Die Inuit berufen sich auf ihre jahrtausendelange Erfahrung im Kampf mit dem Eisbären, den sie "als ihren Begleiter" verklären. Sie berichten von ungewöhnlich vielen Exemplaren, die sie derzeit auf ihren Jagdausflügen sichten. Außerdem führen sie die hohe Zahl von Eisbären an, die neuerdings die Siedlungen belagern. Forscher wie Derocher werfen den Inuit vor, aus dieser Beobachtung einen falschen Schluss zu ziehen: "Die Tiere kommen in die Siedlungen, weil sie weniger zu fressen haben."
Im Januar gerieten die Kontrahenten an einem Runden Tisch, den der kanadische Umweltminister einberufen hatte, aneinander. Denn die kanadische Regierung hatte der Forderung der Inuit nachgegeben und die Eisbären nicht mehr als gefährdet eingestuft. Derocher: "Kanada droht international zum Buhmann beim Eisbärenschutz zu werden."
Bislang hatten die USA diese Rolle inne. Auch George Bush sträubte sich in seiner Amtszeit dagegen, den Eisbären als bedrohte Art einzustufen - hätte er doch damit zugleich den Klimawandel als Ursache anerkennen müssen. Vorige Woche vollzog sein Nachfolger Barack Obama die Kehrtwende: Von nun wird der Eisbär gesetzlich besser geschützt - was nach dem US-Artenschutzgesetz Maßnahmen gegen den Klimawandel nach sich ziehen könnte.
Die neue US-Administration kann sich dabei auf die neueste Studie der Biologen stützen. In deren Bestandsprognosen nimmt die Zahl der Eisbären parallel zum schwindenden Eis dramatisch ab. "Im Jahr 2050 könnte es nur noch ein Drittel so viel Eisbären geben", erklärt Derocher. Nennenswerte Bestände werde es dann lediglich im äußersten Norden geben, etwa auf Nordgrönland oder der kanadischen Ellesmere-Insel.
Zum Verhängnis wird dem Bären seine Abhängigkeit vom Eis. Derocher: "Robben kann er nur im Wasser jagen - und dafür braucht er eben das Meereis." Einen Ausweg aus diesem Dilemma scheint es kaum zu geben. Dass Ursus maritimus sich als reines Landtier durchschlagen könnte, halten die Forscher für so gut wie ausgeschlossen. Nur der Verzehr von Robben ermöglicht es ihm, den frostigen Polarwinter durchzustehen.
Das zeigt sich in jenen Gebieten, wo die Reviere von Eisbären und Braunbären aneinanderstoßen. Nur die Braunbären begeben sich in den Winterschlaf, um ihre Reserven zu schonen. Der Eisbär tollt, außer zur Geburt seiner Jungen, das ganze Jahr übers Eis, springt ins Wasser und trocknet sich im Schnee. Dazu hat er sich im Vergleich zu seinem braunpelzigen Artverwandten erstaunliche Fähigkeiten zugelegt: Er riecht Robben unter meterdickem Eis und taxiert den Kurs treibender Schollen, bevor er sie gezielt als Transportvehikel benutzt.
Völlig falsch ist es denn auch, einen Eisbären schon deshalb als Klimaopfer anzusehen, weil er scheinbar wie ein Schiffbrüchiger auf einer abgebrochenen Scholle durchs Polarmeer treibt. "Die Bären lieben es", korrigiert Derocher das laienhafte Bild, "auf dem treibenden Eis größere Strecken zurückzulegen."
Neuerdings beobachtet der Biologe auch immer häufiger, wie sich der Eisbär über die Kadaver der von den Inuit erlegten und ausgeweideten Wale hermacht: "Das unvertraute Fleisch scheint ihm erstaunlich gut zu bekommen." Und doch bleibt diese leichte Beute nur eine kleine Abwechslung in seinem täglichen Fressritual; zu unbedeutend, als dass es eine echte Alternative zur Robbenjagd bieten könnte.
"Wir Artenschützer haben vor Ort kaum eine Chance, den Eisbären zu helfen", sagt Derocher. "Die Gesellschaft insgesamt muss entscheiden, ob sie auf eine so außergewöhnliche Kreatur verzichten will oder auf manchen Luxus unserer Zivilisation."
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© DER SPIEGEL 12/2009
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