AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009
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SPIEGEL-Gespräch Der Applaus des Tellers

3. Teil: "Wir sind nicht da, um permanent ein Happy End zu erzählen"

SPIEGEL: Nicht jeder in den von Ihnen besuchten Gastwirtschaften wirkt wirklich begeistert von Ihrem Besuch.

Rach: Jeder muss sein Einverständnis geben, keiner wird gegen seinen Willen gefilmt.

SPIEGEL: Und dann kommt es zu Szenen wie in der westfälischen "Cantina Tapa Bar": Hysterisch lachend verlassen Sie die Küche. Das heißt, Sie versuchen, die Küche zu verlassen, was nicht einfach ist, weil der Fußboden so klebt. Und Gisbert, der Koch, grinst Ihnen zufrieden hinterher.

Rach: Ein Charakterkopf. Ein hochintelligenter Mensch.

SPIEGEL: Der in einer völlig verdreckten Küche steht und gegen Sie und Ihre Verbesserungsvorschläge kämpft.

Rach: Für ihn war das ein Spiel. Es hat ihm Spaß gemacht. Ich erinnere mich gut: Ich hatte abends bei ihm gegessen, sah am nächsten Tag in seinen Kühlschrank ...

SPIEGEL: Und Sie fragten mit Entsetzen: Aus diesem Kühlschrank kam das, was ich gegessen habe?

Rach: Ich wundere mich, sagte ich, dass ich heute Nacht nicht über der Kloschüssel hing! Und er sagte: Ich weiß gar nicht, was du hast. Du hast doch überlebt, oder geht's dir schlecht? Das ist Bauernschläue.

SPIEGEL: Sie sagen, wenn es zu krass wird, machen Sie die Kameras aus - wenn die Kakerlaken wuseln?

Rach: Quatsch. In südlichen Ländern, dort sind Kakerlaken das Problem, hier gibt es andere Abgründe. Es gibt natürlich Dinge, da sage ich: Das kann man nicht zeigen, vor Millionen Zuschauern. Wenn die Hose zu tief rutscht. Oder wenn jemand, weil er alles schrecklich findet, einen Weinkrampf bekommt. Mal eine Träne des Entsetzens zu zeigen, das finde ich okay.

SPIEGEL: Sie beraten eine Woche lang, am letzten Tag ist Wiedereröffnung und die Hütte ist voll, weil jeder weiß: Der Rach ist da. Aber danach sind Sie weg.

Rach: Ich kann doch nicht ein Leben lang den Babysitter spielen.

SPIEGEL: Aber wer vorher nicht kochen konnte, kann es auch nach einer Woche Rach noch nicht.

Rach: Doch, das geht. Wenn Sie es schaffen, den Hebel umzulegen. Durchzudringen. Den Ehrgeiz zu wecken.

SPIEGEL: Manche Klienten beklagen sich nach Ihrem Besuch: Diese Publicity hatten sie sich nicht vorgestellt.

Rach: Manche reden sich um Kopf und Kragen, schimpfen beispielsweise über die blöden Bauern in ihrem Gebiet - Sie können mir glauben, ich kämpfe wie ein Löwe, dass die ganz brutalen Szenen nicht drin sind. Aber es ist doch so: Etwa sieben, oder vielleicht sechseinhalb von zehn, schaffen es, sie überleben. Ich komme ja wieder, unangekündigt, zum Kontrollbesuch. Und dann spüre ich sofort: Das wird was.

SPIEGEL: Oder auch nicht.

Rach: Wir sind nicht da, um permanent ein Happy End zu erzählen. Wenn ich anrücke, übernehme ich den Betrieb und handle so, als wäre es mein eigener. Ich kann nur ein Angebot gestalten. Im Kantschen Sinn: Handle stets so, dass dein Handeln auch die Maßgabe des anderen sein kann.

SPIEGEL: Wir hätten gern einige Überlebenstipps von Ihnen. Sagen wir, Sie fahren über Land und haben Hunger. Was machen Sie?

Rach: Ich mache halt, wenn mir ein Laden optisch attraktiv erscheint. Wenn der Eingang gepflegt ist, wenn da kein Blumenkübel steht, der die Blätter und Blüten hängen lässt. Wenn auf der Karte 37 Schnitzel stehen, fahre ich weiter. Überhaupt, wenn seitenweise Gerichte draufstehen. Das kann ja nicht frisch sein.

