SPIEGEL: Beim Sadomasochismus geht es um Dominanz und Bestrafung, oft werden Uniformen getragen. Es gibt berühmte Filme wie "Der Nachtportier" mit Charlotte Rampling oder Pasolinis "120 Tage von Sodom". Hat Sadomasochismus nicht auch ein gewisses faschistoides Element?
Mosley: Nein. Dominanz und Bestrafung sind völlig apolitisch. Beides gibt es in allen politischen Systemen. Sogar bei den Amerikanern in Abu Ghuraib. Das war extremer Sadomasochismus, aber absolut widerlich, weil es nicht im gegenseitigen Einvernehmen geschah.
SPIEGEL: Sie haben die Vermutung geäußert, dass die Hintermänner der SM-Falle aus der Formel 1 kommen sollen. Wirklich?
Mosley: Ja, weil ich nicht glaube, dass ein MI5-Agent seine Existenz aufs Spiel setzt für 25.000 Pfund allein. So dumm kann er nicht sein. Ich habe den einen oder anderen Verdacht, aber keinen hundertprozentigen Beleg. Es gibt sehr viele Leute, die mich gern loswerden möchten.
SPIEGEL: Warum sollten Sie dort solche Feinde haben?
Mosley: Jeder, der eine hohe Position besetzt, ob in der Politik oder sonst wo, macht sich Feinde. Immer. Egal, wie nett und ehrbar ein Business sein mag: Es gibt überall jemanden, der nicht möchte, dass du der zentrale Mann bist.
SPIEGEL: Wollen Sie herausfinden, wer dahintersteckt - wie lange auch immer es dauert, was auch immer es kostet?
Mosley: Es ist wichtig für mich, es zu wissen, aber ich werde nicht unglücklich sterben, sollte ich es niemals erfahren.
SPIEGEL: Was könnte denn den oder die Drahtzieher motiviert haben, Sie auf diese Weise stürzen zu wollen?
Mosley: Ich stehe im Weg. Ich versuche, die Ausgaben in der Formel 1 drastisch zu kürzen. Dabei tritt man vielen Leuten auf die Füße: Leuten, die weiterhin viel Geld haben; Leuten, die nicht wollen, dass andere mit weniger Geld ihnen ebenbürtig werden; Leuten, die es nicht erwarten können, auf den Knopf zu drücken, der mich ausschaltet. Unmöglich, sich da keine Feinde zu machen.
SPIEGEL: Was haben Sie über die Formel 1 in den vergangenen Monaten gelernt?
Mosley: Nichts. Es geht auch nicht um mich als Person, sondern um meine Rolle im Business. Es geht um Prestige, Interessen und große Egos.
SPIEGEL: Sogar Bernie Ecclestone, der Chefvermarkter der Formel 1, riet Ihnen öffentlich zurückzutreten. Sie beide sind seit 40 Jahren befreundet. Hat Sie seine Reaktion enttäuscht?
Mosley: Es wäre leicht, ihn zu kritisieren. Aber er stand enorm unter Druck. Anfangs hatte er mich unterstützt, aber dann bekam er von allen Seiten zu hören, dass ich gehen müsse, und kippte um. Bernie reagiert in solchen Situationen nie besonders gut.
SPIEGEL: Sie waren geschäftsschädigend.
Mosley: Nein. Kein einziger Sponsor ist meinetwegen abgesprungen. Sponsoren zahlen dafür, dass die Leute den Fernseher anschalten und sich die Rennen angucken. Aber kein Mensch hat gesagt, er schaut sich wegen Max Mosley die Formel 1 nicht mehr an. Inzwischen hat Bernie seine Aussage bedauert.
SPIEGEL: Und Ihr Image heute?
Mosley: Auch wenn man das eigentlich nicht sagen sollte, weil es zu selbstgewiss klingt: Meine Position ist stärker als früher. Viele Leute fanden es wohl gut, dass ich nicht einfach meine Sachen gepackt, sondern mich gestellt habe. Ich habe etwas durchgestanden, was viele nicht durchstehen würden, auch wenn mich diese Affäre mein Leben lang begleiten wird. Ich brauche nur meinen Namen zu googeln, und schon gibt es wieder jemanden, der das kommentiert oder einen Witz macht. Ich habe anfangs mal mit ein paar Leuten aus der Formel 1 zusammengesessen und ihnen gesagt: "Jeder von euch hat drei Witze frei, aber dann muss auch Schluss sein."
SPIEGEL: Was war der beste Witz?
Mosley: Oh, es gab wirklich sehr lustige, aber im Moment fällt mir keiner ein.
SPIEGEL: Verhalten Sie sich anders, wenn Sie nun in der Formel 1 auftauchen?
Mosley: Exakt so wie früher, als wenn nichts passiert wäre. Alle wissen, was geschehen ist. Sie haben es akzeptiert.
SPIEGEL: Warum hat sich die Aufregung um Sie wieder gelegt?
Mosley: Zur gleichen Zeit, als der Fall publik wurde, geriet die Formel 1 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Viele sagten sich: "Wen interessiert es, was er in seinem Privatleben so treibt? Wir haben hier ein ganz anderes Problem."
SPIEGEL: Skrupellosigkeit, Intrigen und Prunksucht prägen die Formel 1. Ist sie obszön geworden?
