Von Alexander Osang
Der erste Blick des kleinen Heinz geht zur Uhr, die sein Leben nur noch lose im Zaum hält. Er greift nach den Zigaretten, mit denen er das große, terminlose Loch füllt, zu dem sein Alltag geworden ist, später kommt der Alkohol dazu. Der erste Drink mit Einbruch der Dunkelheit, Rum mit Cola, so lange, bis er fast die Kontrolle verliert, dann lässt er sich von Günther, dem Wirt, drei Bier in der Plastetüte geben, mit denen er es aufrecht zu seinem Zimmer schafft. Die dritte Flasche steht jetzt auf seinem Nachttisch neben der aufgeschlagenen Autobiografie von Reiner Calmund, "Fußballbekloppt". Die Flasche ist leer, unter dem Buch liegt ein eingeschweißtes Kondom. Man weiß nie, wie es kommt, auch nicht, wenn man 72 Jahre alt ist wie der kleine Heinz.
Es ist sieben Uhr morgens, um zehn muss er im Waisenheim von Pattaya sein. Ein Termin, endlich.
Vom Bett aus sieht er das Regal mit der Großpackung Corega Tabs, den hellbraunen Aktenkoffer mit den goldenen Schnappverschlüssen, den er leider kaum noch ausführen kann, den Staubsauger und das Bügelbrett. Der kleine Heinz kleidet sich vorbildlich, die Bügelfalte seiner hellen Sommerhose wirkt, als könnte man sich an ihr schneiden.
Das Licht hinter den Gardinen ist milchig, aber die Sonne wird den Dunst später wegbrennen. Es werden 35 Grad heute in Pattaya, so wie gestern und morgen und eigentlich immer. Im zweiten Zimmer stehen die beiden anderen leeren Flaschen und ein überquellender Aschenbecher am Computerbildschirm, auf dem er nachts Kontakt mit den Thai-Mädchen sucht und morgens mit Deutschland.
Von Bild.de erfährt er die beiden wichtigsten Nachrichten des Tages, den Euro-Kurs und das deutsche Wetter. Der Euro steht bei 1,31, das Wetter ist nasskalt. Gut. Deswegen ist er hier, deswegen sind sie alle hier. In Pattaya reicht ihre Rente, um dem Alter zu entfliehen und der Kälte. 20.000 deutsche Rentner leben im Winter in der Stadt am Golf von Thailand, schätzt man hier, etwa hundert davon in der "Villa Germania", dem größten deutschen Apartmenthaus im Land, elf Stockwerke hoch, ein blau-weißer Klotz, in die Mangrovensümpfe gefallen wie ein Meteorit. Das abgelegenste Altersheim Deutschlands ist bis Ende März ausgebucht. Die Weltkrise, so scheint es, erfasst die Bewohner nicht. Sie haben nicht viel zu verlieren, weder Aktien noch Arbeit, sie sind zu alt für das alles.
Der kleine Heinz isst einen Toast mit Marmelade, dann geht er hinunter in die Lobby und bestellt sich bei Günther, dem Wirt der Villa Germania, einen Kaffee. Günther hat früher die Gastronomie auf der Pferderennbahn in München gemacht und konnte beim Weihnachtsurlaub vor vier Jahren in Patong gerade so dem Tsunami entfliehen. In den Tagen danach hat er viele gute Erfahrungen gesammelt bei den Thailändern und den Behörden, aber in Deutschland wollten sie nichts hören von all der Liebe.
In einem Land, das nur schlechte Nachrichten mag, konnte Günther nicht mehr leben, und so flog er wieder zurück und wurde Wirt der Villa Germania. Ein neues Leben, eine neue Frau auch, aber Günther hat eine Wut auf die alte Welt, der er nicht entkommt, egal wie weit er fährt. Er verachtet die deutschen Villa-Bewohner, weil sie immer nur Wurst wollen und mit dem Trinkgeld knausern, und er verachtet die Bundesregierung, weil sie ihrem geizigen, wurstessenden Volk davon abrät, nach Thailand zu reisen. Es ist ein Teufelskreis.
Der kleine Heinz setzt sich an den langen Tisch in der Mitte des Raumes und schaut durch die Lobby. Ab und zu steigt jemand aus einem Fahrstuhl, nickt oder nickt nicht, je nachdem. Die meisten Bewohner sind heillos miteinander zerstritten, Heinz hält sich raus aus dem Nachbarschaftskrach. Er heißt eigentlich Heinz Kruchen, aber das weiß in der Villa kaum einer. Sie nennen ihn den kleinen Heinz, weil direkt im Apartment neben ihm noch ein Heinz wohnt, der große Heinz.
Der große Heinz hat früher mit Pferden und Autos gehandelt, jetzt ist er Rentner und sammelt meterhohe thailändische Krüge. Die ganze zweite Etage hat er mit seinen Krügen vollgestellt. Dann gibt es noch einen Heinz aus Gelsenkirchen, den sie "Schalke" nennen. Das Haus ist bevölkert mit Männern, die Heinz heißen, von ihren Eltern nach Heinz Rühmann benannt oder dem Onkel, der im Krieg blieb.