SPIEGEL: Niemals Fisch am Montag?

Rach: Das haben Sie von Anthony Bourdain. Nein, das ist Humbug. Schauen Sie lieber auf den Wetterbericht, ob auf der Nordsee Sturm war. Wenn Sie an einem Freitag Nordseefisch haben und es war eine Woche schlechtes Wetter, dann ist das alter Scheiß. Weil die Fischkutter nicht draußen waren.

SPIEGEL: Manche Insider empfehlen: Niemals Hackfleisch, niemals Leber in einer unbekannten Kneipe.

Rach: Leber schon. Wenn jemand Leber auf der Karte hat, das gefällt mir. Die gibt es nicht tiefgefroren, nicht fertig vakuumiert, die kriegt er von seinem Metzger als ganzes Stück, damit muss er umgehen, das zeugt von einem gewissen Verständnis für die Küche. Ich würde Leber essen.

SPIEGEL: Dann steht da: "Maultaschen, hausgemacht". Hat das was zu bedeuten?

Rach: Nein. Die kriegt er so von seinem Metzger, der Metzger sagt, er hat sie hausgemacht, dann sagt der Wirt das auch.

SPIEGEL: "Alle Speisen werden frisch zubereitet."

Rach: Das ist oft die größte Verarsche, das steht praktisch auf jeder Speisekarte bei den Kollegen, die ich berate.

SPIEGEL: Und bedeutet nur, dass der Kollege ein bisschen langsam ist im Tüten aufreißen?

Rach: Oder im Auftauen, was auch immer. Diese Leute haben ein merkwürdiges Verhältnis von frisch zubereitet, sie glauben, wenn sie etwas aufwärmen, dann ist das frisch zubereitet, es soll aber nur bedeuten: Das steht nicht seit drei Stunden auf dem Herd.

SPIEGEL: Also - die Küche lügt: In Wahrheit kocht nicht Nina oder Giorgio oder Klaus-Dieter, sondern der Großlieferant von Fertigprodukten in Zarrentin.

Rach: Convenience, das ist ein heikles Thema. Wer eine Gemeinschaftsverpflegung macht, 3000 Essen an der Autobahnraststätte, der kommt nicht ohne gewisse Convenienceprodukte aus.

SPIEGEL: Ja. An der Autobahnraststätte.

Rach: Auch in einem Gasthof auf dem Land würde ich es nicht verteufeln, wenn einer eine gute Fertigbrühe - kein mieses Pulverzeug! - auf Lager hat. Es gibt Schlimmeres.

SPIEGEL: Ja. Spargel weiß, in Butter gegart. Hirschgulasch mit Pfifferlingen in Wacholdersauce. Riesengarnelen in Curry-Safransauce. Sauerbraten Rheinische Art in Rosinensauce mit Pumpernickel. Lammcarrée, rosa gebraten. Das alles gibt es fertig in der Tüte, und der Meister braucht es bloß noch warm zu machen ...

Rach: ... regenerieren, heißt das ...

SPIEGEL: ... und hübsch zu dekorieren. Wir als Gäste bekommen das serviert und wissen von nichts. Und überall schmeckt es gleich.

Rach: Den Kollegen, die ich besuche, sage ich ja: Ich will nicht wissen, ob du Tüten aufreißen kannst. Ich will wissen, wie du kochst. Die müssen die Frage beantworten: Warum sollen die Leute gerade zu mir kommen? Was gibt's bei mir Besonderes? Und das geht eben nicht mit Tütenaufreißen. Und nicht mit Dosenbohnen im Salat.

SPIEGEL: Die Lebensmittelindustrie arbeitet gegen Sie. Es gibt jetzt Bräunungsspray und Grillaroma in der Flasche, damit ein grauer Fleischklops zur Bulette mutiert.

Rach: Furchtbar.

SPIEGEL: Analogkäse, der noch nie eine Kuh von innen gesehen hat.

Rach: Schrecklich.

SPIEGEL: Rührei, fertig gegart, für die Mikrowelle.

