SPIEGEL: Sie hätten Ihrem Vater beispielsweise vorschlagen können, das ganze Firmengestrüpp zu kappen und wieder zu klaren Strukturen zurückzufinden.
Merckle: Habe ich auch. Wir Geschwister saßen ja nicht auf einem Bauernhof, den am Ende nur einer bekommen konnte. Sauber getrennte Zukunftsmodelle für die nächsten Generationen waren aber nicht erwünscht.
SPIEGEL: Ihr Vater setzte fortan mehr auf externe Manager als auf seine Söhne.
Merckle: Meiner Meinung nach auch eine Fehlentwicklung. Denn wenn die Familie immer weniger entscheiden sollte, wozu baute man das Unternehmen dann noch weiter aus? Da wollte ich endgültig meinen eigenen Weg gehen.
SPIEGEL: Im Dezember erklärten Sie, Ihr eigenes Vermögen stünde als Sicherheit für die Gläubigerbanken Ihres Vaters nicht weiter zur Verfügung. Sie verlangten einen klaren Schnitt. Ihr Vater muss das als endgültigen Bruch empfunden haben.
Merckle: Was öffentlich nicht wahrgenommen wurde: Ich hatte davor mit einer Firma, die mir gehörte, bereits Sicherheiten in Millionenhöhe gestellt. Zu dem Zeitpunkt herrschte bereits ein ziemliches Durcheinander. Die dann erfolgte Vermögensabgrenzung war von meinem Vater akzeptiert und zugesagt, so ist auch sein Abschiedsbrief zu verstehen.
SPIEGEL: Schärft die Wirtschaftskrise vielleicht sogar den Blick auf grundsätzliche Probleme? Größenwahn, Profitgier, Spekulationslust, Intransparenz?
Merckle: Ich denke schon, dass diese Krise vieles sichtbar macht - und auch angreifbar, in meiner Familie wie in der gesamten Wirtschaft. Früher galten viele Unternehmer und Manager auch als unantastbar. Nun sind die Renditen weg und die Träume. Und man wacht auf und fragt: Wem oder was rannte man eigentlich hinterher?
SPIEGEL: Hierzulande gibt es einen Klaus Zumwinkel, der in seiner Zeit als Post-Chef Steuern hinterzog. Einen ehemaligen Siemens-Boss Heinrich von Pierer, der bis heute nicht wahrhaben will, dass sein Konzern ein Korruptionssumpf war. Oder Georg Funke, Ex-Chef des Milliardengrabs Hypo Real Estate, der nun Bezüge einklagen will. Erkennen Sie zwischen den vielen Affären der vergangenen Jahre Ähnlichkeiten?
Merckle: Die Fälle sind alle sehr unterschiedlich, aber tatsächlich gibt es vergleichbare Grundmuster - auch bis zu den ganzen Bespitzelungsaktionen von Telekom, Bahn oder anderen. Die zeigen ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber den Mitarbeitern eines Unternehmens. Oft war auch die Inszenierung wichtiger als das Handwerk. Credo war: Der Erfolg gibt mir recht. Das führt zu Allmachtsphantasien. Aber es war ein Irrweg, für unsere Familie wie für die gesamte Wirtschaft.
SPIEGEL: In Ihrer Zeit als Ratiopharm-Chef verlor das Unternehmen aber auch Marktanteile.
Merckle: Hätte ich für den alten Profit weitermachen sollen wie zuvor? Marktanteile um jeden Preis? Natürlich können solche Kurswechsel kurzfristig schmerzhaft sein. Langfristig hätte es sich ausgezahlt. Davon bin nicht nur ich überzeugt.
SPIEGEL: Sie galten Kritikern bisweilen als naiver Träumer und erfolgloser Gutmensch, der nicht die nötige Härte fürs Geschäft mitbringt.
Merckle: Ich weiß. Und? Wohin der Weg der "Härte" führt, hat man im Januar gesehen, nicht nur am Tod meines Vaters.
SPIEGEL: Ihr unternehmerischer Misserfolg könnte zu der These verführen, dass Wirtschaft und Moral, Ethik und Erfolg eben nicht zusammenpassen.
Merckle: Welcher Misserfolg? Mein Weg hat Marktanteile gekostet. Das Ergebnis in Zahlen war aber das beste in all den Jahren der Ratiopharm - und zudem: Es ist nichts groß, was nicht gut ist; und es ist nichts wahr, was nicht besteht. Langfristig geht es nicht nur um Kostenmanagement, Benchmark, Profitmaximierung, Steuerschlupflöcher. Es geht um beständige, integre Wege.
SPIEGEL: Ihr persönliches Lieblingsprojekt war früher die von Ihnen ins Leben gerufene Stiftung "World in Balance", die unter anderem die Arbeit von Karlheinz Böhm unterstützte und sich aus Mitteln von Ratiopharm finanzierte. Was wird nun daraus?
