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Ausgabe 21/2009
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Essay Opfor oder Dädor?

2. Teil: "Die DDR war vielleicht ein Unrechtsstaat. Aber sie war alles, was wir damals hatten"

Lache ich nicht heute noch über Sprüche wie "Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum"? Lese ich nicht in der "Super Illu": "In der DDR wurde das Nacktsein als biologische Funktion gesehen", und fühle mich für einen Moment lang ernst genommen, ja, wissenschaftlich erforscht?

Ich rutsche schon wieder in die Pointierung. Aber die Ossi-Karte kann man verschiedentlich spielen: als "gelernter DDR-Bürger", als sexueller Freizügler, als politische Ex-Blockflöte. Man kann sich als Opfer oder Täter inszenieren, als Feigling oder als Held. Man kann der DDR nachtrauern oder sie verdammen. Aber irgendwas sollte man tun, schon allein, um seinem Gegenüber eine Verständnishilfe zu geben.


Das Dilemma unserer Eltern kann man in zwei Sätzen ausdrücken: Die DDR war vielleicht ein Unrechtsstaat. Aber sie war alles, was wir damals hatten. Die Steuern waren niedrig, die Brötchen billig - und wir, wir waren jung und verliebt (siehe "Sonnenallee"). Die nächste Ostgeneration spaltet sich in zwei Gruppen. Die erste, zu der auch ich gehöre, ist assimiliert, nicht mehr genau bestimmbar, wie Kai Pflaume, Jens Riewa und Franziska van Almsick. Die andere erlebt eine unkritische, ja, schwärmerische Hinwendung zum Osten, dass es der Sau graust.

Die assimilierte Gruppe hat Hausaufgaben gemacht, die Welt bereist, am eigenen Klamottengeschmack gefeilt. Ihre Frisuren, ihr Weingeschmack, ihre Aussprache sind einheitstauglich. Manchmal spielen sie sogar die Wessi-Karte. Sie applaudieren Maxim Biller, der Angst hat, vom Ossi-Vampir gebissen zu werden. Sie stimmen Volker Schlöndorff zu, dem neulich rausrutschte, dass alle Defa-Filme furchtbar gewesen seien. Sie lassen sich von Florian Henckel von Donnersmarck die DDR erklären. Sie lachen über die Grenzkontroll-Schnurren, mit denen uns West-Kollegen seit 20 Jahren traktieren ("Gofforraum auf!"). Was sind sie? Wendegewinnler oder Vaterlandsverräter? Schummel-Ossis oder in der Einheit angekommene Gesamtdeutsche?

Die ostalgische Gruppe boomt. Jahrelang hat sie, geführt von instinktsicheren Bayern, die Retro-Organen wie "Super Illu", MDR und "Berliner Kurier" vorstehen, in der folkloristischen Ecke Identität getankt. Nun fühlt sie sich ermutigt, beleidigt zu sein, wenn jemand die DDR einen Unrechtsstaat nennt, sie kreiert eine "rosarote DDR-Scheinwelt" (Volker Kauder). Sie redet sich ihre Geschichte schön, weil ihr derlei das Gefühl gibt, kein vom Unrechtsstaat abzuleitendes "unrechtes" Leben gelebt zu haben, sondern eines, das Würdigung und Pflege verdient. Die "Test the West"-Phase ist vorbei. Nun sehnen sie sich nach Nudossi und Filinchen. Wo sind wir unter uns? Wo bin ich Ossi, wo darf ich's sein? Das sind die Ossis, die ihr Klischee noch übertreffen. Sie sind prima zu vermarkten und fühlen sich authentisch.

Die Kinder übernehmen nur das Feeling. Sie beten einen bestimmten Look an, einen bestimmten Sound, eine bestimmte Tapete, aber sie halten Walter Ulbricht für einen oppositionellen DDR-Liedermacher und Honecker für den zweiten Bundeskanzler der BRD. Sie saugen ein ideologiefreies, ein kuscheliges (übrigens größtenteils von Wessis designtes) DDR-Bild mit der Muttermilch auf: So lustig war es bei uns ("Good Bye, Lenin!"), so gütig war die Stasi ("Das Leben der Anderen"), so hübsch die berufstätige DDR-Bürgerin (Veronica Ferres in "Die Frau vom Checkpoint Charlie").

Die Etikettierung macht die Herkunft. Nur wo Ossi draufsteht, ist auch Ossi drin. Jochen Alexander Freydank, von einem Talkmaster kürzlich als "der erste ostdeutsche Regisseur, der jemals einen Oscar bekam", angekündigt sah für einen Moment irritiert aus. Er stammt zwar aus Ost-Berlin, macht aber seine ersten beruflichen Schritte nach der Wende. Im Unterschied zu Andreas Dresen, der sich in der "Zeit" gewundert hat, stets "ostdeutscher Filmemacher" genannt zu werden, ist Freydanks Bildästhetik frei von jeder Ostigkeit, sei sie versehentlich oder gewollt. Ein Etikett kriegt er trotzdem. Das lässt sich einfach besser verkaufen.

Die Frage ist: Wie lange wird der Ossi noch ein Ossi sein? Mit welcher Berechtigung? Mit welchem Ziel? Wie geht es weiter? Mischkost oder Trennkost? Vorwärts immer, rückwärts nimmer - oder Retro? Sind wir ein Volk, oder bleiben wir zwei? Was ist das wiedervereinigte Deutschland? Ein Furz im Weltall? Eine freie Stimme der freien Welt? Können wir überhaupt eine Nation werden (für Ossis: ein gesamtdeutsches Kollektiv)? Wollen wir? Sollten wir? Sind wir schon?

Inka Bause, früher DDR-Schlagersängerin, heute Moderatorin der RTL-Sendung "Bauer sucht Frau", war laut "Super Illu" bisher nicht als Werbeträgerin zu gewinnen, erst bei einem Ostprodukt sagte sie ja. Als die DDR-Marke Röstfein an sie herantrat, fühlte Frau Bause, die erfolgreich auf dem Ticket der urigen Ost-Berliner Göre reist, Folgendes: "Ob Malzkaffee oder starker Mokka Double - mit Röstfein bin ich aufgewachsen, und die Qualität hat mich immer überzeugt."

Ich bin ebenfalls mit ostdeutschem Kaffee aufgewachsen und fand den eklig. Vermutlich einer der Gründe, warum Röstfein nicht an mich herangetreten ist. Aber Jacobs Krönung bisher leider auch nicht.

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