Rach: Ein kulinarisches Verbrechen. Es ist schon ein Problem, nehmen wir mal die Sauce hollandaise: Ich habe neulich einen Versuch gemacht mit Nachwuchsköchen, die nur "Hollandaise" aus der Tüte kannten. Ich habe selber eine aufgeschlagen, mit Butter, Eigelb, einer Brühe-Reduktion, ein Spritzer Zitrone darin, wunderbar. Die haben das ausgespuckt, uaah, wie eklig. Das ist ihr im Gedächtniscomputer abgelegtes Geschmackserlebnis: Die meinen, so wie aus der Tüte muss die Sauce schmecken.

SPIEGEL: Lebensmittelchemiker können Tausende von Aromastoffen zusammenbauen. Dagegen müssen Sie ankochen. Haben Sie als Koch einen Erziehungsauftrag?

Rach: Nicht mit dem Zeigefinger. Bloß nicht. Auch im Fernsehen nicht - ich doziere nicht, ich lebe das vor.

SPIEGEL: Und fasziniert schauen die Leute zu, ob sie nun selber kochen oder nicht. Der Ethnologe Wulf Schiefenhövel erklärt sich die Faszination von Kochshows damit, dass wir vom Feuer geprägt seien, er denkt an archaische Bilder des gemeinsamen Speisenbereitens, "da spricht uns etwas im Stammhirn an".

Rach: Tja. Was soll ich dazu sagen?

SPIEGEL: Wie wär's mit: meinetwegen?

Rach: Meinetwegen. Nein, wichtig ist: Da ist ein Mangel. Wir sehen die Zerstörung der familiären Strukturen, und gemeinschaftliches Essen und Trinken ist als erstes dabei gestorben, das heißt: Kommunikation entfällt. Das und das Aufkommen der stummen Kommunikation übers Internet führt zu Sprachlosigkeit, fehlendem Austausch, auch über Gefühle, und zu einem erhöhten Maß an Aggression auch bei Jugendlichen, wie wir es jetzt wieder drastisch erlebt haben.

SPIEGEL: Sie reden vom Amoklauf in Winnenden? Eine gewagte These.

Rach: Mag sein. Aber Sprechen ist ein Austausch von Gefühlen, und nur wer seine Gefühle zeigt und seine Bedürfnisse, dem kann man helfen. Beim Essen und Trinken redet es sich einfach gut. Ich denke, da ändert sich etwas, das wird allmählich wieder bewusst.

SPIEGEL: Obwohl die Deutschen immer noch klägliche elf Prozent ihres Budgets für Essen ausgeben? Und obwohl das Geld noch knapper wird, jetzt in der Krise?

Rach: Ich glaube, es entsteht eine neue Lust am gemeinsamen Tun. Und da gehören Essen, Trinken und Kochen einfach dazu.

SPIEGEL: Herr Rach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten SPIEGEL-Reporterin Barbara Supp und SPIEGEL-Kantinenchef Alfred Freeman.

