Von Alexander Osang
Fünf Jahre später hat er dann Thailand erobert. Der elfstöckige Neubauklotz sah ziemlich verwahrlost aus, aber Thalwitzer erkannte die Möglichkeiten. Er flog die potentiellen Kunden in Sechsergruppen nach Thailand, füllte die Kühlschränke in den Zimmern der Villa mit Bier und Champagner, zeigte das Rotlichtviertel und verkaufte die Wohnungen wie vorher die Betten. Er macht die Villa zur größten deutschen Wohnanlage in Südostasien, sagt er.
Er will nie mehr nach Deutschland zurück.
Er hat da noch das große Einfamilienhaus in Eutin, das sich im Moment nur schwer verkaufen lässt, den Mercedes SLK, der in Thailand zu viel Steuern kosten würde, und auch seine Ehefrau Monika, die ihn im Winter besuchen kommt. Wenn sie da ist, wie jetzt, muss Porn, seine thailändische Freundin, verschwinden. Er hat Porn in ihrem Geburtsort, einem Dorf, 300 Kilometer von Pattaya entfernt, ein Haus nach ihren Wünschen gebaut. Es ist ganz blau, königinnenblau, hat zwei Freiheitsstatuen, links und rechts vom Eingang, eine riesige Satellitenschüssel, einen kleinen Altar mit Bildern von Horst und einen Ziergarten, in dem Porn den Winter über werkelt, bis Monika endlich wieder nach Deutschland verschwindet. Das ganze Haus hat ihn vielleicht 20 000 Euro gekostet, ein Witz, sagt Horst. Ende März tauscht er die Kette, die ihm Monika schenkte, gegen die Buddhakette, die er von Porn hat.
Als die Gruppe aus der Kneipe in die Villa zurückkommt, stellt Horst Thalwitzer seiner Frau den Rosamunde-Pilcher-Film im ZDF ein, nimmt eine halbe Viagrapille und spült sie mit Rum runter. Dann fährt er in die Stadt, zu Luise, wie er sagt. Er hat seit dem Frühschoppen bei Ina bestimmt 10 Bier und 20 Schnaps getrunken, aber ein weiterer Vorteil an dem Leben hier ist, dass man besoffen Auto fahren kann, sagt Horst Thalwitzer.
"Wenn du zu voll bist, begleitet dich die Polizei mit Eskorte nach Hause", sagt er und verschwindet kichernd in der Nacht.
Es wirkt wie ein Wunder, dass Thalwitzer am nächsten Morgen am Frühstückstisch sitzt, als der kleine Heinz mit steifem Schritt die Lobby der Villa betritt. Thalwitzer starrt auf ein Blatt Papier, das mit kippligen Buchstaben beschrieben ist. Vorige Woche hat er angefangen, Thailändisch zu lernen. Er lebt seit zwölf Jahren hier, und etwa so viele Wörter kann er auch, aber jetzt bietet Stephan den Kurs an. Der kann zwar auch nicht besonders gut Thailändisch, aber er ist Elektriker und hilft Horst manchmal in der Villa.
Der kleine Heinz hat heute Geburtstag. Er wird 73, weiß aber nicht, wie er das sagen soll, und so redet er über das Fußballturnier fürs Waisenheim. Thalwitzer nickt abwesend. Auf seinem Blatt steht der Satz: Ich esse gern Orangen. Er scheint fast erleichtert, als sein Telefon klingelt. Es ist Max.
Max Dautert ist 73, kommt aus Hamburg, war Seefahrer und hatte zuletzt einen Lottoladen im Stadtteil Wandsbek. Bis vor einem halben Jahr wohnte er in der Villa Germania, jetzt lebt er in einem Bauernhaus im Goldenen Dreieck zwischen Thailand, Burma und Laos. Das Haus steht auf Stelzen zwischen Reisfeldern. Seine Freundin Deng hat ihn dorthin gebracht, weil er in Pattaya zu viel Geld ausgab.
Einen Moment lang denkt der kleine Heinz, dass Max ihm zum Geburtstag gratulieren will. Aber Max will gar nicht mit ihm reden. Er erzählt Horst, dass er jetzt auch deutsches Fernsehen bekommt und Angst vor seinem Schwager hat, der immer eine Pistole mit zum Abendessen bringt.
