Von Dieter Bednarz, Erich Follath und Georg Mascolo
SPIEGEL: Herr Präsident, Sie sind bereits viermal zu Uno-Vollversammlungen in die USA gereist. Welchen Eindruck haben Sie von Amerika und den Amerikanern?
Ahmadinedschad: Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Erbarmers, ich freue mich, Sie fast drei Jahre nach unserem ausführlichen Gespräch wieder in Teheran begrüßen zu dürfen. Nun zu den USA: Ein Land wie die Vereinigten Staaten kann man natürlich nicht mit Kurzbesuchen kennenlernen, aber meine Rede und die Diskussionen an der Columbia University waren schon etwas ganz Besonderes für mich. Ich weiß sehr wohl zu unterscheiden zwischen der amerikanischen Regierung und dem amerikanischen Volk. Die falschen Entscheidungen der Bush-Regierung werfen wir nicht den Amerikanern vor. Die wollen in Frieden leben wie wir alle.

Staatschef Ahmadinedschad. "Wir müssen warten, um zu sehen, was Obama machen will"
SPIEGEL: Der neue Präsident Barack Obama hat zum iranischen Neujahrsfest vor drei Wochen eine Video-Ansprache an die iranische Nation gerichtet. Haben Sie sich die Rede angesehen?
Ahmadinedschad: Ja. In den USA tun sich große Dinge. Ich glaube, die Amerikaner sind dabei, wesentliche Entwicklungen zu initiieren.
SPIEGEL: Wie ist die Rede bei Ihnen angekommen?
Ahmadinedschad: Zwiespältig. Manche Passagen waren neu, manche wiederholten altbekannte Positionen. Bemerkenswert fand ich, welch hohen Rang Obama der iranischen Zivilisation, unserer Geschichte und Kultur beigemessen hat. Positiv ist auch, dass er den gegenseitigen Respekt und den ehrlichen Umgang miteinander als Grundlage einer Zusammenarbeit betont. In einem Abschnitt seiner Ansprache sagt er, dass das Ansehen einer Nation in der Welt nicht von Waffen und militärischer Stärke abhängt - genau das haben wir der früheren amerikanischen Regierung immer gesagt. Der große Fehler des George W. Bush war, dass er alle Probleme militärisch lösen wollte. Die Zeit ist vorbei, in der man anderen Völkern Weisungen erteilen kann. Heute braucht die Menschheit Kultur, Gedankengut und Logik.
SPIEGEL: Was heißt das?
Ahmadinedschad: Wir meinen, dass Obama nun seinen Worten Taten folgen lassen muss.
SPIEGEL: Der neue US-Präsident, der Ihre aggressiven anti-israelischen Aussagen "widerlich" genannt hat, ist über seinen Schatten gesprungen. Er hat von einem Neuanfang der Beziehungen zu Iran gesprochen und Ihnen die Hand ausgestreckt.
Ahmadinedschad: Ich habe diesen Kommentar Obamas so nicht gehört. Ich achte auf das, was er heute sagt. Aber gerade da vermisse ich Entscheidendes. Was lässt Sie von einem Neuanfang sprechen? Gibt es bereits Änderungen in der amerikanischen Politik? Wir begrüßen Änderungen, allerdings sind sie bis jetzt ausgeblieben.
SPIEGEL: Sie fordern immer nur. Es ist doch aber so: Ihre Politik, die katastrophalen Beziehungen Irans zu den USA, belasten die Weltgemeinschaft, bedrohen den Weltfrieden. Wo bleibt Ihr Beitrag zur Entspannung?
Ahmadinedschad: Ich habe Ihnen das bereits erläutert - wir unterstützen Gespräche auf der Grundlage der Gerechtigkeit und des Respekts. Das war schon immer unsere Position. Wir warten darauf, dass Obama seine Pläne bekannt gibt, damit wir sie analysieren können.
SPIEGEL: Und das ist alles?
Ahmadinedschad: Wir müssen warten, um zu sehen, was Obama machen will.
SPIEGEL: Die Welt sieht das anders, und auch wir sehen das anders: Iran muss handeln. Iran muss jetzt Entgegenkommen zeigen.
Ahmadinedschad: Wo ist die Welt, von der Sie sprechen? Was müssen wir machen? Sie wissen, nicht wir haben die Beziehungen zu Amerika abgebrochen, Amerika hat die Beziehungen zu uns abgebrochen. Was erwarten Sie denn jetzt von Iran?
SPIEGEL: Konkrete Schritte oder zumindest eine Geste Ihrerseits.
Ahmadinedschad: Ich habe das schon beantwortet: Washington hat die Beziehungen abgebrochen.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, dass Sie eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten begrüßen würden?
Ahmadinedschad: Was glauben Sie? Was muss passieren? Welcher Ansatz ist der Richtige?
SPIEGEL: Von Ihnen erwartet die Welt Antworten, nicht von uns.