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harm ritter 06.05.2009
Ich glaube, wir essen in Deutschland nach wie vor sehr gut. Ich finde es einen positiven Trend, daß wir heute in den gängigen Supermärkten auch Bio-Food zu erschwinglichen Preisen bekommen. Vermutlich verpufft der Effekt bei [...]
Ich glaube, wir essen in Deutschland nach wie vor sehr gut. Ich finde es einen positiven Trend, daß wir heute in den gängigen Supermärkten auch Bio-Food zu erschwinglichen Preisen bekommen. Vermutlich verpufft der Effekt bei gleichzeitigem Genuß von Alkohol und Zigaretten, aber es ist schon ein gutes Gefühl, Eier von Hühnern zu essen, die nicht wie im Knast gehalten werden, oder Avocados, die man bedenkenlos auslöffeln kann.
john mcclane 06.05.2009
Diese ganzen Ammenmärchen von Kartoffelsalat-mit-Bockwurst-Essern über die ach so entsetzlichen hygienischen Zustände in den McDonalds-Fillialen habe ich noch nie geglaubt, weil ich davon überzeugt war, das diese Lokalitäten zu [...]
Diese ganzen Ammenmärchen von Kartoffelsalat-mit-Bockwurst-Essern über die ach so entsetzlichen hygienischen Zustände in den McDonalds-Fillialen habe ich noch nie geglaubt, weil ich davon überzeugt war, das diese Lokalitäten zu den wenigen gehören, die wirklich regelmäßig und penibel kontrolliert werden, allein schon aus dem Grund, das jeder Prüfer weiß, wo in seinem Bezirk die Fillialen der jeweiligen Ketten sind. Die Gefahr, sich in der versifften Frittenbude umme Ecke zu verseuchen, ist da viel größer. Schön, das ein Experte wie Rach das anhand seines eigenen Restaurants bestätigt...
Akuram 06.05.2009
Schade eigentlich, dass mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt wird, dass Rach's Sendung von vorne bis hinten geklaut ... hmmm... sagen wir mal besser kopiert... ist. Und zwar von dem britischen Sternekoch Gordon Ramsay und seiner [...]
Schade eigentlich, dass mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt wird, dass Rach's Sendung von vorne bis hinten geklaut ... hmmm... sagen wir mal besser kopiert... ist. Und zwar von dem britischen Sternekoch Gordon Ramsay und seiner Sendung "Kitchen Nightmare". Warum muss man solche Hinweise in Deutschland eigentlich immer unter den Tisch fallen lassen? Ist deutsches Fernsehen etwa schlechter, nur weil man eine gute Idee übernommen hat? Kann man dann nicht wenigstens dazu stehen? Würde bei einem umgedrehten Interview mit einem Ausländer, der eine deutsche Idee übernommen hat, dieser Hinweis auch fehlen? Nein, mit Sicherheit nicht, denn dann könnte man sich ja in dem Ruhm etwas Deutsches exportiert zu haben sonnen. Und zu der eingehenden Frage. Es ist in Deutschland nicht anders wie in anderen Ländern. Hätte man die Sendungen von Gordon Ramsay wenigstens einmal auszugsweise angeschaut, wüsste man, dass in Großbritannien, Frankreich, Spanien und den USA die gleichen (schlechten) Zustände bei bankrotten Restaurantbesitzern herrschen wie bei uns. Denn genau darum geht es doch in den Sendungen von Rach und Ramsay, um die schlechten Restaurants, die aus guten Gründen in finanziellen Nöten sind. Die sind kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, weil sie schlecht sind und nicht weil sie so gut sind, aber die Kunden keinen Hunger haben. Und wer wollte schon einen Restauranttest sehen, indem alles piko-bello ist? Natürlich werden nur die schwarzen Schafe gezeigt! Aus dem gleichen Grund zeigt man bei Straßenumfragen ja auch nur die Idioten, die genau wie unser Finanzminister Steinbrück Burkina-Faso nicht von Luxemburg unterscheiden können. Alles andere ist schliesslich langweilig. Und gerade bei den privaten Sendern kann man sich Langeweile nicht erlauben. Somit können solche Sendungen aber dann auch nicht den Anspruch für sich erheben, ein repräsentativer Querschnitt durch unsere deutsche Restaurantlandschaft zu sein. Essen interessiert, weil es jeden betrifft, aber einen Hype um eine abngebliche neue und verbesserte deutsche Esskultur kann ich aber bei aller Liebe deswegen nicht erkennen.
Portugiese 06.05.2009
Als Auslandsdeutscher fällt mir auf, dass auch in diesem Bereich Mode und Qualität zu trennen ist: seit 6-8 Jahren gibt es plötzlich in jeder Kneipe "Putenstreifen AN PI_PA_PO-Gemüse" etc. oder "Linsen mit [...]
