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Ausgabe 17/2009
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20.04.2009
 

Missbrauch

Unter Brüdern

Von Peter Wensierski

2. Teil: Fürsorge für den gefallenen Bruder

"Selbst innerhalb der Kirche findet sich bis heute ein breiter Unterstützerkreis von Priestern und Ordensleuten", gibt der heutige Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand zu. "Diese Leute ermuntern und unterstützen ihn sogar finanziell." Die 8000 Mark Geldbuße wurden von gutgläubigen Katholikinnen für Weiß bezahlt, und nicht einmal die 12.000 Mark Schmerzensgeld für den Sohn von Kaitesi sollte Weiß selbst aufbringen. Das erledigte die gesetzliche Unfallversicherung, weil die Tat in der Schule geschah. Angesichts des geringen Leidensdrucks mochte sich beim Täter offenbar kein Unrechtsbewusstsein einstellen.

Während Pfarrer, die sich öffentlich zu einer Frau bekennen, schleunigst vor die Tür gesetzt werden, durfte der Pädophile Weiß trotz der Vorfälle auch weiterhin im Priesterstand bleiben. Obendrein versorgte ihn das Würzburger Bistum mit einer großzügigen Kirchenwohnung. So lebt er gut und günstig unter einem Dach mit verdienten Klerikern des Bezirks. "Wie soll man sich bei so viel Wertschätzung schuldig fühlen?", fragt Matthias Wimmer, eines seiner ehemaligen Opfer in Miltenberg. "Ich hab immer noch das Bild seines Pfarrbüros vor Augen. Dorthin hat er uns eingeladen, mich und andere Kinder auf den Schoß genommen, am Ohr liebkost und dabei am nackten Hintern gestreichelt. Er hat uns Geld geboten. Wir waren neun und zehn Jahre alt und wussten nicht, was da geschah, aber es war unangenehm."

Wie weit die Fürsorge einiger Kirchenleute für den gefallenen Bruder ging, macht auch die Aktenlage deutlich. So kümmerte sich der Würzburger Personalchef Heinz Geist kurz nach der Verurteilung von Weiß im Jahre 2000 hingebungsvoll um die Erstattung der Umzugskosten des Täters und ermunterte ihn, zu Hause ein paar Archivarbeiten zu erledigen, da er weiterhin seine alten Bezüge erhalte. O-Ton des frommen Mannes: "Der Generalvikar hat Bedenken, dass irgendein Zeitungsfritze rausbekommt, dass du dich weigerst, im Archiv tätig zu sein, und daraus einen Artikel macht. Dann geht das Ganze wieder los."

Die Einbildung, unschuldig zu sein, setzte ihm wohl auch der lange für die Priesterausbildung in Würzburg zuständige Pater Josef Grotz in den Kopf. Grotz schrieb verständnisvolle, der Entlastung dienende Worte an den "lieben Wolfdieter". 1993 etwa - da war Weiß bereits an zwei Orten aufgefallen - nahm er dessen Jugendarbeit in Schutz: "Du denkst nichts Böses, aber andere legen es Dir sofort zum Bösen aus, allzu leicht wird Dir aus kleinsten Fäden ein Strick zu drehen versucht. Und Du weißt, wie dumm Kinder sich äußern können, wenn sie entsprechend von Argwöhnischen ausgefragt werden."

In einem Brief an Weiß brüstete sich Spiritual Grotz 1999 damit, wie er den "lieben Wolfdieter" vor der Presse schütze: "Der Anrufer wusste auch von dem Urteil des Landgerichts Obernburg. Ich behauptete, Du seist damals freigesprochen worden ... Ich könnte mir denken, dass da irgend so ein Journalist wieder eine Sendung über Fälle von sexuellen Vergehen katholischer Priester zusammenschmieden möchte und nun allen Spuren nachgeht, die er gerade in die Nase bekommt, wie immer er diese Spur erschnüffelt haben mag."

Generalvikar Hillenbrand ist angesichts des stillen Einverständnisses in seiner Kirche nachdenklich geworden. "Mir ist am Fall Weiß deutlich geworden, dass Missbrauchstäter immer ein schützendes Umfeld brauchen. Sympathisanten und Personen in ihrem Umkreis, die sie tolerieren."

Seine eigene Null-Toleranz-Linie habe Hillenbrand dem Pädophilen, der jegliche Therapie verweigert, erst neulich klar gezeigt, wie er berichtet: Da habe er ihn in Würzburg auf dem Rathausplatz gesehen, wie er ein Kinderfest des Bayerischen Rundfunks und der Stadt beobachtet habe. Weiß habe sich herausgeredet, er warte nur auf jemanden aus dem Gottesdienst. Der Generalvikar glaubte seinem Untergebenen nicht und befahl ihm, den Ort zu verlassen - denn die Messe war schon seit Stunden vorbei.

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