Merckle: Es war ein Projekt, das die Neuausrichtung der Ratiopharm greifbar machen sollte. Dafür sind auch große Summen geflossen. Künftig soll es auf kleinerem Niveau weiterlaufen, als grundsätzliches Denkmodell für neue Formen des Unternehmertums. Dies will ich letztlich auch mit den Firmen vorleben, in denen ich mich heute engagiere.
SPIEGEL: Sie sind nun an der vergleichsweise kleinen Gruschwitz Textilwerke AG in Leutkirch beteiligt und an dem Kärntner Glasfliesenproduzenten Villiglas.
Merckle: Die Fragen sind dort die gleichen, die ich mir auch in einem Milliardenkonzern wie Ratiopharm gestellt habe: Wie fördere ich die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen? Was ist unser gemeinsamer Anspruch? Nur dann können wir in den kommenden Jahren erfolgreich sein. Wenn alle aus Überzeugung handeln können.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich in den kleinen Firmen jetzt wohler?
Merckle: Ich kann in dem Kontext, in dem ich geboren wurde, mit seiner jüngsten Entwicklung, nur wieder ganz klein anfangen: glaubhaft, als Unternehmer, der sich auseinandernehmen und überprüfen lässt.
SPIEGEL: Stimmt es, dass das Testament Ihres Vaters bislang nicht eröffnet wurde?
Merckle: Das ist Sache der Erbengemeinschaft, der ich nicht angehöre. Ich habe mich für einen eigenen Weg entschieden und bin froh darüber.
SPIEGEL: Was wird von dem Imperium übrigbleiben?
Merckle: Ideell ist nichts übriggeblieben.
SPIEGEL: Und finanziell?
Merckle: Noch mal: Mein Gefühl war schon seit längerem: Dieses verschachtelte Firmenkonstrukt kann nicht mehr funktionieren. Aktiv steuerbar ist mittlerweile ohnehin nichts mehr.
SPIEGEL: Hatten Sie seit dem Selbstmord Ihres Vaters Gelegenheit, das Geschehene mit Ihren Geschwistern, Ihrer Mutter aufzuarbeiten?
Merckle: Nein, auch wenn ich mir das wünschen würde. Die Ansichten sind immer noch sehr unterschiedlich.
SPIEGEL: Ihre Mutter hat sich zurückgezogen. Ihre Schwester lebt in Berlin. Ihr älterer Bruder Ludwig wurde von den Banken aus dem Unternehmen gedrängt. Ihr jüngerer Bruder Tobias ist Sozialpädagoge, betreut schwererziehbare Jugendliche und sieht sich mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen konfrontiert wie Sie selbst: In Finnland wird zurzeit ein alter Deal untersucht, den der Merckle-Pharma-Großhandel Phoenix einst eingefädelt hat.
Merckle: Ich habe den finnischen Behörden angeboten, dass ich für eine Vernehmung jederzeit anreise. Aber bislang hält man das dort nicht für nötig. Auch diese Ermittlungen sind letztlich Konsequenz eines am Ende nicht mehr steuerbaren Verschachtelungswahns. Hier brauchte man noch einen Treuhänder, da noch einen Pro-forma-Geschäftsführer.
SPIEGEL: Sie haben Verträge unterschrieben im Vertrauen darauf, der Senior werde schon wissen, was er tue?
Merckle: Ich wollte zunächst verstehen, was ich unterschreibe. Das störte aber intern eher. Jedenfalls werde ich auch in Zukunft jede mich betreffende Frage beantworten. Die Aufräumarbeiten beginnen gerade erst.
SPIEGEL: Wenn Sie sich Aufstieg und Niedergang Ihrer Familie ansehen - sehen Sie Parallelen zu so etwas wie den "Buddenbrooks" von Thomas Mann, literarisches Paradebeispiel eines Dynastie-Zerfalls?
Merckle: Ich sehe Literatur überhaupt als wichtige Hilfe, sich selbst zu reflektieren. Aber auch da war es so: Wenn ich gegenüber meiner Familie mal Schiller oder Hegel zitiert habe, hieß es gleich: Um Himmels willen, das hat doch nix mit unserem Geschäft zu tun!
SPIEGEL: Sie haben selbst fünf Kinder ...
Merckle: ... denen ich hoffentlich andere, bessere Einsichten mit auf den Weg geben kann. Ich möchte ihnen Möglichkeiten schaffen, kein Gefängnis aus vorgestanzten Meinungen und Konstruktionen. Vielleicht kommt dann auch die Zeit, wo sie auf den Namen Merckle wieder uneingeschränkt stolz sein können.
SPIEGEL: Herr Merckle, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Simone Kaiser und Thomas Tuma.
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