5 Millionen Euro Schadensersatz verklagt und gegen Mitarbeiter des Axel-Springer-Verlags wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten Strafanzeige gestellt. Es geht immer weiter.

Mosley: Ich bin immer noch im Angriffsmodus, ich werde sogar vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen, weil ich glaube, dass die englischen Mediengesetze geändert werden müssen.

SPIEGEL: Es wird wieder darum gehen, ob das nun eine Nazi-Orgie war oder nicht. Es wird um quergestreifte und längsgestreifte Häftlingskluft gehen, um Befehle in deutscher Sprache und darum, ob das alles Anspielungen auf ein Konzentrationslager sind. Das macht Ihnen nichts aus?

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