Von Alexander Jung und Armin Mahler
SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, Herr Polleit, worauf müssen sich die Bürger einstellen, auf Inflation oder Deflation?
Bofinger: Die Tendenz geht klar in Richtung Deflation, also eines Preisverfalls auf breiter Front. Wir haben jetzt schon eine Inflationsrate nahe null, sie dürfte in den nächsten Jahren eher darunterliegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?
Bofinger: Der Wirtschaft fehlen die Wachstumstreiber. Die Exporte brechen weg, die Arbeitslosigkeit wächst, die Löhne sinken, die Gehaltskürzung bei Daimler ist nur der Anfang. In einem solchen Umfeld können die Preise unmöglich steigen.
Polleit: Sie lassen in Ihrer Betrachtung ganz außer Acht, wie enorm die Notenbanken die Geldmenge ausgeweitet haben. Seit Beginn der Währungsunion vor zehn Jahren hat die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum nur um knapp 20 Prozent zugenommen, die Geldmenge ist gleichzeitig um 111 Prozent gewachsen. Dieses Geldmengenwachstum bestimmt die Geldentwertung. Die Inflation wird in den kommenden Jahren steigen, möglicherweise erheblich, nicht nur im Euro-Raum, sondern weltweit.
SPIEGEL ONLINE: Davon ist aber derzeit bei einer Teuerungsrate, die sich in Richtung null Prozent bewegt, wenig zu spüren.
Polleit: Vertrauen Sie nicht zu sehr der offiziellen Inflationsrate! Das ist bloß ein Index, der die Preisentwicklung von Waren und Dienstleistungen misst; er vernachlässigt wichtige Vermögenswerte: Aktien zum Beispiel oder Immobilien.

Polleit: Inflation und Deflation sind stets und überall monetäre Phänomene. Entscheidend ist, wie stark die Zentralbanken die Geldmenge ausweiten. In den vergangenen Monaten haben sie die Schleusen weiter denn je geöffnet, die Weltfinanzmärkte werden mit zusätzlichem Geld geradezu überflutet. So etwas bleibt nicht folgenlos.
Bofinger: Das muss nicht zum Problem werden. Die Notenbanken stellen die zusätzliche Liquidität ja nur bereit, weil sich die Geschäftsbanken nach der Lehman-Pleite nicht mehr gegenseitig trauten. Sobald der Geldmarkt wieder richtig funktioniert und der Aufschwung kommt, werden die Notenbanken ihre Notprogramme zurückfahren und die Liquidität wieder einsammeln. Das ist eine Sache von einer Woche.
Polleit: Technisch ist es in der Tat einfach, die Expansion zurückzuführen. Aber dazu gehört der politische Wille. Der Staat hat sich nur allzu häufig als schlechter Hüter des Geldwertes erwiesen. Die Weimarer Regierung hat Anfang der zwanziger Jahre die Inflation bewusst in Kauf genommen, um sich von den Schulden zu befreien. Nicht von ungefähr hat der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek einmal gesagt, dass die Geschichte des staatlichen Geldes, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eine Geschichte voller Lug und Betrug sei.
Bofinger: Bei allem Respekt für Hayek, wir sind doch in Deutschland seit 1948 mit der Geldpolitik nicht schlecht gefahren. Auch wenn Sie die Inflationsmessung anzweifeln: Die Bundesbank konnte im Durchschnitt eine Inflationsrate von drei Prozent vorweisen, die Europäische Zentralbank, die EZB, hat sie sogar bei zwei Prozent halten können. Es kommt doch darauf an, wie sich die Kaufkraft entwickelt, und die ist bemerkenswert stabil geblieben. Das ist eine enorme Leistung. Es ist ein Glücksfall, dass wir in dieser schwierigen Zeit mit der EZB eine Notenbank haben, die unabhängig agiert. In den USA mag das anders sein, dort sehe ich ein gewisses inflationäres Risiko, ein Anstieg auf fünf bis zehn Prozent ist nicht auszuschließen. Aber selbst das wäre nicht der Untergang des Abendlandes.
Polleit: Glauben Sie wirklich, ein inflationärer Prozess in den USA würde keinen Eindruck auf die Politiker in Europa oder Asien machen? Ich fürchte, dass jeder Währungsraum versuchen wird, es den Amerikanern nachzutun und die Schulden über die Zentralbanken zu monetarisieren. Schließlich leiden ja auch alle Währungen am gleichen Problem. Die Finanzkrise ist Ergebnis des staatlichen Systems, in dem Geld durch Kredit produziert wird. Im Laufe der Zeit erwachsen daraus enorme Schuldenberge. Zeichnet sich eine Überschuldungssituation ab, kann politisch schnell das Anwerfen der Notenpresse zum Weginflationieren der Schulden als das kleinste Übel angesehen werden.
Bofinger: Eine hohe Staatsverschuldung führt nicht automatisch zu Inflation, das zeigt die Erfahrung in Japan. Dort steckt die Wirtschaft seit Jahren in großen Schwierigkeiten, die Verschuldung hat massiv zugenommen, gleichzeitig droht erneut Deflation; die Japaner wären froh, wenn ihre Waren und Dienstleistungen wieder teurer würden. Und es stimmt auch nicht, dass alle Volkswirtschaften ständig nur Schulden machen. In Deutschland wird enorm viel Geld zur Seite gelegt. Unter dem Strich hat der private Sektor seit 1999 rund 1,7 Billionen Euro gespart.
Polleit: Die zentrale Frage ist, wie viel private und öffentliche Schulden eine Volkswirtschaft überhaupt vertragen kann. Eine exakte Antwort auf die Frage steht noch aus. Doch viele Dauerschuldner scheinen mittlerweile kaum noch in der Lage zu sein, ihre Schulden zurückzuzahlen oder gar höhere Kreditzinsen schultern zu können. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Geldproduktion durch Kredit überfordert ist, weil die Anleger dem System nicht mehr vertrauen.
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Ich wollte nur verdeutlichen, dass dies mit dem heutigen Geldsystem eine Utopie ist. Es braucht dafuer revolutionare Umwaelzungen. Es gibt eine Menge guter Geld- und Wirtschaftstheoretiker und sogar echte wissenschaftliche [...] mehr...
Mir ist gerade noch was Tolles eingefallen, Freunde: Bofi und Bernd sollten sich zusammentun und ein eigenes, voellig unabhaengiges Expertengremium gruenden. Dagegen wuerden die anderen aber wie "Weisen"kinder [...] mehr...
Falsch! Das Geldsystem muss vom Kopf auf die Fuesse gestellt werden, aber holla die Waldfee. An unserem aktuellen Geldsystem stimmt naemlich NICHTS. Und das hat Folgen. Die selbstbewusste Bevoelkerung brauchen wir aber [...] mehr...
Ach, der arme Bofi. Mein Gott, wie schrecklich. Es muss wirklich schlimm sein, die Privilegien eines Beamten aufzugeben. Dann doch lieber weiter seine kostbare Lebenszeit in einer unfaehigen "Experten"runde [...] mehr...
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