AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2009
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Debatte Land stiller Abschiede

4. Teil: Der Typus Politiker, "der stark ist und direkt durchkommt"


Er würde es sehr begrüßen, so ein Mitglied des Rates, wenn die Möglichkeit vorhanden wäre, "auf Landesebene eine Reststimmenverrechnung zu haben". Die anderen waren sofort Feuer und Flamme für diese Idee. Natürlich gebe es den Typus Politiker, "der stark ist und direkt durchkommt", sagte einer, aber die Reststimmenverrechnung auf der Landesliste würde gebraucht, erläuterte ein anderes Ratsmitglied in schöner Offenheit, um "solchen, die mit großer Minderheit durchgefallen sind, noch das Einrücken ins Parlament zu erlauben".


Seither tummeln sich auf den Landeslisten viele graue Gesellen der Parteipolitik. Rund 150 Bundestagsabgeordnete von Union und SPD haben beim letzten Mal den Wahlkreis nicht gewinnen können. Trotzdem sitzen sie im Bundestag.

Der Bürger kennt diese Feinheiten oft nicht. Aber er fühlt mehr, als er weiß. Der Anstieg der Wahlenthaltung offenbart einen unerfüllt gebliebenen Anspruch der Wähler an das politische System.

So leben Bürger und Politiker zwar unter einem Dach und stehen sich doch zunehmend wie Fremde gegenüber. Vor allem das Wohnzimmer, der eine Raum, den alle gemeinsam bewohnen, der "öffentliche Raum", ist ein stiller Ort geworden.

Jeder fünfte Bürger, meldete das Umfrageinstitut Forsa in der vergangenen Woche, würde nicht mal mit einem der beiden Spitzenkandidaten Kaffee trinken wollen. Millionen Bürger wenden sich ab, weil sie das Gefühl haben, Parteien und Parlamentarier hätten ihnen zuvor schon den Rücken zugedreht. Wenn es derzeit ein politisches Projekt in Deutschland gibt, dann ist es nicht die Erneuerung des Parteienstaats, sondern seine Überwindung.

Undenkbar? Ein solcher Prozess ist nicht undenkbar. Er ist im Gange. Es sei zu einer inneren Emigration aus der Politik gekommen, sagt der Soziologe Heinz Bude.

Wer für eine Sekunde die Nebengeräusche, die unsere moderne Medienwelt ohne Unterlass produziert, ausblendet, hört die Stille: Im öffentlichen Raum wird nur noch geflüstert. Das leidenschaftliche Rufen und Skandieren dringt aus Amerika zu uns herüber. Es wirkt wie der Nachhall der eigenen Vergangenheit.

Viele glauben trotz alledem, es sei ihre Pflicht, bei der kommenden Bundestagswahl wieder zu wählen. Diesmal CDU! SPD stärken! FDP an die Macht! Oskar for President! Dies würde der Demokratie förderlich sein. Es würde die Parteien erfrischen.

Das Gegenteil ist heute richtig. Durch ihre Wiederwahl, auch wenn sich die Parteien nichts sehnlicher wünschen, tun wir ihnen keinen Gefallen. Sie sind am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt. Wir verlangen das Unmögliche von unseren Parteien, wenn wir dauernd rufen: Erneuert euch, seid lebendig und modern.

Mit dem gleichen Recht könnten wir auch unsere Großmutter ermuntern: Tanze, springe, sei wieder das junge Mädchen, das du mal warst. Sie würde ja gern. Aber sie kann nicht.

Die Parteien sind heute Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Ihre Mitgliedschaft schrumpft und altert, ihre geistigen Feuer sind erloschen, ihre Ortsvereinskultur isoliert sie von den Bürgern dieser Gesellschaft. Wir erleben den Zerfall eines Herrschaftssystems, der auch dann ein Zerfall bleibt, wenn er sich in Zeitlupe abspielt und von den Betroffenen bestritten wird.

Es geht nicht darum, am Wahltag die führenden Köpfe der Großen Koalition abzustrafen. Sie haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten regiert. Es geht um den Rahmen der Möglichkeiten.

Der Rahmen ist in die Jahre gekommen, und die Möglichkeiten, die er hervorbringt, sind unbefriedigend. Die Parteien müssen sich nicht erneuern. Sie müssen sich öffnen. Wenn das Gespräch darüber nicht jetzt stattfindet, wird es womöglich nie stattfinden. Oder unter deutlich verschlechterten Bedingungen.

