Von Fiona Ehlers
Das Problem ist: Es interessiert niemanden. In Indien ist Armut tabu; Armut beschämt. Das ist der Grund dafür, warum "Slumdog Millionär" hier so umstritten ist. "Incredible India", mit diesem Slogan wirbt die indische Tourismusbranche seit Jahren. Indien ist unglaublich schön, soll das heißen, nicht unglaublich problematisch. Und jetzt dieser Film eines Briten über einen Bombayer Bengel, dessen Mutter von fanatischen Hindus ermordet wird, der bettelt und klaut, dessen Bruder Komplize ist von Menschenhändlern. Ein Film aus Klischees, eine Frechheit.
"Slumdog" verletzt vor allem den Nationalstolz von Indiens aufstrebender Mittelschicht. Die Kinos sind leer, viele Plakate abgerissen. Big Bachchan, der damalige KBC-Moderator, findet den Film fürchterlich, und in der Zeitschrift "India Today" empört sich ein bekannter Bollywood-Regisseur: "Indien ist nicht Somalia. Wir sind eine der führenden Atommächte. Unsere Kommissare sitzen nicht in Büros, die aussehen wie Bretterbuden, und es gibt keine blinden Kinder, die auf Mumbais Straßen betteln. Slumdog ist eine absichtliche Verunglimpfung unseres Landes."
Das, was jetzt passiert in Indien, nennt Aravind Adiga den "Slumdog-Effekt". Er hat ihn selbst erlebt. Sein Debütroman "Der weiße Tiger" handelt von einer ähnlichen Geschichte wie der Film, sie ist nur viel böser und provozierender erzählt: Ein Analphabet dient sich hoch zum Chauffeur, wird Mörder, wird Chef einer Outsourcing-Firma. Ein Aufsteiger im neuen Indien, es geht um die verlogene Welt der Reichen, um die Schattenseiten des Booms.
Adiga, 34, sitzt in einer Bar in Bandra West, auf der anderen, der schicken Seite der Bahngleise, die nicht weit ist von den Hütten der Kinderstars aus "Slumdog". Er spricht Oxford-Englisch, trägt Anzug und Lederslipper, bestellt Whisky auf Eis. In Indien verkaufte sich sein Buch miserabel, es wurde verrissen. Im Ausland ist es ein Bestseller, übersetzt in mehr als 30 Sprachen. "Ich habe es für Inder geschrieben", sagt Adiga, "und sie hassen es." Das änderte sich auch nicht, als man ihm in London den Booker Prize verlieh. In Indien bleibt er Nestbeschmutzer, ein Verräter. "Es ist ein Alptraum", sagt er, "ich habe mein Land beleidigt und soll mich schuldig fühlen. Es ist leider wahr: Ich fühle mich schuldig. Indiens wahre Diktatur ist die Mittelschicht. Ich stamme selbst aus der Mittelschicht."
Jetzt ist das Land wieder beleidigt über diesen Film. Auch Harsh Nawathe, Indiens echter "Slumdog Millionär", findet ihn unrealistisch, er kann die Aufregung verstehen. In England hat man ihn mal gefragt, ob sie in Indien noch auf Elefanten reiten; das, sagt er, werde er den Engländern nie verzeihen.
Vielleicht inspirierte Harshs Geschichte den Autor des Buchs "Rupien! Rupien!", auf dem der Film basiert, Harsh weiß es nicht. Der Autor, ein indischer Diplomat, hat sich nie bei ihm gemeldet, auch nicht Danny Boyle, der "Slumdog"-Regisseur. Harsh lebt jetzt sehr zurückgezogen, er lebt für seine Familie und seinen Job. Er fährt oft raus nach Kandivali, ins Armenviertel, Kameras sind nie mehr dabei.
Er sitzt auf dem Boden eines Klassenzimmers, auf einem schäbigen roten Teppich. Heute ist Testtag, der Wissensstand der Schüler in Mathematik und Hindi soll geprüft werden. Viele Fragen auf weißen Zetteln, jeweils vier Antwortmöglichkeiten. Manchmal zupfen sie Harsh am Ärmel und bitten um die Lösung. Die Testergebnisse jedes Kindes tragen Lehrer in Tabellen ein. Sie machen Fortschritte, sagen die Lehrer. Harshs Organisation bietet Förderunterricht für Schüler, die nicht mitkommen im Unterricht, dringend nötig in Bombays staatlichen Schulen, wo in einer Klasse 40, 50 Schüler Auswendiggelerntes wie ein Mantra herunterbeten, während ihr Lehrer telefoniert oder Zeitung liest.
Diese Kinder kommen aus dem Slum Poisar, sie haben "Slumdog" nicht gesehen, wozu auch, sie kennen die Bilder ja schon. Aber sie bewundern Harsh, ihre Eltern haben ihnen von seinem Sieg damals erzählt. Ihre Eltern vertrauen Harsh, sie schicken ihre Kinder nicht mehr zum Betteln oder Müllsammeln, sondern in seine Klassen. Der hat etwas im Kopf, sagen sie, wenn einer es schafft, unseren Kinder das Lernen beizubringen, dann der. Manchmal setzt sich Harsh in ihre Hütten und sagt: "Wenn ich eurem Kind jetzt eine Million Rupien schenke, kauft ihr Schmuck und Autos, und sie werden das ganze Zeug wieder verkaufen. Die einzige Währung, die bleibt, ist Bildung, nur die zahlt sich aus."
Am nächsten Tag wird er nach Neu-Delhi fliegen. Keine Talkshow, kein öffentlicher Auftritt, etwas mit Zukunft. Er wird mit Geldgebern verhandeln, 8000 weitere Kinder sollen in sein Förderprogramm aufgenommen werden. Es wird ein guter Tag werden. Für Harsh, für Bombay, für Indien.
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© DER SPIEGEL 12/2009
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