Ahmadinedschad: Ich habe doch dem neuen US-Präsidenten eine Botschaft geschickt. Das war ein großer Schritt, ein gewaltiger Schritt. Ich habe ihm zu seinem Wahlsieg gratuliert und ihm in meinem Schreiben auch einiges gesagt. Das geschah aus Fürsorge, wir waren und sind daran interessiert, dass große Veränderungen eintreten. Wenn wir das Problem zwischen unseren Ländern lösen wollen, muss man erkennen: Beim Entstehen dieses Problems hat Iran keine Rolle gespielt, das Verhalten der amerikanischen Regierungen war die Ursache. Wenn sich das Verhalten der USA ändert, sind entscheidende Fortschritte in Sicht ...
SPIEGEL: ... die zu einer Aufnahme der diplomatischen Beziehungen führen könnten, womöglich gar zur Wiedereröffnung der im Revolutionsjahr 1979 besetzten Botschaft?
Ahmadinedschad: Wir haben noch keinen offiziellen Antrag diesbezüglich erhalten. Sollte dies geschehen, werden wir dazu Stellung beziehen. Es geht hier nicht um Fragen der Form, es müssen fundamentale Veränderungen passieren, zum Vorteil aller. Die amerikanische Regierung muss endlich Lehren aus der Vergangenheit ziehen.
SPIEGEL: Und Sie nicht?
Ahmadinedschad: Alle müssen Lehren aus der Vergangenheit ziehen.
SPIEGEL: Dann sagen Sie uns doch bitte, welche Lehren Sie ziehen.
Ahmadinedschad: Wir sind seit 30 Jahren zu Unrecht und ohne Verschulden unter Druck, wir haben nichts getan ...
SPIEGEL: ... behaupten Sie. Das sehen die Amerikaner ganz anders. Die 444 Tage währende Geiselnahme von über 50 Bürgern in der US-Botschaft von Teheran ist immer noch ein kollektives amerikanisches Trauma.
Ahmadinedschad: Was ist uns Iranern nicht alles zugefügt worden! Wir sind vom Irak angegriffen worden. Acht Jahre Krieg. Amerika und auch manche europäische Staaten haben diese Aggression unterstützt. Sogar Chemiewaffen hat man gegen uns eingesetzt, unter anderem hat Ihr Land dazu Beihilfe geleistet. Wir haben niemandem Ungerechtigkeit widerfahren lassen. Wir haben niemanden angegriffen, keine anderen Länder besetzt. Wir haben keine militärische Präsenz in Europa und Amerika. Aber Truppen aus Europa und Amerika sind an unseren Grenzen stationiert.
SPIEGEL: Die westlichen Regierungen, auch die deutsche, sind davon überzeugt, dass Iran terroristische Organisationen unterstützt, dass Iran Dissidenten im Ausland umbringen ließ. Vielleicht hat nicht nur die eine Seite Fehler begangen?
Ahmadinedschad: Wollen Sie damit sagen, dass die Truppen an unseren Grenzen stehen, weil wir angeblich terroristische Organisationen unterstützen?
SPIEGEL: Das haben wir weder gesagt noch gemeint. Aber der Terrorvorwurf steht im Raum. Wo bleibt denn Ihr konstruktiver Beitrag?
Ahmadinedschad: Zunächst einmal: Wir verüben keinen Terror, wir sind Opfer von Terror. In dem Gebäude hier neben meinem Amtssitz sind bei einem Bombenanschlag nach der Revolution unser Präsident und Premierminister ums Leben gekommen - unser Glaube verbietet uns Terrorismus. Und was unsere eingeforderten konstruktiven Taten betrifft: Wir haben in den vergangenen Jahren sowohl in Afghanistan als auch im Irak zur Stabilisierung beigetragen. Und während wir so unseren Beitrag leisteten, hat uns die Bush-Regierung des Gegenteils beschuldigt. Glauben Sie, dass mit militärischer Gewalt und Invasion Probleme gelöst werden können? War die Strategie Amerikas und der Nato nicht von Anfang an falsch? Wir haben immer gesagt, Terroristen kann man so nicht bekämpfen. Heute sind sie stärker denn je.
SPIEGEL: Noch einmal: Wir vermissen jedes selbstkritische Wort.
Ahmadinedschad: Sagen Sie mir doch, welche Fehler wir begangen haben sollen. Uns liegt nichts an einer historischen Aufrechnung.
SPIEGEL: Sie bestehen nicht darauf, dass sich die Amerikaner für den CIA-Putsch von 1953 gegen den demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh entschuldigen?
Ahmadinedschad: Wir wollen nicht Rache nehmen. Wir sagen nur, die Amerikaner sollen ihren Kurs korrigieren. Sehen Sie dafür wirklich Anzeichen?
SPIEGEL: Ja, die sehen wir. George W. Bush hat Iran zu einem Mitglied der Achse des Bösen erklärt und Teheran zumindest indirekt mit einem gewaltsamen Regierungswechsel gedroht. Davon ist bei Obama keine Rede mehr.
Ahmadinedschad: In der Wortwahl gibt es Änderungen. Aber das ist eben nicht ausreichend. Seit 30 Jahren stehen Deutschland und andere europäische Länder unter amerikanischem Druck, damit sie ihre Beziehungen zu Teheran nicht verbessern. Das sagen uns alle europäischen Staatsmänner.
SPIEGEL: Hat Ihnen das auch Altkanzler Gerhard Schröder bestätigt, den Sie im Februar hier in Teheran empfangen haben?
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© DER SPIEGEL 16/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH