Von Fiona Ehlers
Harshvardhan Nawathe sitzt vor einem kleinen Fernseher, er hat eine winzige Wohnung, sie liegt im Norden der Stadt. Es ist Sonntagabend Anfang März, eine Woche nach der Oscar-Verleihung, im Fernsehen läuft die Talkshow "We the People". Die Leute im Fernsehen streiten über den Film "Slumdog Millionär", der acht Oscars gewann. Sie streiten, wie ganz Indien darüber streitet, seit Tagen schon.
Harshvardhan, der in Indien nur Harsh genannt wird, war auch eingeladen in diese Sendung. Es geht um die Frage, ob der Film, in dem ein Waisenjunge aus dem Slum zum Millionär in einer Quizshow wird, das Land beleidigt. Oder ob Indien stolz sein müsste. Harsh sagte ab.
Er schaltet den Fernseher aus, nimmt seinen vier Monate alten Sohn auf den Arm, spricht mit ihm, übt Grimassen, wie Experten es empfehlen im Erziehungsbuch "Baby Minds Brain-Building", das er gerade liest. Schlau soll Saraansh mal werden, schlau wie sein Vater.
Er, der Vater, möchte nichts zu tun haben mit dem ganzen Trubel um "Slumdog", er hat keine Zeit mehr dafür. Er arbeitet mit Kindern in den Slums von Bombay - oder Mumbai, wie die Stadt heute auch heißt - in einer Stiftung, die Lehrer bezahlt, Schulbücher, Kleidung und Computerkurse, damit kein einziges von ihnen die Schule ohne Abschluss verlässt.
Dabei gibt es wahrscheinlich niemanden in Indien, der so viel zu "Slumdog Millionär" sagen könnte wie er, wie Harshvardhan Nawathe. Er hat den Film gesehen, gleich nach dem Indien-Start im Januar. Er wollte wissen, ob er etwas von seiner eigenen Geschichte erkennt. In der Taxi-Rikscha fuhr er mit seiner Frau ins nächste Kino, nur die letzten zwei Reihen waren besetzt. Wie immer in Bombayer Kinos erhoben sich alle von den Sitzen und sangen die indische Nationalhymne. Zu Beginn, als Filmheld Jamal in eine Sickergrube voller Scheiße springt, verging Harshs Frau der Appetit, sie ließ ihre Tüte Popcorn stehen. Sie fand die Szene eklig und fühlte sich verletzt in ihrer Ehre als Inderin. Auch Harsh war enttäuscht. Ein Film bloß. Ein Märchen aus Hollywood - oder Bollywood, egal. Die Realität sieht anders aus, dachte er, mein Leben ist wahr.
Harshvardhan Nawathe ist Indiens echter "Slumdog Millionär". Der erste und einzige Hauptgewinner der Quizshow KBC, "Kaun Banega Crorepati", so heißt "Wer wird Millionär?" in Indien. Niemand bisher schaffte es so weit wie er.
Vor gut acht Jahren, am 19. Oktober 2000, gewann Harsh zehn Millionen Rupien, 150.000 Euro, den damaligen Höchstgewinn. Ein Drittel aller Inder, also um die 350 Millionen Menschen, bangten vor ihrem Fernseher und vor den Schaufenstern der Elektrogeschäfte mit diesem mittellosen Studenten. Bis heute erkennen sie ihn auf der Straße, er ist ein Volksheld in Bombay, und seine Geschichte ist in Indien viel beliebter als der Film aus "the Hollywood". Sie klingt wie eine Fortsetzung von "Slumdog". Was macht der Ruhm mit einem, der von unten kommt und plötzlich ganz oben steht? Wie lange dauert so ein Traum? Und was kommt danach?
Harsh hat viele Bilder gesehen und viele Texte gelesen nach dieser Oscar-Nacht. Er sah Rubina Ali und Azharuddin Ismail, 9 und 10 Jahre alt, die Laienschauspieler aus "Slumdog Millionär", auf dem roten Teppich in Los Angeles. Er sah, wie sie am Flughafen von Bombay von einem Autokonvoi abgeholt wurden, wie sie mit Blumenketten behängt wurden, wie der Konvoi durch die Stadt in ihren Slum zog, Garib Nagar heißt der, armer Ort. Er sah, wie Azharuddin, der den Bruder des "Slumdog"-Helden Jamal spielt, auf einem Plastikstuhl vor einer Wellblechhütte hockte und coole Gesten machte, die er auf dem roten Teppich gelernt hatte, sein freches Grinsen anknipste, das alle so lieben, die Finger zum Victory-Zeichen spreizte.
Und er las, dass Azharuddin von seinem Vater geschlagen worden war, eine Ohrfeige bloß, aber eine mit Folgen. Sein Vater schlug zu, weil er ein Interview versprochen hatte und Azharuddin keine Lust mehr hatte auf die vielen Fragen. Er las, dass der Junge jetzt auch diese selbsternannten Berater hat, die vor seiner Hütte lungern und Journalisten anrufen, die ihnen Rupienscheine für jede Story zustecken, es gab Fotos von dieser Ohrfeige, und Zeitungen auf der ganzen Welt druckten auch diese Story. Danach musste Azharuddin noch mehr Interviews geben, Indiens Familienministerin drohte, den Vorfall untersuchen zu lassen, sein Vater musste sich entschuldigen. Und jetzt kommen Nachbarn aus den umliegenden Hütten, sind neidisch und schadenfroh, streiten mit Azharuddins Eltern, sagen, ihr Sohn wäre sowieso viel besser geeignet gewesen für die Rolle, sie fragen, wo ist denn nun die Gage und wo die neue Wohnung, von der ihr immer sprecht?
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