Heinz Kruchen, der kleine Heinz, war früher Verpackungsingenieur bei Bayer in Leverkusen und hat in der Freizeit Fußballmannschaften des Chemiekonzerns trainiert. Den Trainerschein hat er unter Dettmar Cramer gemacht. Seine Frau hat ihn Ende der achtziger Jahre verlassen, als er in San Francisco gerade ein Konzept entwickelte, um die Tuben für ein Bayer-Dentalprodukt dicht zu bekommen. Seitdem lebt er allein.
Er hat die ganze Welt gesehen und sich am Ende für Thailand entschieden, weil man hier von 800 Euro im Monat leben kann, Alkohol, Frauen und Zigaretten inklusive. Für sein Zweizimmerapartment bezahlt er 250 Euro im Monat, ein Rum Cola kostet knapp einen Euro. Er war seit vier Jahren nicht mehr in Deutschland. Er hat keine Kinder, seine Ex-Frau ist inzwischen tot, er will hier sterben, sagt er. Seine Asche soll am Strand von Pattaya verstreut werden.
Aber so weit ist es noch nicht.
Um halb neun kommt Peter Höhnen und setzt sich zum kleinen Heinz an den Tisch. Höhnen ist pensionierter Maschinenbauer aus Mönchengladbach. Er trägt ein gelbweiß kariertes Campinghemd und bestellt zwei Spiegeleier mit Speck, wie immer. Dann steckt er sich eine Zigarette an.
"Matschwetter in Deutschland", sagt Peter Höhnen.
Der kleine Heinz nickt.
"Wat machste heute?", fragt Höhnen.
"Ich hab Termine", sagt der kleine Heinz.
Peter Höhnen lächelt. Er hat keine Termine mehr. Er lässt das Leben auf sich zulaufen, sagt er. Vielleicht Strand, vielleicht nicht. Vielleicht ein Mädchen am Abend, vielleicht nicht. Zu viel Planen bringt nichts. Seine Mutter, eine fanatische rheinische Katholikin, sagt er, plante für ihn ein Leben als Pfarrer. Er sollte als junger Mann Theologie studieren, jetzt, als alter Mann, sitzt er hier, im größten Hurenhaus Asiens, sagt er. So kann's kommen.
Er ist von Oktober bis März in der Villa. Die Reise hat ihm seine Frau zum 75. geschenkt, sie soll tolerant sein. Vorher war er 15-mal auf Mallorca, das kann er sich gar nicht mehr vorstellen. Höhnen war sein Leben lang als Maschinenbauer auf Montage. Am beeindruckendsten waren Nigeria und Rostock, wo er in den Achtzigern ein Düngemittelwerk aufbaute. Könnte er ein Buch drüber schreiben, sagt er, über die Neger und die Ostler.
Der kleine Heinz hat als Verpackungsexperte mal eine ganze Produktion in Wales stillgelegt, Aspirin-Plus-C-Brause, weil die zu viel Ausschuss produzierten, die Waliser, sagt er. Außerdem hat er in einem Café in München mal Uschi Glas getroffen, und er kennt Reiner Calmund, der früher mal Manager von Bayer Leverkusen war und später für Stefan Raab in einem Wok eine Bobbahn runtergerodelt ist.
"Dein Calli, klar", sagt Höhnen und grinst.
Sie ziehen den kleinen Heinz auf, weil er ihnen versprochen hat, dass Calmund sie in der Villa besuchen kommt. Reiner Calmund ist mit einem Hotelier in Pattaya befreundet und verbringt manchmal ein paar Tage im "Thai Garden Resort". Im Dezember hat ihn Heinz Kruchen da besucht, von Ex-Bayer-Mann zu Ex-Bayer-Mann sozusagen, und Calmund hat ihn spontan beauftragt, bei der Organisation eines Wohltätigkeitsfußballturniers zugunsten eines Waisenheims in Pattaya mitzuhelfen, für das sich der Ex-Manager engagiert. "Heinz", hat Calmund gerufen, "dich schickt der liebe Jott." Im Gegenzug wird Calli die Villa besuchen, sagt der kleine Heinz. Aber er kommt einfach nicht.
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Thailand nicht gegen D, wo gibts schon mal ne blühende Bauernwiese, wo kann man entspannt im Wald spazieren gehen oder sich im Sommer ins Freibad legen, im Winter durch einen verschneiten Wald gehe, sich mal in ein Strassencafe [...] mehr...
Liebe Nong Pla Lai (jüngere Schwester vom Aal) Frage:In welchem Land fragt der Taxifahren den Touristen ob er jetzt ins Hotel oder erst zum Bumsen gefahren werden möchte.? Prostitution ist hier doch ein ganz alltäglicher [...] mehr...
Vorab: Ich bin nicht deutscher und hoffentlich werde dafür nicht gleich von besserwissenden Deutschen attackiert, wenn ich meine Meinung schreibe. Also: Ich lebe in Pattaya und bin zufällig auf dieses Zeitungsartikel gestoßen. Ich [...] mehr...
Kennen schon aber ich finde man muss um gutes Essen in Thailand zu bekommen nicht unbedingt in 5 Sterne Restaurants oder Hotels gehen, da gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, gerade in Bangkok. Auch wenn ich ab und zu ins [...] mehr...
der herr scheint thailand und besonders bangkok nicht zu kennen.oder er hat nur das nötige kleingeld nicht um in besseren gaststätten zu speisen. mehr...
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© DER SPIEGEL 13/2009
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