Von Else Buschheuer
Zwanzig Jahre danach. Die "jüngste Vergangenheit" wird schon wieder alt. Manche Klischees haben sich seit der Wende aufgehoben. Nach allem, was man so hören und lesen kann, zieht selbst Sahra Wagenknecht mittlerweile Hummer den Spreewaldgurken vor. Den Puhdys (DDR) möchte man ebenso ungern am FKK-Strand begegnen wie den Scorpions (BRD).
"Wir Ossis schämen uns nicht für unseren Körper", sagt die 19-jährige Annemarie aus Dessau, Drittplazierte bei "Deutschland sucht den Superstar", um ihre freizügigen Fotos zu promoten. Man weiß nicht genau, was dieses Nachwendekind mit "wir Ossis" meint, aber es hat gelernt, mit "wir Ossis" zu punkten. Das wird gern genommen, vor allem in gesamtdeutschen Fremdschäm-Veranstaltungen. Der letzte RTL-"Dschungelcamp"-Ossi, Nico Schwanz aus Apolda, hatte drei herausstechende Eigenschaften: pleite, doof, gute Figur.
Ich war eine 23-jährige DDR-Bürgerin, als die Mauer fiel. Hab ich mir inzwischen den Ossi-Faktor in den Weltmeeren abgewaschen? Um das zu prüfen, mache ich einen Online-Wissenstest: ob der Geheimdienst der DDR Verfassungsschutz, Geheime Staatspolizei, Ministerium für Staatssicherheit oder Securitate heißt. Leute, das weiß ja nun wirklich jedes Kind aus Wanne-Eickel. Der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, klar war das nicht Erich Honecker, nicht Gregor Gysi, nicht Alexander Schalck-Golodkowski. Ich tippe auf Egon Krenz. Es muss aber Manfred Gerlach heißen.
Wie hieß die Grenzbefestigung der DDR? "Antifaschistischer Schutzwall". Das ist unauslöschlich. Zumal ich von meinem Stabü-(Staatsbürgerkunde-)Lehrer Starke nachdrücklich auf diese Bezeichnung hingewiesen wurde, wenn ich "Mauer" sagte. Die Computerschmiede der DDR - hieß sie Commodore, Robotron oder Amiga? Da fällt mir sogar ein DDR-Witz ein: "Warum hat Leonid Breschnew so breite Schultern? Er hat einen Herzschrittmacher von Robotron." 20 Richtige von insgesamt 30. Schwache Leistung. Wo ist meine Sozialisation? Ist meine Identität verschüttgegangen? Bin ich im Einheits-Rotz versackt? Ist mir das "gottlose Regime des Kommunismus" (Bischof Walter Mixa) etwa nicht in die Gene gestanzt?
"Was sinn Se denn?", fragte der Pförtner der Gauck-Behörde, der mich damals weiterverbinden sollte, als ich für die Arbeit beim WDR eine Unbedenklichkeitsbescheinigung brauchte, "Opfor oder Dädor?"
Welches Schweinderl hätten S' denn gern?, hieß es früher bei Robert Lembke. Es ist eine einzige Frage, auf die so ein Text hinausläuft. Alles andere ist kein Problem: das Schnoddrige, das Selbstironische, die Anekdoten, die Gemeinheiten. Eine Lust nahezu. Aber wenn der Punkt kommt, an dem die Katze aus dem Sack muss, komme ich ins Straucheln. Offenbar habe ich ein ernsthaftes Identitätsproblem. Opfer? Täter? Ossi? Wossi? Deutsche? Europäerin? Weltbürgerin? Chamäleon?
Bin ich eine Blenderin, eine Hochstaplerin, die, immer wenn es ernst wird, Haken schlägt? Fest steht, dass mir unbehaglich wird, wenn ich mich - und sei es nur aus rhetorischen Gründen - einen Ossi nennen muss. Nur damit mich mein Gegenüber besser einordnen kann, soll ich mich in die Schublade legen zu den Vokuhilas mit den Stonewashed-Jeans, zu Zonen-Gaby mit ihrer ersten Banane, zu Achim Menzel, zu Uwe Steimle, zu Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler? Es kommt mir wie eine Lüge vor. Diese ganze Etikettierung kommt mir wie eine Lüge vor. Etikettenschwindel.
Und dann wieder. Hieß nicht mein erster Krakel im Kindergarten "Ich winke Erich Honecker"? Kann ich nicht all die Kampflieder noch heute auswendig? "Breitet leuchtend euch im Blauen / Farben unsrer Republik / Auf den Häusern, die wir bauen / Fliege teure Fahne, flieg!" Hab ich nicht die Olsenbande geliebt und Schnatterinchen und Frau Puppendoktor Pille, mit der großen klugen Brille?
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© DER SPIEGEL 21/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH