AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2009
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Spiegel-Gespräch "Die hauen mich übers Ohr"

Der Wuppertaler Geschichtsprofessor Eckhard Freise, 64, der als erster Kandidat in Jauchs Quiz-Show eine Million gewann, über pfuschende Studenten und überlastete Universitäten.

SPIEGEL: Herr Freise, spätestens seit Ihrem Erfolg bei Günther Jauch gelten Sie als Viel-, wenn nicht sogar als Alleswisser - zu Recht?

Rätselfreunde Freise und Jauch 2000: "Bildung ist immer auch eine Generationenfrage"
AP / RTL

Rätselfreunde Freise und Jauch 2000: "Bildung ist immer auch eine Generationenfrage"

Freise: Ach, der Glauben, dass ich alles wüsste, ist ein gepflegtes Missverständnis. Zwar lebt es sich damit bequem, aber mal ehrlich: Was weiß ich schon? Wenn ich mir nur den Abiturkanon meines Sohnes ansehe: Was der in Biologie oder Chemie lernen musste, da schlackern mir die Ohren.

SPIEGEL: Das hätten Sie nicht gewusst?

Freise: Nein, hätte ich nicht; und gleich vorweg gesagt: Wenn Sie mich hier quadrivial testen wollen, also Richtung Naturwissenschaften, dann hören wir lieber auf. Dort hätte ich das Studenten-Pisa nicht so leicht bestanden, aber diesen Teil haben Sie ja auch sehr knapp gehalten.

SPIEGEL: Die meisten Ihrer Kollegen klagen darüber, dass Studenten heute weniger wüssten als früher.

Freise: Das ist so nicht richtig. Die wissen nicht weniger, die wissen nur andere Dinge.

SPIEGEL: Sie selbst sprechen noch fließend Latein. Ist das eine wünschenswerte Qualifikation?

Freise: Wünschenswert schon, auch wenn ich aus der Übung bin, aber nicht notwendig. Andere Fachgebiete sind genauso wichtig. Dennoch: Latein ist wieder so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal für Bildung geworden. Heute fragt zwar niemand mehr nach humanistischen Vorkenntnissen. Durch Testfragen erkennt man aber Klassiker-Bildung - an einem lateinischen Zitat oder in einer Anspielung auf "Faust". Wissen Sie, womit ich gerechnet hatte?

SPIEGEL: Sagen Sie's uns.

Freise: Dass Sie mir eine hypermoderne Eingangsfrage stellen: Was ist "Gruscheln"? Zwei Drittel der Studierenden könnten Ihnen das beantworten. Unter meinen Kollegen aber würde gelinde Empörung herrschen, dass sie mit solchen Neologismen behelligt werden.

SPIEGEL: Wir halten fest, dass Sie wissen, dass "Gruscheln" ein freundschaftlicher oder flirtender Gruß bei studiVZ ist. Aber was bedeutet das für die Bildung und das Wissen der Studenten von heute?

Freise: Bildung ist immer auch eine Generationenfrage. Meinen Studenten kann ich schon nicht mehr mit Asterix oder Lucky Luke kommen, Details hieraus sind bei jungen Leuten nicht bekannt. Sie haben auch einen anderen Zugang zu Wissen. Instrumente wie Wikipedia haben die Diskussion beschleunigt, das Googeln erleichtert flüchtige Recherche. Heute gehen Studierende weitaus unbefangener damit um, was ihnen an Ressourcen zugänglich ist. Bei mir steht noch eine Encyclopaedia Britannica im Regal. Die interessiert meinen Sohn, er ist 22, nur beiläufig. Er ist der Ansicht: Die im Internet versammelte Schwarmintelligenz weiß doch eh mehr - außer natürlich beim eigenen Fachreferat.

SPIEGEL: Schauen Sie nie etwas im Internet nach?

Freise: Es kommt darauf an, was ich wissen will. Wenn ich mich schnell informieren muss über Dinge, die gerade im Schwange sind, dann schaue ich auch bei Wikipedia vorbei. Aber auf keinen Fall, wenn ich annehme, dass sich traditionelles Wissen seit zehn Jahren nicht verändert hat.

SPIEGEL: Die Enzyklopädien sind allerdings sehr träge. Bei Wikipedia gab es schon nach wenigen Minuten einen aktualisierten Eintrag über Karl-Theodor zu Guttenberg, als er Wirtschaftsminister werden sollte.

Freise: Ja, aber doch mitsamt Wilhelm, dem eingeschmuggelten Vornamen! Das ist ein bezeichnender Fehler, nur Leichtgläubige vertrauen Wikipedia.

