Von Klaus Brinkbäumer
Und auch das Publikum verändert sich, wenn 15-Dollar-Tickets zu kaufen sind. Man sieht nun Pullover in der Met, Jeans, es wird mehr gehustet als in Berlin oder Hamburg, und sobald der Vorhang fällt, stehen in den ersten Reihen die Herren im Smoking auf und rennen hinaus, um als Erste am Taxistand zu sein. Keine Zeit für Applaus, kein Respekt.
Das sei New York, sagt Peter Gelb und lächelt, "nein, ich kritisiere unser Publikum jetzt nicht. Oper ist lang, Menschen werden müde".
Und Stephanie Blythe sagt: "Es stimmt schon. Jeder ist immer beschäftigt, niemand hat die Ruhe, zu atmen oder etwas wirklich zu erfahren. In Paris bleiben die Leute und klatschen und klatschen, weil sie sich als Teil der Erfahrung verstehen. Ein gutes Publikum ist ein aktives Publikum, wir haben eher passive Zuhörer."
Opernkonsumenten, sie kommen in die Met, kenntnisreich, doch abwartend, kühl, New Yorker eben. Und vorn kämpfen Netrebko oder Villazón oder Blythe darum, "auch dieses Publikum mitzunehmen auf eine Reise, so dass es an den einen Ort gelangt, an dem es denkt: Oh, ich weiß noch, wie es sich anfühlte, derart zu lieben, ja, ich erinnere mich noch, wie ich einmal etwas so leidenschaftlich wollte", sagt Blythe.
Stephanie Blythe hat kurze braune Haare, sie trägt ein schwarzes T-Shirt und eine Strickjacke. Für sie, sagt Blythe, gehe es darum, im Rauschen der Stadt und auch dann, wenn ihr Publikum wieder zum Taxi rennt, das Gefühl von damals nicht zu verlieren, das Gefühl für das, was zählt.
Was zählt, ist die Akustik dieser Arena; "ehrlich" nennt Anna Netrebko die Met, "lebendig", sagt Blythe; die fünf, sechs "sweet spots", die perfekten Stellen dieser Bühne, suchen sie Nacht für Nacht.
Es zählen die Kollegen und Rivalen, sie befeuern sich gegenseitig, wo gibt es bessere? Es zählen all die Opernmacher in den Kellern und Dachzimmern, 1500 Angestellte, die Perückenfertiger in Zimmer 212 und die Schreiner, die Schneider, die pro Saison 1800 Kostüme nähen, und die Archivare, die in Raum B 9 Wagner-Partituren hüten, so fein und klein die Schrift.
Der Chor der Met zählt, der Stephanie Blythe einrahmte, als sie ihren Orpheus sang, glöckchenklar wie nie gehört, und all die vergnügten Sänger standen um sie herum, weil alle im Haus spürten, dass es besondere Abende waren. "Die Ankunft eines Stars, wie wir ihn einmal pro Generation erleben dürfen", schrieb die "New York Times".
Ganz besonders zählt auch das Orchester des Musikdirektors James Levine. Nach ihrem Met-Debüt begleitete James Levine die junge Mezzosopranistin Blythe in die Garderobe, hielt ihre Hand, sagte "Gut gemacht, Kind", schloss die Tür, doch dann klopfte es, und da stand wieder Levine und sagte: "Es fühlt sich immer noch zu gut an, ich kann noch nicht gehen."
Eine sterbende Welt, vielleicht. Eine schrumpfende, gewiss.
Sponsoren springen ab, welche New Yorker Familie kann noch zehn Millionen Dollar im Jahr spenden? Bislang fing Peter Gelb das alles ab, er strich vier neue Inszenierungen und nahm "La Traviata" wieder auf, er verzichtet auf zehn Prozent seines Gehalts. Jetzt muss er Leute entlassen. 40 Millionen Dollar, so groß kann das Defizit werden in der nächsten Saison.
Man sieht es überall in New York. Leere Museen, leere Theater. Oder halbvolle Theater, wenn die Karten zum halben Preis verkauft werden. Der Broadway wird konservativ in dieser Zeit, es gibt Tschechow, Beckett und wenig Neues. Die New York City Opera, kleine Schwester der Met, musste ihren Etat so sehr zusammenstreichen, dass Gerard Mortier, als Direktor eingeplant, noch vor Amtsantritt absprang.
"Wir waren eine alternde konservative Organisation mit dem Ruf kompletter Inflexibilität", sagt Peter Gelb, "was hier fehlte, war das Verständnis, uns immer wieder selbst zur Welt bringen zu müssen, jedes Jahr neu. Und gerade und ganz besonders jetzt."
Gelb steht auf, geht wieder durch sein Haus, nachsehen, was wo geschieht. Die Tänzer trainieren unten im Keller, einige Sänger üben Tschechisch, für Dvorák, alle Probenräume sind belegt, die ganze Metropolitan Opera arbeitet. Er wolle New York und seine Gäste nicht bedrohen und schon gar nicht langweilen, sagt Gelb, "man muss das Publikum erregen, provozieren, führen und schon auch seine Phantasie erweitern, gerade jetzt".
Popularisierung, sagt Stephanie Blythe, sei das falsche Wort für das, was an der Met geschieht und geschehen müsse in Zeiten wie diesen. "Ich würde eher sagen, dass es um Essenz geht. Lasst uns Oper essentiell machen, lasst uns dafür sorgen, dass die Menschen die Oper brauchen, und dafür alles tun, was wir können", sagt sie, dann geht sie singen.
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