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Ausgabe 11/2009
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09.03.2009
 

Klassik

Die Operndämmerung

Von Klaus Brinkbäumer

Die Metropolitan Opera in New York, 125 Jahre alt, gilt als erste Musikbühne der Welt, so mutig wie kreativ und größenwahnsinnig. Weil nun auch die Met sparen muss, öffnet Generaldirektor Peter Gelb sein Haus neuen Geschäftsideen. Verrät und ruiniert er die Kunst?

Es war ein Moment wie früher, als alles noch groß war, die Oper und die Gagen, die Met und ihre Stars, auch New York. 15 Uhr war es, ein Dienstag, unten bauten sie gerade die Bühne zusammen für Verdis "Il Trovatore", Scheiterhaufen und Burg, und oben, in einem engen Zimmer auf roter Couch, saß Stephanie Blythe vor Fotos einstiger Premieren und hörte von der Million. Peter Clark kam herein, der Pressechef des Hauses, und fragte: "Weißt du es schon?"


"Was denn?", fragte Blythe.

"Der Nilsson-Preis?"

"Ja bitte?", fragte Blythe.

"Plácido bekommt ihn", sagte Clark. Und Stephanie Blythe begann zu lachen, es war ein Bühnenlachen, ganz hell, es dauerte lange, bis sie aufhören konnte. Dann sagte sie: "Plácido? Er hat das Geld natürlich sehr, sehr nötig. Aber ... ach, na ja, ich liebe Plácido Domingo. Er verdient jeden Preis der Welt, im Ernst, ich hoffe nur, er führt jemanden zum Essen aus. Inklusive Dessert." Dann lachte sie wieder.

Birgit Nilsson, die schwedische Sopranistin, ist vor drei Jahren gestorben, in ihrem Testament hatte sie den Nilsson-Preis ausgeschrieben, eine Million Dollar für herausragende musikalische Leistungen. Den ersten Preisträger hatte Nilsson vor ihrem Tod noch selbst benannt: Domingo. Es gibt wohl wenige Orte, wo die Nachricht vom Gewinner der ersten Nilsson-Million mit ähnlichem Verlangen erwartet wurde wie hier an der Met. Sie alle hätten das Geld verdient gehabt, alle, die gerade hier singen, die Netrebko, der Villazón, die Blythe und schon auch Domingo, so sehen sie sich hier, so werden sie auch ganz gern gesehen.

Die Metropolitan Opera an der Upper West Side in New York begreift sich als beste Bühne der Welt. Inzwischen ist sie es tatsächlich wieder, nicht in jeder Nacht, aber gestern Abend war sie es, mit Patricia Racette als Madama Butterfly. Die Met ist zugleich traditionsbewusst und modern und manchmal zerrissen zwischen diesen Polen. Stars werden hier gemacht wie in dieser Saison Stephanie Blythe, hier entsteht die Oper der Zukunft wie Robert Lepages Version von "La Damnation de Faust", eine Multimedia-Illusion. Denn die Met ist kreativ und kühn und konnte jahrzehntelang eine Menge Dollars verschwenden; 291 Millionen sind das Budget dieses Jahres.

Natürlich sangen und singen sie alle hier, einst Pavarotti, die Callas und Domingo, heute Elina Garanca, Marcelo Álvarez und noch immer Domingo. Am 15. März feiert das Haus seinen 125. Geburtstag, bald kommt ein neuer "Ring", 8 Premieren planen sie für die nächste Saison und 18 Wiederaufnahmen, voll ist der Saal Abend für Abend. Und doch?

"Ja, genau: und doch", sagt Peter Gelb.

Peter Gelb, 55, seit 2006 Generaldirektor, dreimaliger Emmy- und einmaliger Grammy-Gewinner, Liebhaber schwarzer Schuhe, schwarzer Anzüge, schwarzer Hemden und schwarzer Krawatten, immer lächelnd, ist der Mann, der die Met in ihre Zukunft führen soll. Oder will. Vielleicht auch muss? Er weist der Oper die Wege, und die Wege sind neu.

Sind sie auch richtig? Passen die Wege des Peter Gelb zur edlen Kunst?

Selten hat ein Manager die Szene so verwandelt wie Gelb in seinen drei Jahren. Er lässt Premieren auf den Times Square übertragen, er lässt Menschen im Opernhaus 375 Dollar für feine Sitze zahlen und 15 Dollar für Stehplätze. Gelb überträgt Met-Inszenierungen über Digitalradio und Internet-Fernsehen, und zehnmal pro Jahr kommt die Met live ins Kino: 31 Länder, 850 Theater zeigten vor ein paar Wochen Anna Netrebko in "Lucia di Lammermoor" - live, Popcorn-Oper.

Theatralisch und offen soll die neue Oper sein, sagt Gelb, er hat eine hohe Stirn, trinkt Wasser aus der Flasche, er erzählt nicht nur von der Zukunft, sondern ganz gern auch von früher.

Gelb wuchs im intellektuellen New York auf, der Vater saß in der Chefredaktion der "New York Times", die Mutter war Schriftstellerin, Peter mochte Lehrer nicht und liebte die Oper. Er riss Karten ab in der Met für 20 Dollar pro Aufführung, einer seiner alten Kollegen ist heute noch da.

Gelb war bei Sony und beim Boston Symphony Orchestra, und ein paar Jahre lang war er der Manager des Pianisten Vladimir Horowitz. Der wollte jeden Tag das Gleiche essen, täglich Seezunge, also bekam er Seezunge, wo immer sie waren; Botschafter, Intendanten, alle suchten nach Seezunge für den Maestro. Dann die Moskaureise: Horowitz befürchtete, "der Russe" würde sein Piano ansägen oder auch explodieren lassen, darum sagte Horowitz die Reise ab - und Gelb musste im Weißen Haus anrufen und einen Brief Ronald Reagans besorgen. Reagan garantierte für die Sicherheit des Pianos, und in Moskau aß Horowitz Seezunge und spielte meisterlich.

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insgesamt 15 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
17.03.2009 von het:

Voellig richtig. Die Welt wandelt sich bestaendig, warum also nicht auch auf diesen Gebieten? Die LIVE-Uebertragungen zB. in Kinos wie auch im TV sind keine Konkurrenz fuer die Buehnen, sondern eine dringend benoetigte [...] mehr...

17.03.2009 von leerzeichen: non darmi delle opere (oder so ähnlich)

Bevor der Untergang des Abendlandes vermutet wird: Der zugrundeliegende Artikel über "die MET" ist ein bisschen, nun sagen wir "launig" geschrieben. Er suggeriert, einmal mehr, eine altüberlieferte Kunst, [...] mehr...

17.03.2009 von leerzeichen: Definition

Ja klar, man muss definieren, was man als "richtiges" Haus zählt. Deshalb zählte ich ja nur die reinen Musiktheater mit ständigem Betrieb und grossen Werken, sowie allg. Anerkennung als "grosses Haus" (keine [...] mehr...

16.03.2009 von fear_less:

...und in Bayreuth nicht ins Festspielhaus :) Meistersinger auf der grünen Wiese, auf dem Grünen Hügel... Katharina die Große macht's möglich ;) mehr...

16.03.2009 von het:

Also gut, es bedarf dann wohl einer praezisen Definition, denn allein fuer New York bzw. London kommt man nach dieser Auflistung auf ca. 50 Opernhaeuser, fuer Berlin allein 11 Opernbuehnen. Ob die alle ein eigenes Ensemble oder [...] mehr...

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