SPIEGEL: Ihre Studenten auch?

Freise: Es gibt Studierende, die dergleichen als einzige Quelle für einen Essay nutzen. Den gebe ich sogleich zurück und sage: Seien Sie froh, dass ich nicht noch überprüfe, wie viel Sie wörtlich abgeschrieben haben.

SPIEGEL: Wie häufig haben Sie mit solchen Studenten zu tun?

Freise: Öfters. Mir hat mal eine Studierende ein nahezu entwaffnendes Argument vorgehalten: "Sie sagen doch immer, man soll es so präzise und so gut wie möglich ausdrücken, und der Autor hat es so schön geschrieben, das kann ich nicht besser, also übernehme ich es." Leider ohne zu zitieren - und ich fühle mich geradezu scholastisch übers Ohr gehauen.

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insgesamt 792 Beiträge
DJ Doena 16.05.2009
Weil sei beim Test benachteiligt und wahrscheinlich von ihrem männlich Pascha abgelenkt wurden, als sie den Test bearbeiteten. Außerdem waren die Fragen eher auf männliche Teilnehmer ausgelegt, wurden doch fast ausschließlich [...]
Zitat von sysopAuch für Ältere wurde es schwer: Der große Wissenstest von SPIEGEL ONLINE für Studenten hatte es in sich. Beim Allgemeinwissen schnitten weibliche Teilnehmer schlechter an als männliche - wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Weil sei beim Test benachteiligt und wahrscheinlich von ihrem männlich Pascha abgelenkt wurden, als sie den Test bearbeiteten. Außerdem waren die Fragen eher auf männliche Teilnehmer ausgelegt, wurden doch fast ausschließlich Männer gesucht (Rembrandt, Kemal "Atatürk", Warhol). Dieser Test wurde vorsätzlich frauenfeindlich geschrieben und sollte deshalb für ungültig erklärt werden.
MarkH 16.05.2009
Frauen brauchen kein Allgemeinwissen. Sie brauchen nur Allgemeinbanker und Nobelpreisträger, die ausschliesslich Ihnen einen Kredit geben .. und natürlich die Masse an nutzlosen Idioten, die per Muskelkraft "chinese [...]
Zitat von sysopAuch für Ältere wurde es schwer: Der große Wissenstest von SPIEGEL ONLINE für Studenten hatte es in sich. Beim Allgemeinwissen schnitten weibliche Teilnehmer schlechter an als männliche - wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Frauen brauchen kein Allgemeinwissen. Sie brauchen nur Allgemeinbanker und Nobelpreisträger, die ausschliesslich Ihnen einen Kredit geben .. und natürlich die Masse an nutzlosen Idioten, die per Muskelkraft "chinese debt" und Kapitalzins erwirtschaften.
IXISkinnerIXI 16.05.2009
Ein Wissenstest der online durchgeführt wird sollte generell in Frage gestellt werden. Ich würde mal gerne Wissen wie viele Leute parallel Wikipedia oder Googel befragt haben...
Ein Wissenstest der online durchgeführt wird sollte generell in Frage gestellt werden. Ich würde mal gerne Wissen wie viele Leute parallel Wikipedia oder Googel befragt haben...
ingenör 16.05.2009
Eine Frage zur Ehrenrettung an die "Mädels". Wie hieß denn die erste Frau, die richtig denken konnte ? Antwort: Ist noch nicht geboren worden. (Vorsicht: Schlechter Witz. Ich weiß, Marie Curie, Lise Meitner um nur [...]
Eine Frage zur Ehrenrettung an die "Mädels". Wie hieß denn die erste Frau, die richtig denken konnte ? Antwort: Ist noch nicht geboren worden. (Vorsicht: Schlechter Witz. Ich weiß, Marie Curie, Lise Meitner um nur einige zu nennen...)
Apologet 16.05.2009
Ein Wissenstest, wo Männer vorne liegen, der kann ja nicht gut sein. Nein - denn das ist ja - feministisch gesehen - politisch inkorrekt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Darum überhaupt ist es eine Meldung in der [...]
Ein Wissenstest, wo Männer vorne liegen, der kann ja nicht gut sein. Nein - denn das ist ja - feministisch gesehen - politisch inkorrekt. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Darum überhaupt ist es eine Meldung in der Zeitung wert. Nein, nein. Gut gemacht Jungs! Ihr wart dieses mal einfach besser. Glückwunsch! Weiter so. Das Land braucht starke und kluge Männer! Und an die Frauen: Man muss auch mal verlieren können - oder? Tragt's mit Fassung. Ist kein Weltuntergang. Nur ein Spiel.
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