Mosley: Sie macht sich lächerlich. Seit die großen Autokonzerne ihr Geld reinpumpen, herrscht eine Kultur der Verschwendung. Das Streben nach Erfolg hat über jegliche finanzielle Disziplin gesiegt. 2004 haben die Hersteller eingestanden, dass sie zusammen mehr als eine Milliarde Euro für die Motoren aufwenden. Pro Jahr. Ich finde das unmoralisch. Wenn ein Team ein Rennen verliert, fragt einer aus dem Konzern nach dem Grund. Dann bekommt er zum Beispiel die Antwort, dass es am Getriebe lag. Also fragt er, was es kostet, ein besseres Getriebe zu bauen, und zückt das Scheckbuch. Früher musste ein Teammanager zur Bank, und wenn er dort nichts bekam, konnte er eben nichts ändern.
SPIEGEL: Warum möchten Sie die Konzerne daran hindern, eigenes Geld nach Belieben zu verprassen?
Mosley: Weil es dazu geführt hat, dass die Spitzenteams Jahresetats von etwa 400 Millionen Dollar haben. Wenn Sie jemanden, der sich nicht in der Formel 1 auskennt, fragen, wie viele Vollzeitangestellte eines Rennstalls sich darum kümmern, dass an 18 Wochenenden je zwei Autos an den Start gebracht werden - was wird er wohl sagen? 20? 25? Wenn Sie ihm verraten, dass es tatsächlich 1000 sind, wird er Sie für verrückt halten. Ich habe einem Vorstandsmitglied einmal erklärt, dass sein Konzern allein für Formel-1-Motoren halb so viel ausgibt, wie er seinen Aktionären an Dividende auszahlt. Er hielt das für unmöglich. Zwei Minuten später hatte er die Zahlen überprüft und war schockiert.
SPIEGEL: Sie kritisieren die Formel 1 seit Jahren scharf. Gibt Ihnen die Krise der Autoindustrie nun recht?
Mosley: Langsam begreift auch der Letzte, wie unsinnig das Wettrüsten ist. Es ging bislang darum, um jeden Preis Details an den Rennwagen zu veredeln, und der Zuschauer auf der Tribüne merkte überhaupt nichts davon. Aber wenn man den Herstellern eine echte technische Herausforderung wie den Hybridantrieb anbietet, dann klagen sie: Oh, viel zu kompliziert und zu teuer! Inzwischen hören sie zu, aber es muss schnell gehandelt werden.
SPIEGEL: Wie bedrohlich ist die Krise?
Mosley: Die Kosten müssen weiter radikal eingedämmt werden, indem wir die technischen Möglichkeiten einschränken. Vielleicht müssen wir dieses ganze Prinzip sogar umdrehen: technische Freiheiten gestatten und stattdessen die Budgets begrenzen. Keith Duckworth, der Schöpfer des erfolgreichsten Formel-1-Triebwerks, hat einmal gesagt: "Ein Ingenieur ist ein Mann, der für einen Dollar das schafft, wofür ein Idiot 100 Dollar braucht." Wir sollten auf diese Philosophie setzen.
SPIEGEL: Was passiert, wenn nach Honda ein zweiter Hersteller geht?
Mosley: Dann wird es schwierig. Aber wir werden für Ersatz sorgen. Sinkt ein Schiff, muss man die Rettungsboote klarmachen. Der Aktienkurs von Daimler ist auf Tiefstand, der von Renault liegt nur knapp über zehn Euro, was machen die eigentlich, wenn Leute entlassen werden müssen. Ist es dann noch zu rechtfertigen, so viel Geld in die Formel 1 zu stecken? Wer will ausschließen, dass eines Morgens ein Fax auf dem Schreibtisch eines Rennstallchefs liegt: Sorry, das war's.
SPIEGEL: Ihre Amtszeit endet kommenden Herbst. Werden Sie erneut kandidieren?
Mosley: Ich weiß noch nicht. Ich muss mich bis Sommer entscheiden, ob ich antrete.
SPIEGEL: Sie haben sehr um das Amt gekämpft. Warum sollten Sie jetzt gehen?
Mosley: Es ist angenehm zu hören, dass man bleiben soll. Aber es ist wichtig aufzuhören, bevor es heißt: Er wird langsam wirklich alt. Es ist wie bei einer Dinner-Einladung; irgendwann kommt der Moment, und man spürt, es ist Zeit zu gehen.
SPIEGEL: Spielt die Affäre eine Rolle?
Mosley: Nein. Was meine Arbeit für die Fia angeht, ist diese Geschichte zu Ende, tot, irrelevant.
SPIEGEL: Was ist denn jetzt der beste Mosley-Witz?
Mosley: Einer von Bernie ist gut. Er sagte: "Du solltest meinen Job übernehmen." "Wieso?", antwortete ich. "Fünf Nutten für fünf Stunden für nur 2500 Pfund - das ist der beste Deal, von dem ich je gehört habe." Aus Bernies Mund ist das ein Kompliment.
SPIEGEL: Eine letzte Frage, sie ist aber sehr persönlich.
Mosley: Nur zu.
SPIEGEL: Gehen Sie noch zu SM-Partys?
Mosley: Eine berechtigte Frage, ich kann verstehen, dass Sie das wissen wollen. Aber Sie müssen auch verstehen, dass ich darauf nicht antworten werde.
SPIEGEL: Mr. Mosley, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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