Zitat von sysopDie Esskultur in Deutschland hat sich entscheidend verbessert: Die Qualität von Weinen, Restaurants und heimischer Küche blüht auf. Oder? Was halten Sie von der aktuellen deutschen Esskultur in Deutschland - wirklich steigend oder nur ein einziger Hype?
Als Auslandsdeutscher fällt mir auf, dass auch in diesem Bereich Mode und Qualität zu trennen ist: seit 6-8 Jahren gibt es plötzlich in jeder Kneipe "Putenstreifen AN PI_PA_PO-Gemüse" etc. oder "Linsen mit Räucherlachs", oder die unsäglichen Avocados, und sonstige Sachen, die mit dem "Terroir-Gedanken" absolut nichts zu tun haben. Ob die Küche dadurch wirklich besser ist, wage ich zu bezweifeln. In Portugal wird klar auf beste Qualität der Rohmaterialien geachtet und die Speisekarte bleibt auf die Klassiker beschränkt, die dann "abgekocht" werden - wer das richtig gut macht, hat immer ein volles Haus. Hier fällt ja eine Kneipe aus dem Qualitätraster, wenn sie es wagt, ein perfekt gemachtes Kalbsschnitzel (eigentlich ein Leckerbissen) oder einen Schweinebraten auf die Karte zu setzen. Auch hier also ein fehlendes Selbstbewusstsein - beim Wein dagen - Alle Achtung, die Rieslinge sind Weltspitze und eben typisch Deutsch.
Tobermory 06.05.2009
Nirgendwo habe ich so gut gegessen, wie in der "Schwarzwaldstube" bei Harald Wohlfahrt. Da trifft der Vergleich mit dem Künstler absolut zu. Es gibt in der Spitzengastronomie allerdings auch furchtbare Übertreibungen, [...]
Zitat von sysopDie Esskultur in Deutschland hat sich entscheidend verbessert: Die Qualität von Weinen, Restaurants und heimischer Küche blüht auf. Oder? Was halten Sie von der aktuellen deutschen Esskultur in Deutschland - wirklich steigend oder nur ein einziger Hype?
Nirgendwo habe ich so gut gegessen, wie in der "Schwarzwaldstube" bei Harald Wohlfahrt. Da trifft der Vergleich mit dem Künstler absolut zu. Es gibt in der Spitzengastronomie allerdings auch furchtbare Übertreibungen, wie ich kürzlich wieder in einem hoch bewerteten Lokal im Elsass feststellen musste. Das Restaurant liegt in einer einsamen Gegend, mitten im Wald und ist äußerlich eher unscheinbar. Drinnen hat ein Designer den Laden aufgedonnert, als befände man sich in Paris. Das Essen war in mehreren Gängen serviertes Chi-Chi mit fernöstlichen Anleihen zu unverschämten Preisen. Von einem solchen Schock kann man sich nur durch den Besuch solider Landgasthäuser erholen, die wir im Badischen zum Glück noch haben. Hier liegt das Verdienst von Rach. Er zeigt den Leuten, wie wichtig das Verwenden regionaler frischer Produkte ist. Am Montag war bei den "Kochprofis" ein besonders krasser Fall zu bestaunen. Da bot ein Lokal in Dessau seinen Gästen "Klapperschlange" an. Das Teil war beim Testessen natürlich ungenießbar. Der Wirt glaubte an seine "Exoten" und war der Meinung, dass er damit eine Marktlücke bediene. Die Schlangen kamen aus der Tiefkühltruhe und fressen dort immer noch, nämlich das Kapital des Wirts, da sie über 100 € pro Kilo kosten. In meiner Nähe gibt es einen Landgasthof, der recht durchschnittliches Essen servierte, bis sich vor einigen Jahren ein regionaler Gastro-Kritiker daran machte, den Laden in Schwung zu bringen. Das Konzept ist eigentlich ganz einfach. Es gibt nur noch regionale Spezialitäten und saisonale Gerichte in guter Qualität. Die Pommes-Frites sind frisch und selbstgemacht, ebenso die Spätzle. Auch die Fleischbrühe ist kein Fertigprodukt und Glutamat gibt es in der Küche nicht. Die Gäste sind dankbar und das Lokal brummt. Es gibt noch gewaltige regionale Unterschiede deutscher Restaurants. Immerhin wird es auch im Osten der Republik langsam besser. Im Grausen erinnere ich mich noch an die Tristesse der HO-Gaststätten. Dort war das Essen in der Regel noch miserabler, wie in einer minderen Betriebskantine im Westen. Man würde sich allerdings wünschen, dass ein Rach auch einmal das Essen in deutschen Krankenhäusern unter die Lupe nimmt. Grauenhaft, was da in der Regel serviert wird. Dagegen ist ein Fertigmenu von Bofrost eine Delikatesse. Ich habe mir kürzlich nach langer Zeit wieder einmal ein Kochbuch gekauft: Christian Rach, "Das Kochgesetzbuch". Sehr empfehlenswert.
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