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Ausgabe 11/2009
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Archäologie Der Kanal der Pharaonen

2. Teil: Katerstimmung in Gadara

Vermesser, Wasserbauer und Minenexperten reisten ins Morgenland, um das Problem zu lösen. Döring hat deren Arbeitsweise jetzt weitgehend entschlüsselt. "Vieles spricht dafür, dass die Ingenieure zunächst den oberirdischen Verlauf der Trasse festlegten und dann alle 20 bis 200 Meter schräge Schächte in den Fels abteuften", erklärt er.

Diese Kamine führten frische Luft heran. Zudem konnten nun Hunderte Männer gleichzeitig ans Werk gehen.

Als Kaiser Hadrian 129 nach Christus die Dekapolis besuchte, war das Unternehmen in vollem Gang. Zum Klang von Trompeten traten die Legionäre und örtlichen Hilfskräfte an und kletterten abwärts. Gearbeitet wurde mit Spitzmeißeln im Schein von Öllampen. Knechte schleppten den Aushub die Schächte empor.

Anhand der alten Service-Öffnungen ließ sich jetzt der Verlauf des Hydro-Labyrinths ermitteln. "Fast alle Einstiege wurden bereits im Altertum vermauert, damit keine Tiere hineinfielen", erzählt Döring, "andere fanden wir verschüttet oder meterdick mit Müll verstopft." In einem Schlund lagen tote Hühner.

Wie ein Bergsteiger, die Hand an der Strickleiter, stieg der Meister mit seinen behelmten Studenten im 50-Grad-Winkel die Treppen hinab. Mit jeder Stufe wurde es glitschiger.

Unten auf der Tunnelsohle umfing die Forscher feuchte Finsternis. Zuweilen war es so stickig, dass die Gas-Überwachungsgeräte zu piepsen begannen. Geröll versperrte den Weg, davor staute sich hüfthoch Schlamm und Regenwasser. Dann wieder pfiff und wehte es wie im Windkanal.

Mehr als 300 Abstiege hat die Gruppe bislang aufgespürt. Gleichwohl ist noch vieles unklar. "Auf den ersten 60 Kilometern weist der Tunnel eine Neigung von 0,3 Promille auf", erklärt der Projektchef. Das sind 30 Zentimeter pro Kilometer - ein phantastisch niedriger Wert.

Zwar kannten die Römer den Chorobat, eine aus Persien übernommene sechs Meter lange Wasserwaage; auch füllten sie Ziegendärme mit Wasser - so konnten sie um die Ecke nivellieren. Doch damit allein lässt sich die Präzision des Wunderbaus nicht erklären.

"Zuerst mussten die Vermesser kilometerweit eine einheitliche Höhenlinie mit Pfählen markieren", gibt Döring zu bedenken. Schon das war in dem holprigen Gelände extrem schwierig. Dann galt es, das Niveau in die Tiefe zu übertragen und zentimetergenau die Tunnelsohle zu bestimmen.

Nur, wie gelang das so genau? Lote konnte man nicht hinunterlassen, die Bauschächte waren ja schräg.

Angesichts solcher Schwierigkeiten wundert es nicht, dass Fehler passierten.

Zuweilen pickelten die Hammertrupps aneinander vorbei. Nur über Klopfzeichen und Zickzackkurse im Fels fanden sie wieder zueinander. Erst nach 120 Jahren war das Unterwelt-Unternehmen fertiggestellt.

Dann aber toste und sprudelte es aus der Tiefe. Sinterspuren in einem Abschnitt bei Abila zeigen, dass pro Sekunde 300 bis 700 Liter durch den Kanal rauschten. Roms zivilisatorisches Genie hatte es geschafft, diesen Teil der Levante in einen Garten Eden zu verwandeln.

Und doch herrschte zuletzt Katerstimmung in Gadara. Auch der Superkanal in Jordanien bezeugt die tragische Klage, dass allem menschlichen Tun stets die letzte Vollendung fehlt. Eigentlich nämlich sollte das Wasser einen hochliegenden Steinbehälter füllen, um in der Stadt Springbrunnen und das geplante Nymphen-Heiligtum zu speisen.

Dazu kam es nicht. Weil sich die Vermesser zuletzt mehrfach verhauten, kam das Nass - nach über 170 Kilometern - um ein weniges zu tief in Gadara an.

Das Reservoir ließ sich nicht füllen, die Wasserspiele gingen nie in Betrieb.

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