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Ausgabe 19/2009
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04.05.2009
 

TV-Shows

Die Spaß-Blase

Von Markus Brauck

Der Kapitalismus lebt. Und nirgends zeigt sich seine Faszination auf die Massen besser als bei "Deutschland sucht den Superstar" und anderen Castingshows.

Wenn es in Deutschland die Figur des fröhlichen Kapitalisten überhaupt gibt, dann wird sie von niemand besser verkörpert als von Dieter Bohlen. Er lebt die Lust auf Geld ungeniert aus wie kaum ein anderer. Als Zeichen des Erfolgs trägt er ein Grinsen zur Schau, das breiter kaum geht.


Während in den Feuilletons und Talkshows die Krise des Kapitalismus verhandelt wird, macht Bohlen einfach weiter. Sein Evangelium ist einfach, und so simpel hat er es auch mal niedergeschrieben. "Ich liebe Geld, ich fand es schon immer geil, Geld zu haben, und ich wollte auch immer mehr davon haben", heißt es in seinem Buch "Der Bohlenweg - Planieren statt Sanieren" - das ironischerweise auf dem Höhepunkt der Finanzkrise auf den Markt kam und sich mittlerweile mehr als 150.000-mal verkauft hat.

Auch seine Show, die Casting-Sause "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS"), die am Samstag dieser Woche ins Finale geht, ist nicht zufällig in dem Jahrzehnt zum Hit geworden, in dem auch der Kapitalismus seinen Turbo zuschaltete.

Alles, was Finanzjongleure, Top-Manager und Börsenjunkies in den letzten Jahren antrieb und was ihnen heute angekreidet wird, findet sich auch in dieser Show. Der schnelle Erfolg um jeden Preis. Das Fehlen langfristigen Denkens. Das Zelebrieren des puren Egoismus desjenigen, der viel Erfolg hat und viel Geld.

Formate wie "DSDS" und "Popstars" waren ja weltweit auch die Antwort der darbenden Musikindustrie auf das Problem, dass es sich für sie immer weniger rentierte, Stars langfristig zu etablieren. Also erfand sie die Star-Derivate der Castingshows. Semi-Idole, die rasch aufgebaut werden und rasch vergessen sind, mit deren Prominenz sich aber schnell und heftig Kasse machen lässt.

Eigentlich passt die Idee Castingshow also gar nicht mehr in die Zeit. Wo doch jetzt alle so vernünftig geworden sind und vom Bundespräsidenten bis zur "Bild"-Zeitung alle der Spekulation und der Gier und dem Hype abschwören. Für die Zukunft wird an einer Welt gebaut, die besser reguliert, vernünftig und ethisch ist.

Doch die Faszination scheint ungebrochen. Obwohl nach fünf Staffeln auch der Letzte, der zuguckt oder mitmacht, weiß, dass RTL "Superstars" macht, die keine sind, ändert das nichts an der Beliebtheit dieser Art von Formaten. Die Quoten von "DSDS" sind auf Rekordhöhe - 5,7 Millionen schauten allein am vorletzten Samstag zu.

Die Kandidaten träumen sich immer noch in eine "Superstar"-Zukunft hinein. Das Publikum ruft immer noch wie verrückt an, um den Kurs ihres Lieblingskandidaten zu befeuern. Und die Jury um Bohlen redet immer noch von "Superstar-Qualitäten", die im Übrigen mancher schon dann erfüllt, wenn Bohlen ihm attestiert: "Du hast jeden Ton getroffen."

Jede Staffel von "DSDS" war bisher eine einzige Spekulationsblase, und sie verlief nach dem gleichen Muster, dem auch die Immobilienblase, die Kreditkartenblase und sonstige Kapitalblasen folgen. Der Unterschied ist nur, dass bei der RTL-Show wirklich jeder den großen Knall vorhersagen kann. Es gibt am Ende ein großes Finale, noch ein paar schnell verkaufte CDs. Dann ist die Luft raus. Niemals wird hier eingelöst, worauf die ganze Zeit scheinbar gewettet wird.

Die Zuschauer agieren darin wie Kleinanleger, die via Telefonanruf in den "Superstar"-Wert ihrer Kandidaten investieren, während sich die Spaß-Blase Woche um Woche und Runde um Runde aufbaut und der Markt sich multimedial aufheizt.

Natürlich ist das Risiko dieser Spaß-Blase ungleich geringer als die ganz reale Finanzkrise. Als Verlust bleiben beim Zuschauer ein paar Euro Telefongebühren und verplemperte Aufmerksamkeit - die eigentliche Währung der Unterhaltungsbranche - hängen. Der Rausch ist ungefährlich. Ein Rausch bleibt es trotzdem.

Der Antrieb, als Zuschauer oder Kandidat mitzumachen, ist derselbe wie jener, der die Massen bis vor wenigen Monaten dazu trieb, in undurchschaubare Finanzkonstrukte zu investieren: Aus dem wenigen, was man hat (an Geld beziehungsweise Talent), unverhältnismäßig viel zu machen.

Das ist auch der Grund, weshalb sich zu den Castingshows so viele bewerben, die dort so offensichtlich nichts zu suchen haben. Unmusikalische bei "DSDS", Unansehnliche bei "Germany's Next Topmodel". Und da gleichen sich Kapitalismus-Show und Show-Kapitalismus auf verblüffende Weise: Obwohl in beiden ständig von Leistung die Rede ist, von Arbeit, Fleiß und Ausdauer - der größte Reiz liegt offenbar darin, es auch ohne diese Kraftanstrengungen zu schaffen, um mit nichts als einem raffinierten Geschäftsmodell am Ende die Arbeit ein für alle Mal los zu sein.

