SPIEGEL: Und heute?
Freise: Jetzt haben wir unter den Studierenden auch die intelligenten Kinder von Arbeitern und kleinen Angestellten, aus Familien mit Migrationshintergrund. Gegenüber einem typischen Bildungsbürgerkind sind sie bei bestimmten Fächern im Nachteil, etwa in Geschichte - oder auch bei einem Wissenstest wie dem Studenten-Pisa, in dem viel angelesenes Faktenwissen abgefragt wird.
SPIEGEL: Ist es denn nicht das Wesen von Wissenstests, dass Wissen abgefragt wird?
Freise: Sicherlich. Aber Sie hätten mehr Fragen stellen können, die zum Nachdenken über die Fächerzäune hinaus verleiten - auch nicht ganz ernst gemeinte. Zum Beispiel: Welches Potenzmittel hätte Karl der Große benutzt, sollte er eins gebraucht haben? Herkömmliches historisches Wissen reicht da nicht, es braucht schon den Blick auf Naturwissenschaftliches und das Interesse für den Sitz im Leben. Ohne Bücherwand, ohne Gelegenheit und Willen, sie zu benutzen, sind Sie im Hintertreffen.
SPIEGEL: Den Nachteil kann die Schule nicht ausgleichen?
Freise: Nein. Die einen mögen als Rennpferd gezüchtet worden sein, die anderen haben Bleiplatten in den Satteltaschen und brauchten mehr Unterstützung - etwa durch Brückenkurse an der Universität oder generell eine engere Verzahnung von Uni und Schule. Die Ausgangsvoraussetzungen sind nicht gleich, es starten nicht alle von der gleichen Linie. In Wuppertal finden Sie nicht wenige solcher Studierenden, bei denen ich keinen klassischen Bildungskanon voraussetzen darf.
SPIEGEL: Wer studiert denn bei Ihnen?
Freise: Bei uns studiert auch der Amateurboxer aus Köln, der gern Sportlehrer an Haupt- und Realschulen werden will - wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist, alle Schulen brauchen gute Sportlehrer. Was wählt er neben Sport als zweites Fach? Geschichte - eher aus Verlegenheit; das Fach gilt zudem als weich, wenn auch zu Unrecht. Frage ich ihn in der Prüfung: Wo liegt Jerusalem? Ja, das wisse er jetzt nicht. Doch, sagt er schließlich, Irak. Zweiter Anlauf: Ach ja, Ägypten. Oje, sag ich, gib ihm noch "ne Schangse". Darauf die dritte Antwort: Jetzt weiß ich es, Jemen.
SPIEGEL: Ein Einzelfall?
Freise: Selbstverständlich. Aber mit Geografie können tatsächlich immer weniger Studierende etwas anfangen. Ich lege jetzt zu Beginn meiner Vorlesungen immer eine Landkarte auf und empfehle intensives Draufschauen, nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt das Hirn. Es heißt, diese jungen Leute seien eine Ego-Taktiker-Generation. Ich fürchte, es ist eher die Tomtom-Generation, die sich nur noch mit elektronischem Navi in der Welt zurechtfindet.
SPIEGEL: Die Wuppertaler Studenten haben auch im Studenten-Pisa besonders schlecht abgeschnitten. Sie haben im Durchschnitt knapp 24 von 45 Fragen richtig beantwortet, die Studenten von den besten Hochschulen haben fünf Fragen mehr zu beantworten gewusst. Von den großen Hochschulen hat keine einzige ein schlechteres Ergebnis erzielt als die Universität Wuppertal.
Freise: Das verwundert mich nicht. Da spielt genau diese Herkunft der Studierenden eine Rolle. Die Kinder von Bildungsbürgern gehen nicht unbedingt nach Wuppertal, Dortmund oder Siegen - wie früher ziehen sie Bonn, Tübingen, Freiburg oder Göttingen vor. Der zweite Grund: Ich habe gestern in meiner Vorlesung gefragt, wer nebenbei arbeiten muss. 90 Prozent der Anwesenden haben sich gemeldet. Muss jemand an vier Tagen pro Woche sechs Stunden kellnern, kann er in dieser Zeit nicht den "Mann ohne Eigenschaften" lesen.
SPIEGEL: Was müsste getan werden?
Freise: Als die Bachelor-Studiengänge eingerichtet wurden, hat man übersehen, dass es an manchen Universitäten viele Teilzeitstudenten gibt, die nun in ein Zeitkorsett gezwängt werden. Also brauchen wir echte Teilzeitstudiengänge - was bisher hinten heruntergefallen ist. Außerdem fehlt schmerzlich ein breit ausgebautes Stipendiensystem.
SPIEGEL: Wir haben auch noch eine gute Nachricht von unserem Studenten-Pisa mitgebracht. Ihre Hochschule hat zwar schlecht abgeschnitten, aber Ihr Fach sehr gut: Geschichtsstudenten wissen mehr als fast alle anderen Studenten. Im Mittel liegen sie bei über 29 richtigen Antworten.
Freise: Das überrascht mich nicht. In den neunziger Jahren haben verschiedene Uni-Gruppen in Münster am großen Rätselrennen des "SZ-Magazins" teilgenommen. Von denen schnitten Germanisten und Mathematiker nicht so gut ab. Am besten waren die Physiker, weil sie noch ein erhebliches Maß klassischer Bildung parat hatten. Danach kamen die Historiker.
SPIEGEL: Auch im Studenten-Pisa schneiden die Physiker gut ab. Warum sind sie schlauer als andere, etwa die Mathematiker?
Freise: Die Physiker haben vielleicht mehr intellektuelle Spannweite. Unter ihnen finden sich viele Schwerstgelehrte.
SPIEGEL: Eine letzte Antwort sind Sie uns noch schuldig: Welche Potenzmittel hätte Karl der Große benutzt?
Freise: Was den berüchtigten Sex-Appetit dieses Kindermachers hochhielt, ist nicht bekannt, sondern nur zu erschließen. Gewiss keine blauen Pillen, sondern was Biotisches aus dem Kräutergarten zu Aachen, also Liebstöckel, Koriander, Petersilie, auf keinen Fall Spanische Fliege oder Wolfsmilch. Am ehesten verlangte es den Kerl Karl wohl nach - Knoblauch.
SPIEGEL: Herr Freise, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Martin Doerry und Markus Verbeet
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