Wirtschaft


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Ausgabe 11/2009
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Weltmarkt Tod eines Fischstäbchens

4. Teil: "Der Pangasius ist günstig, zu günstig für die Luftfracht"


Die soll die Zinssätze senken, was schwer sei, das wisse er, Vietnam sei Mitglied der Welthandelsorganisation, da seien Subventionen nicht mehr erlaubt. Die Regierung soll die Banken veranlassen, den Fabriken, auch den Fischern, mehr Kredite zu gewähren, damit sie neue Brut kaufen können. Die Erlöse sind jetzt so schlecht, dass es ohne Kredite nicht mehr geht.

Die Regierung soll einen Mindestpreis bestimmen für den Fisch, "14.200 Dong haben wir vorgeschlagen", sagt Binh. Bei diesem Preis mache der Fischer noch immer Minus, aber es wäre ein Anfang.

Weil die Erlöse in den vergangenen Jahren immer gestiegen waren, haben die Fischer sich neue große Häuser auf der Insel Tan Loc gebaut, mit roten Ziegeln. "Billionen-Dorf" nannten es die Leute, die nicht auf der Insel wohnen; heute spotten dieselben Leute, weil viele Fischer ihre Häuser wieder verkaufen wollen, aber nicht wissen, an wen.

So kommt es, dass die Fischer vom Mekong, die nicht mehr vorhatten, als einen guten Fisch für die Fischesser in aller Welt zu züchten, sich nun mitten in einer Immobilienkrise wiederfinden.

Verbandschef Binh, der früher Bezirkssekretär der Kommunistischen Partei war, möchte die Sicherheit zurück, die das sozialistische Vietnam den Fischern bot, die festen Preise, allerdings nicht die Armut. Fischmakler Blaes will den Preis drücken, er will billigen guten Fisch für den Kunden in Deutschland, er will den Markt nutzen für seinen Vorteil. So stehen sich nicht nur zwei Geschäftspartner gegenüber, sondern auch zwei Weltanschauungen.

3,3 Dollar pro Kilo, unbehandelt, zahle er der Fabrik, sagt Blaes, und er zahle die Labore, die den Fisch untersuchen, zahle den Zoll, die Seefracht, das seien noch einmal 25 Cent pro Kilo, er zahle viel für den Fisch, sagt Blaes, damit die Welt ihn billig essen kann.

Blaes hat seinen Blackberry in die Tasche gesteckt und läuft an den OP-Tischen der Frauen entlang, sieht, wie der Fisch aus Vietnam mundgerecht zugeschnitten wird für den Fischesser in Deutschland.

Sieht, wie der Fisch, der noch lebt, hinabfällt auf ein Laufband, der Fisch fällt auf den ersten Tisch, dann der erste Schnitt durch die Kiemen, der zweite oben, längs über den Rücken, ein dritter Schnitt, das erste Filet, ein vierter, das zweite Filet. Läuft weiter über lange Tische, an denen Frauen ihn säubern, von der Haut befreien, vom Fett, den Bauchlappen, denn auch Bauchlappen ist kein Standard. Landet in kleinen Körben, sortiert nach Größe, nach Qualität, er wird durchleuchtet, nach roten Stellen, nach Blut. Wird gefroren auf riesigen Tabletts bei minus 22 Grad, Filet neben Filet, Weiß an Weiß, er kommt in Kartons, in das Kühlhaus, wird gestapelt im Lager.

"25 Container liefern wir allein Mitte des Monats nach Bremerhaven", sagt Blaes, 3500 Tonnen im Jahr nach Deutschland.

"Der Pangasius ist günstig, zu günstig für die Luftfracht", sagt Ulf Blaes, der Makler.

"Im Moment gibt es noch genug Fisch", sagt Binh, der Funktionär.

Am Tag, als der Makler Ulf Blaes nach Deutschland zurückfliegt, ist Michael Schulz in Ho-Tschi-minh-Stadt angekommen. Er steht geduscht in der Lobby seines Hotels, will aufbrechen in die Region, er wolle ein Ohr auf die Schienen legen, sagt er.

Auch Schulz ist Unternehmer, aus Dortmund, ist der Chef der HMF Food Production, ist ein Unterhändler von Aldi, ein Dienstbote vom König des Billigen.

"Man guckt, was auf dem Weltmarkt so los ist, da sind wir auf Pangasius gestoßen", sagt Michael Schulz. Er spricht schnell, fast hastig. "Der Fisch ist ja ein attraktiver Fisch, auch im Ladenverkaufspreis", sagt er.

Der Fisch sei allerdings lange Zeit noch nicht weit genug gewesen für einen deutschen Discounter. "Wir brauchen ein stabiles Produkt, auch im Preis", sagt er. Eins, das 365 Tage im Jahr gleich aussieht, gleich schmeckt, gleich viel kostet. "So ein Produkt haben wir jetzt, ein ehrliches Produkt", sagt er, nur Fisch, aufgewachsen im Wasser, sonst nichts. Keine wasserbindenden Mittel, naturbelassen, von Greenpeace empfohlen, 500 Gramm im Beutel, "ein wunderschöner Beutel", sagt Schulz, das ist der Plan.

Aldi-Süd hat ihn getestet in einigen Filialen, "die Leute wollen ihn", sagt Schulz.

Der Fisch sei jetzt so weit, weit genug für den Discounter, für Aldi, für die Welt, die keine Grenzen mehr kennt, aber auch keinen Schutz.

Keinen Schutz für Fischer wie Ky Anh, der früher einmal acht Cent für 100 Gramm Pangasius bekam. Jetzt bekommt er sechs Cent für 100 Gramm, das ist zu wenig, damit der Fisch sich lohnt für ihn.

Sechs Cent für 100 Gramm, das ist zu wenig zum Überleben für den Pangasius, für den Fisch, der einmal erfunden wurde als Fisch der Zukunft.

Das ist die eine Anschauung auf die Welt, die eine Rechnung. Die andere entstand in der Kalkulation von Michael Schulz.

2009, das ist der Plan, verkauft Aldi den Beutel im ganzen Land, in jeder Filiale, 500 Gramm, drei bis fünf Filets pro Beutel, fünf Prozent Wasser, 475 Gramm reiner Fisch, für 3,49 Euro, sagt Schulz.

100 Gramm kosten dann 74 Cent, 25 Cent weniger als an der Frischetheke von Frau Wendland.

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