"Seit dem Beginn der Neuzeit hat sich in den Menschen Europas und Amerikas das Märchenmotiv vom leistungslosen Einkommen mit archetypischer Gewalt festgesetzt", meint der Philosoph Peter Sloterdijk. "Unzählige meinen allen Ernstes, das Leben sei ihnen einen Schatzfund schuldig." Dieser Wunderglaube, Reichtum und Ruhm müssten über Nacht über einen kommen, ist bei "DSDS" ungebrochen. Die Botschaft ist verblüffend einfach: Wenn du die Chance hast, sehr schnell sehr viel Kohle zu machen - ergreif sie!

"Mann, ich bin riesengroß in irgendwelchen People-Magazinen, die ich mir normalerweise immer gekauft habe, um Britney Spears anzusehen", bestaunt Kandidatin Annemarie ihren eigenen wachsenden Marktwert als fleischgewordener Blondinenwitz und "Everybody's Arschloch" (Bohlen). Die 19-Jährige nutzt ihre Paar-Wochen-Prominenz ausgiebig: Fotoshootings und Schlagzeilen in "Bild", Interviews überall.

Natürlich ist auch sie letztlich nur ein Superstar-Derivat, eine schwache Ableitung von dem, was das Showgeschäft einstmals meinte. Annemarie ist aber auch ein Wertpapier, dessen Kurs schwanken kann. Also lässt sie sich jede Woche umverpacken, bis zwischen all den Imagetransfers und Metamorphosen niemand mehr weiß, was er eigentlich kauft beziehungsweise sieht. Fast so wie die Giftpapiere, mit denen die Finanzkrise ausgelöst wurde.

Vom Nobody zum Superstar in wenigen Monaten, das wäre, wenn es denn klappen würde, eine himmlische Wertsteigerung. Jeder weiß, dass es so etwas nicht gibt, außer im kapitalistischen Märchen. Und weil das Versprechen rascher Rendite immer etwas Unseriöses an sich hat, wird während der ganzen, mehrere Monate dauernden TV-Veranstaltung enorme Kraft darauf verwandt, zu zeigen, wie seriös und nachhaltig das Investment ist. Permanent ist von persönlicher Weiterentwicklung die Rede, von Wachstum. Davon, wie hart jeder der Kandidaten an sich arbeitet.

Der Zuschauer wird unablässig vollgemüllt mit Prognosen und Analysen zur Werthaltigkeit seines Investments. Permanent ist von Qualität und Qualitäten die Rede. "So wird man kein Superstar", sagt dann Bohlen. Oder: "Du bist für mich schon ein Superstar." Wöchentliche Kursschwankungen eben, wie sie jeder Börsenbrief kommentiert.

Die Analysten-Jury lobt jeden Fortschritt, schiebt die Kandidaten Woche für Woche näher an die Superstar-Schwelle heran, vergibt Ratings von AAA bis runter zum Schrottstatus und ist sorgfältiger Erfüller der eigenen Prophezeiungen.

Und was ist der Gewinn, den der Zuschauer davon hat? Die Rendite des Kleinanlegers? Es gibt sie nicht. Wie in jeder Spekulationsblase ist er nur dazu da, den Kurs künstlich nach oben zu treiben.

Aber das stört ihn nicht. Offenbar reicht es ihm, Shareholder eines Märchens zu sein. Für ein paar Stunden entflieht er dem Alltag, in dem es keine schnellen Erfolge gibt und keine Wunderrenditen. Und weidet sich an dem Gedanken, auch ihn könnte es einmal treffen ...

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insgesamt 70 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.05.2009 von albgardis: O T

Was? Produzent seit 1979? Woher haben Sie denn das? Der Bohlen, den ich 1983 kennengelernt habe, war ein kleiner Bueroangestellter der MdW (Musikverlag) in der Hamburger Hallerstrasse. Ich war eine unbedeutende [...] mehr...

11.05.2009 von frubi: .

Glauben Sie mir, ich bekomme leider genug von diesem niveaulosen Mist mit. Meine Eltern sind begeistert von diesem Schrott. Ausserdem gucke ich mir solche Formate vorher an wenn ich diese kritisiere. Mich würde es ja auch [...] mehr...

10.05.2009 von nixxnuzz: Panne Zitate

Man sollte schon froh sein, wenn bei einer solchen Diskussion nicht mit Kreuz-Rittern / -Zügen und den Moralischen Schlechtigkeiten der Dinosaurier argumentiert wird. Es gibt absolut nixx Schlechtes. Alles nur beste [...] mehr...

10.05.2009 von nixxnuzz: ... Majuskeln...

Geht es hier um ... Tipp- Schreib- Flüchtigkeits- -Delikte? Oder geht es hier um Hirn - Artefakte? Ich habe meine Tastatur auf kurze Wiederholzeit gestellt. Ist das auch schon Dummheit? joottoohhjoottoohhjoott mehr...

10.05.2009 von takeo_ischi: Bla

Ausserdem sind m.W. auch nach der neuen Rechtschreibung die beiden letzten Buchstaben keine Majuskeln... mehr...

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