Von Bruno Schrep
Die Staatsanwaltschaft schaltet einen Gutachter ein. Dessen Urteil ist eindeutig: Ursache der plötzlichen Zusammenbrüche ist die medizinisch unmotivierte Verabreichung von Succinyl. Die Schwester wird deshalb vor dem Landgericht Rottweil angeklagt, zwischenzeitlich verhaftet - und kommt nach 44 Tagen gegen Kaution wieder frei. Nach jahrelangen Ermittlungen steht sie Ende 2008 vor Gericht.
Die Hauptverhandlung endet nach 16 Tagen mit einem unerwarteten Deal. Cornelia V., die stets alle Vorwürfe empört zurückgewiesen hat, räumt den Anschlag auf den Rentner Eckard D. überraschend ein. Im Gegenzug wird, als Teil der Abmachung, eine zweijährige Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung zur Bewährung ausgesetzt. Die anderen angeklagten Fälle werden vorläufig eingestellt. Ohne den Deal wäre die Strafe höher und ohne Bewährung ausgefallen.
Von einem reuevollen Geständnis ist Cornelia V. allerdings weit entfernt. Ihr Verteidiger, der Rechtsanwalt Nikolaus Köhler-Freese, diktiert lapidar ins Protokoll: "Meine Mandantin gibt zu, die Tat begangen zu haben, wie sie in der Anklageschrift aufgeführt ist." Erst auf Drängen des Rottweiler Leitenden Oberstaatsanwalts Albrecht Foth ringt sich auch die Angeklagte persönlich zu dem Satz durch: "Ich stimme dem vollinhaltlich zu und mache es mir zu eigen."
Davon ist inzwischen längst keine Rede mehr. "Ich hab das nur gesagt, damit ich nicht ins Gefängnis muss", erklärt die Krankenschwester heute, "ich will nicht für etwas sitzen, was ich nicht getan habe."
Im Wohnzimmer des Hauses, in dem sie mit ihrer Mutter, ihrer erwachsenen Tochter, einem Nymphensittich und mehreren Wellensittichen lebt, beteuert Cornelia V. ihre Unschuld, versucht, die ihr unterstellten Motive zu entkräften.
Hat sie die Patienten in Lebensgefahr gebracht, um sich mit den anschließenden Rettungsaktionen für einen höher dotierten Posten zu empfehlen? "Lächerlich. Ich war mit meinem Job total zufrieden." Leidet sie unter übersteigertem Geltungsdrang, wie im Urteil gemutmaßt wird? "Wer mich kennt, weiß es besser." Wollte sie dem von ihr womöglich heimlich angehimmelten Vorgesetzten Novotny mit ihrer Tüchtigkeit imponieren? "Unsinn, das war eine rein kollegiale Beziehung."
Sie fühle sich als Opfer, sagt die 46-Jährige mit den inzwischen kastanienbraun gefärbten Haaren, denunziert, zu Unrecht verurteilt, ruiniert. Schließlich hätten doch alle auf der Intensivstation Zugang zum Narkosemittel Succinyl gehabt, oder?
Damit nach den mysteriösen Vorfällen wieder Ruhe einkehre, habe man einen Sündenbock gebraucht. Wobei sich doch die Frage stelle: "Wenn ich es nicht war, wer war es dann?"
Tatsächlich sind in Tuttlingen trotz des rechtskräftigen Urteils und trotz des Geständnisses längst nicht alle von Cornelia V.s Schuld überzeugt. "Ich trau ihr das einfach nicht zu", sagt eine Anästhesistin, "ich konnte mich 15 Jahre lang total auf sie verlassen. Das passt einfach nicht."
Die Ärztin ist mit ihrer Einschätzung nicht allein. Die Mitarbeiter der Intensivstation, früher eine verschworene Gemeinschaft, sind in zwei Lager gespalten, das Klima ist vergiftet. Vor allem Narkosearzt Novotny, der die Manipulationen entdeckte, ist zur Reizfigur geworden. Für die einen ist er ein mutiger Aufklärer, der Lob verdient, für die anderen ein Nestbeschmutzer.
"Wenn ich früher auf die Station kam, wurde ich von allen freudig empfangen", erinnert er sich. "Heute gucken viele grußlos weg." Einer seiner besten Freunde, Oberarzt wie er selbst, Pate seiner jüngsten Tochter, hat sich wegen Cornelia V. völlig von ihm abgewandt, spricht nur noch das fachlich Notwendigste mit ihm.
"Die Narben sind noch lange nicht verheilt", räumt Michael Schipulle ein, Leiter der Anästhesieabteilung und der Intensivstation. Der Chefarzt stützt seinen Oberarzt: "Ich glaube ihm, ich vertraue ihm." Um das Arbeitsklima zu verbessern, engagierte er für die Bediensteten der Intensivstation zwei Therapeuten, einen für das Pflegepersonal, einen für die Ärzte.
Schaden ist nicht nur innerhalb der Klinik entstanden. Auch der eigentlich gute Ruf des Tuttlinger Krankenhauses, in dem jedes Jahr knapp 14.000 Menschen stationär behandelt werden, hat gelitten. Manche Kranke versuchen, eine Einweisung zu vermeiden oder so lange wie möglich hinauszuzögern.
"In diese Klinik will ich nie mehr rein", versichert auch Rentner Eckard D., der durch das Narkosemittel Succinyl in Todesgefahr geriet. Seit seinem Atemstillstand hat der ehemalige Postbeamte, der regelmäßig auf ärztliche Hilfe angewiesen ist, panische Angst vor Medizinern, fürchtet sich vor jeder Spritze. "Er lässt niemanden mehr an sich ran, nicht einmal seinen Hausarzt", berichtet sein Sohn.
Cornelia V. hat inzwischen Arbeitslosengeld II beantragt. Zwar wurde kein Berufsverbot gegen sie verhängt. Mit ihrer Vorstrafe hat sie jedoch kaum Chancen, je wieder eine neue Anstellung zu finden, und umschulen will sie nicht. "Ich bin eine begeisterte Krankenschwester", sagt sie. "Etwas anderes möchte ich nicht sein."
Unterstützt wird sie dabei von ihrem Verteidiger Köhler-Freese. Obwohl der Anwalt selbst den Deal mit dem Geständnis einfädelte, die Strafe mit Gericht und Staatsanwaltschaft aushandelte, glaubt er, wie er sagt, an die Unschuld seiner Mandantin. Und hat angekündigt, eine Wiederaufnahme des Verfahrens anzustreben.
Auch für den Rottweiler Staatsanwalt Foth ist der Fall nicht erledigt - allerdings mit entgegengesetzter Stoßrichtung. Der Ermittler prüft erneut, ob gegen Cornelia V. ein Verfahren wegen Mordes eingeleitet werden muss, und zwar wegen der ungeklärten Todesfälle von 2004, die womöglich durch Heparin ausgelöst wurden. Ein Gutachten ist bereits in Auftrag gegeben.
Oberarzt Novotny wirkt angeschlagen. Seine Hoffnung, die Sache sei abgeschlossen, ist infolge der neuen juristischen Entwicklung zerstoben. Der Mediziner schläft kaum noch, die Querelen in der Klinik zermürben ihn täglich mehr. "Mir geht es wie den Unglücksboten aus der Antike", glaubt er, "der Überbringer der schlechten Nachrichten wird geköpft."
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