SPIEGEL: Herr Holsboer, welch ein passendes Ambiente für unser Gespräch das Museum Ihres Instituts bietet! Wohin man schaut: eingelegte Gehirne, Schubladen voller historischer Präparate ...
Holsboer: Phantastisch, nicht? Raten Sie, wer diesen Hirnschnitt gemacht hat! Alois Alzheimer persönlich! Und hier: eine Arteriosklerose, etwa hundert Jahre alt. Das hier ist eine Epilepsie ...
SPIEGEL: Schwer vorstellbar, dass sich in dieser grauen Materie all unser Denken und Fühlen abspielt. Frühe Kindheitstraumata sind darin ebenso gespeichert wie die erste Liebe. Sie selbst haben in New York die Anschläge vom 11. September 2001 erlebt. Wie hat sich dieses Jahrhunderttrauma auf Sie ausgewirkt?
Holsboer: Ich packte gerade im Hotel meinen Koffer, schaute aus dem Fenster und sah 400 Meter Luftlinie entfernt ein Riesenloch in einem der Türme des World Trade Center. Dann flog ein Flugzeug in den zweiten Tower. Als die Türme zusammengestürzt waren, pustete die Klimaanlage diesen fürchterlichen Gestank in die Zimmer. Ich habe allergisches Asthma. Das war sehr unangenehm.
SPIEGEL: Was haben Sie empfunden?
Holsboer: Seltsamerweise zunächst nichts Besonderes. Ich war sehr erstaunt und habe versucht, kühl zu analysieren, was los war. Eine Art Selbstschutz. Sonst hätte es mich sicher mit heruntergerissen, dass Tausende Menschen quasi vor meinem Fenster starben. Ich weiß bis heute nicht, warum ich vier Stunden später zum Friseur gegangen bin. Ich wollte wohl mit jemandem reden. Dann kam mir der Gedanke, dass sich eine historische Chance für die Forschung bot.
SPIEGEL: Dieses Ereignis, das die halbe Welt in Schockstarre versetzte, weckte in Ihnen vor allem wissenschaftliche Neugier?
Holsboer: Ja, als sich abzeichnete, dass viele Überlebende der Anschläge eine posttraumatische Belastungserkrankung entwickeln würden, andere aber nicht. Wir haben ein Projekt gestartet, um herauszufinden, was die einen von den anderen unterscheidet. Wir vergleichen das Genom von gesunden Probanden mit dem von kranken und suchen jene Biomarker, die die psychische Krankheit anzeigen. Die Messungen nimmt ein Roboter vor. Da rattert es, und heraus kommt die Aktivität Tausender Gene. Tatsächlich wissen wir jetzt, dass bei denjenigen, die krank wurden, einige Gene anders reguliert werden.
SPIEGEL: Es hängt von einem Genschnipsel ab, ob jemand nach einem Terroranschlag von Panikattacken und Schlafstörungen geplagt wird? Hat es nicht eher damit zu tun, ob man in der Kindheit einen Knacks bekam oder sich generell einsam fühlt?
Holsboer: Man kann die Biografie nicht trennen von dem, was auf unseren Genen passiert. Äußere Ereignisse verändern zwar nicht die Gene selbst, aber die Genregulation. Die Wechselwirkung zwischen Veranlagung und äußerer Ursache führt zur Stoffwechselstörung im Hirn.
SPIEGEL: Also interessieren Sie sich in dem Projekt auch für Biografien?
Holsboer: Ja, wir fragen nach früheren Missbrauchserlebnissen oder Ähnlichem, um Teilnehmer auszuschließen, die schon vorher biochemische Narben im Gehirn davongetragen haben könnten. Nur so können Sie Veränderungen in den Biomarkern eindeutig diesem Trauma zuordnen.
SPIEGEL: Die Lebensumstände sind für Sie nur Störfaktoren innerhalb der Studie? Das klingt, als sei die Hinwendung zur Person bei Ihnen gleichbedeutend mit der Hinwendung zu den Molekülen.
Holsboer: Als Wissenschaftler konzentriere ich mich auf das Messbare, auf Moleküle und Schaltkreise. Denn dort sitzen ja die Ursachen für Depressionen und Angststörungen. Als Arzt befasse ich mich natürlich mit der ganzen Person.
SPIEGEL: Was hat Sie persönlich davor bewahrt, psychisch krank zu werden?
Holsboer: Ich bin das typische Nachkriegskind. Wir haben in den Ruinen gespielt, ab und zu ging eine Bombe hoch, dann waren wir einer weniger. Man ist in einer anderen Welt aufgewachsen, da wird die Widerstandsfähigkeit größer. Meine Eltern waren beide Schauspieler. Meine Mutter flirtete sehr gern. Männer tauchten auf und verschwanden. Ich war noch klein, als ich einen Stiefvater bekam. Ich wurde zu fremden Leuten in Pension gegeben, manchmal monatelang.
SPIEGEL: Der Inbegriff einer traumatischen Kindheit!
Holsboer: Gar nicht. Die Eltern kamen ja immer wieder. Oder einer davon. Sie haben mir doch eine große Sicherheit gegeben, dass ich nicht verlorengehe. Aber sicher, es hätte auch schiefgehen können.
SPIEGEL: Eigenartig, dass gerade Sie auf die Frage nach schützenden Faktoren zuerst Ihre Lebensumstände nennen. War es nicht irgendetwas Biologisches?
Holsboer: Mit Sicherheit! Vermutlich hat mich eine gute Erbsubstanz geschützt. Ja, ich glaube, ich habe eine robuste Veranlagung mitbekommen.
SPIEGEL: Waren Sie jemals depressiv?
Holsboer: Ich kenne durchaus Stimmungsschwankungen, die über das normale Maß hinausgehen. Manchmal bin ich vor Energie zum Leidwesen meiner Umgebung gar nicht mehr zu stoppen, und dann wieder strengt mich alles sehr an.
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Was hat eine "Ergotherapie" mit "Depression" als Heilmittel zu tun? Gehe ich Recht in der Annahme das bei ihrem pers. Beispiel die "Ergotherapie" auf Folgekrankheiten einer Depression beruht bzw. [...] mehr...
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© DER SPIEGEL 18/2009
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