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insgesamt 86 Beiträge
TranceData 09.03.2009
Unser deutschen Parteisoldaten bzw. -söldner sollen den Parteienstaat überwinden? Nie und nimmer, eher geht ein Kamel durch ein Nadselöhr...
Unser deutschen Parteisoldaten bzw. -söldner sollen den Parteienstaat überwinden? Nie und nimmer, eher geht ein Kamel durch ein Nadselöhr...
Ach, endlich mal wieder ein Lob-Artikel vom Obama-Fan Steingart? Darauf haben wir ja alle sehnsüchtig gewartet ... *rolleyes* Was soll man dazu noch groß diskutieren? Obama ist durch die Wirtschaftskrise mindestens genauso [...]
Ach, endlich mal wieder ein Lob-Artikel vom Obama-Fan Steingart? Darauf haben wir ja alle sehnsüchtig gewartet ... *rolleyes* Was soll man dazu noch groß diskutieren? Obama ist durch die Wirtschaftskrise mindestens genauso überfordert wie die deutschen Politiker, kann sein Versagen rhetorisch wohl nur deutlich besser kaschieren. Was hilft bei einer großen Rezession der beste Politiker an der Spitze des Staates? Vermutlich nicht viel ... Was hat Herr Steingart dagegen, wenn Frau Merkel "die Menschen in Deutschland" sagt? Obama spricht auch andauernd von "the American people" ... Ich kann Frau Merkel zwar auch alles andere als ausstehen, aber an dieser Stelle ist Kritik völlig unberechtigt. ---Zitat--- "Bundestag und Bundesrat bestellen die Verfassungsrichter. Die Regierung wird vom Parlament gewählt. Und der Deutsche Bundestag wird in großen Teilen von den Parteien und nicht vom Volk bestückt. Denn nur die eine Hälfte des Plenums gehört Abgeordneten mit Direktmandat. Das wird vom Wähler verliehen. Aber schon einen Sitz weiter stößt man auf die anderen, die Listenvertreter." ---Zitatende--- 1) der US-Senat wählt/bestätigt die Richter des Obersten Gerichtshofes 2) die US-Regierung wird ebenfalls teilweise von der Legislative gewählt/bestätigt, nur der Präsident über Wahlmänner direkt vom Volk gewählt 3) auch Listenkandidaten wählt in Deutschland das Volk; ich halte den US-Senat im Kern nicht für demokratischer als die "Listen-Abgeordneten": wenn man sich mal anguckt, wie lange manche Greise dort schon sitzen, dann könnte man glatt auf die Idee kommen, die deutsche Parteiendemokratie für "lebendig" zu halten ;-)
tito 09.03.2009
Obama überwindet den Parteienstaat doch nicht. Er redet so, handelt aber ganz anders
Obama überwindet den Parteienstaat doch nicht. Er redet so, handelt aber ganz anders
Olaf 09.03.2009
Komisch, vor einem Jahr hätte man solche Auftritte von deutschen Politikern hierzulande noch als "Blut, Schweiß und Tränen Reden" verspottet. Als Bundespräsident Herzog 1997 in seiner berühmten Rede von dem [...]
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,612127,00.html
Komisch, vor einem Jahr hätte man solche Auftritte von deutschen Politikern hierzulande noch als "Blut, Schweiß und Tränen Reden" verspottet. Als Bundespräsident Herzog 1997 in seiner berühmten Rede von dem "Ruck" sprach der durch Deutschland gehen müsse, wurde ihm ein "unreflektierter Tun-und Machensdrang" vorgeworfen. http://www.zeit.de/1997/28/thema.txt.19970704.xml Wir haben schon genau die Politiker die wir wollten.
sogehtdasnicht 09.03.2009
Früher oder später fliegt jede schöne Verpackung auf. Auch Obama wird früher oder später neben dem "neuen Politikstil" auch neue Inhalte bringen müssen. Und wenn es in Amerika nicht aufwärts geht, dann kratzt es das [...]
Früher oder später fliegt jede schöne Verpackung auf. Auch Obama wird früher oder später neben dem "neuen Politikstil" auch neue Inhalte bringen müssen. Und wenn es in Amerika nicht aufwärts geht, dann kratzt es das American People auch nicht, ob Obama wenigstens jeden Halbsatz auf der Homepage des Weißen Hauses veröffentlicht. Form follows function. (Niemand würde über "mehr Transparenz" reden, wenn die Politik Erfolge welcher Art auch immer feiern würde. Oder es keinen Grund für Mißtrauen gäbe.) Viel irritierender finde ich jedoch die unterschwellig anklingende Sehnsucht des Herrn Steingart nach einer starken Führerfigur. Bekanntlich wird in Krisenzeiten immer nach starken Führern verlangt, aber die Nummer hatten wir schon mehr als einmal zu häufig. Es ist nicht das Parteiensystem, das krankt, die Strukturen an sich sind schon richtig. Es gibt nur einen Mangel an wählbarer Poltikvielfalt. Und das mag damit zusammen hängen, dass die Herren und Damen Politiker eben nicht auf das Volk schauen, sondern auf die Lobbyisten und Pöstchen.
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