"Manchmal denke ich, der erschießt mich wie einen Hund, wenn er merkt, dass ich nur von meiner Rente lebe", sagt Max Dautert.
"Ach was", sagt Horst Thalwitzer. "Ich muss jetzt aber zum Thai-Kurs."
Dann ist das Gespräch beendet.
"Ich mach heute Abend einen kleinen Umtrunk, ich hab Geburtstag", sagt der kleine Heinz. "Gut", sagt Thalwitzer.
Sie feiern im Günthers Restaurant, und Heinz bekommt von allen das gleiche Geschenk: eine Flasche vom billigsten thailändischen Whisky. Die Schnapsflaschen stehen auf dem Tisch wie eine Mauer. Er hat ja alles, was er braucht, sagt der kleine Heinz, und weil er Geburtstag hat, fragt niemand, was er damit meint.
Er muss nicht in der Laube in Leverkusen leben, vermutlich das.
Bessere Argumente hat keiner seiner Geburtstagsgäste am Tisch. Sie haben hart gearbeitet und sich so nach der Ferne gesehnt, und jetzt sind sie da und immer noch voller Sehnsucht. Sie können es von ihrer deutschen Rente bezahlen, das ist alles. Am schönsten beschreibt es Ruth, eine 70-jährige Schweizerin, die seit zwei Jahren in der Villa wohnt. Ruth hat fünf Kinder großgezogen, zwei Männer überlebt und das ganze Leben lang gearbeitet. Sie ist hier, weil sie sich einmal im Jahr einen Flug in die Schweiz leisten kann, sagt sie. Würde sie aber in der Schweiz leben, könnte sie es sich nicht leisten, nach Thailand zu fliegen. Das ist die Idee.
Irgendwann zwischen dem siebenten und achten Rum verkündet der kleine Heinz, dass er Horst Thalwitzer mit seinem Nachlass betraut hat. Horst soll sich um die Verbrennung kümmern und die Asche des kleinen Heinz am Strand von Pattaya verstreuen.
"Darauf kannste dich verlassen, Heinz", sagt Horst.
Heinz Kruchen stehen die Tränen in den Augen, und am nächsten Tag ist dann auch endlich Reiner Calmund im Thai Garden Resort. Er trägt kurze Hosen, und auf seinem T-Shirt steht "Iron Calli", so heißt er beim Abnehmwettkampf auf RTL. Er redet ununterbrochen vom Fernsehen, vom "Star Quiz" mit Jörg Pilawa, vom großen IQ-Test, bei dem er Zweiter wurde, und von dem Wok-Rennen mit Stefan Raab. Vor ein paar Tagen hat ihn ein Handy-Reporter am Strand von Phuket fotografiert, und die "Bild"-Zeitung machte daraus eine ganze Seite, Bundesausgabe, sagt er. 27 Kilo hat er schon runter. Alles für den guten Zweck. Tu wat! Das ist sein Motto, sagt er. Es ist ein anderes Rentnerleben, aber letztlich sucht auch Calmund nur nach einem Sinn. Auch er braucht Termine.
Der kleine Heinz berichtet, dass sich bereits elf Mannschaften zum Wohltätigkeitsturnier angemeldet haben, Puma spendet zehn Bälle.
"Wat tun, Heinz!", sagt Calmund und haut ihm auf die Schulter.
Der kleine Heinz nickt und fährt so beseelt in den dicken Verkehr zurück, als hätte er im Thai Garden gerade Gott getroffen. Träumend schleicht er an der Bucht vorbei, in der später seine Asche verstreut werden soll.
"Dann kann ich den Mädchen unter die Röcke schauen", sagt der kleine Heinz und lächelt. Es sind keine Mädchen am Meer, sondern Monika aus Eutin und Peter aus Mönchengladbach und Heinz aus Gelsenkirchen. Sie haben den perfekten Strand gesucht wie die Backpacker im Film "The Beach". Aber sie sind alt und haben andere Prioritäten. Das Strandstück der Villa Germania ist schmal und mit Sonnenstühlen vollgestellt, für die sie nichts bezahlen müssen, weil Horst Thalwitzer wieder irgendeinen Deal gemacht hat. Sie nennen ihn den "Mama Beach". Der Sand ist so grau, als wären hier bereits viele deutsche Rentner bestattet worden, die den Tod im Paradies starben.
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© DER SPIEGEL 13/2009
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