Von Lars-Olav Beier
Angstvoll schaut er zum Himmel, zu den Tieffliegern, die ihre Bomben mitten in die flüchtende Menge werfen. Der deutsche Geschäftsmann John Rabe, Vertreter des Siemens-Konzerns im ostchinesischen Nanking, erlebt im Dezember 1937, wie japanische Kampfpiloten das Firmengelände attackieren und hilflose Zivilisten töten.
Im Augenblick der Verzweiflung kommt ihm plötzlich die rettende Idee. Rabe, seit Jahren Mitglied der NSDAP, lässt eilends eine riesige Hakenkreuzfahne, die ihm die Partei nach China geschickt hat, entfalten. Zusammen mit zahllosen Einheimischen kauert er sich unter das Tuch. Und tatsächlich: Die mit Deutschland verbündeten Japaner stellen den Angriff ein.
In dem Film "John Rabe", einer Biografie des "guten Deutschen von Nanking", der 1882 in Hamburg geboren wurde und in China noch heute wie ein Volksheld verehrt wird, setzt Regisseur Florian Gallenberger, 38, eine unerhörte Szene ins Bild. Die ist zwar historisch verbürgt, wirkt aber deshalb nicht weniger beklemmend: Das Hakenkreuz, Symbol der Nazi-Barbarei, rettet unschuldigen Menschen das Leben.
Die 15 Millionen Euro teure deutsch-chinesisch-französische Co-Produktion kommt nächste Woche ins Kino, Ulrich Tukur spielt die Titelfigur. Der Film wagt sich in heikles Neuland vor: Es ist ein Heldenepos über einen Nazi, wenngleich einen wenig fanatischen, der eher widerwillig, durch die Umstände getrieben zum Wohltäter wird. So etwas durften bisher nur Amerikaner zeigen, allen voran Steven Spielberg in seinem Oscar-Gewinner "Schindlers Liste" (1993). Im deutschen Kino dagegen war der "gute Nazi" bislang tabu.
Doch nun entdecken Regisseure auch hierzulande, zuletzt noch ermuntert durch den Erfolg des Stauffenberg-Dramas "Operation Walküre" mit Tom Cruise, das Interesse an zwiespältigen Nationalhelden. Die Produktionsfirma Niama etwa arbeitet an einem Film über Robert Bosch (1861 bis 1942). Der schwäbische Firmengründer, der unter anderem den Magnetzünder erfand, unterstützte im Dritten Reich, auch mit Einnahmen aus der Rüstungsindustrie, den liberalen Widerstand gegen Hitler.
Eine ganze Reihe von Kinowerken über deutsche Ikonen ist bereits abgedreht oder noch in Planung: Filmbiografien, in den USA kurz "biopics" genannt, über Hildegard von Bingen, Johann Wolfgang von Goethe, Albert Schweitzer oder auch Romy Schneider. Deutsches Leben, bislang eher eine Domäne des Fernsehens ("Krupp"), erobert mit Macht die Leinwand. Auf einmal dürfen die herausragenden Gestalten der nationalen Geschichte wieder überlebensgroß auftreten und dafür bewundert werden, dass sie Gutes tun und sich an der deutschen Wirklichkeit reiben.
Jahrzehntelang galt dem deutschen Kino die Idee des Nationalhelden als suspekt. Zu sehr hatten die Nazis fragwürdige Figuren wie echte Heroen für ihre Mythenbildung missbraucht. Regisseure in anderen Ländern dagegen, in den USA, Frankreich oder Großbritannien, drehten Filme über Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Erwin Rommel oder das Fliegerass Manfred von Richthofen, den "Roten Baron". Erst 2008, fast 40 Jahre nach dem amerikanischen Richthofen-Spektakel, folgte das deutsche.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© DER SPIEGEL 13/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH