Von Clemens Höges
Mädchen tauchen selten als Opfer auf, weil die Nonnen seltener zu Täterinnen wurden. Und die frommen Brüder kamen an die Mädchen nicht heran; vielleicht auch dafür mussten die Jungen bluten.
"Die Nächte waren das Schlimmste", so steht es im Ryan-Report. "Wenn sie dich nicht holten und schlugen, dann hörtest du, wie sie es anderen antaten. Bis zu vier Brüder kamen und holten einen aus dem Bett und schlugen ihn. Sie waren wie jagende Rudel."
Das Verbrechen der Kinder war in der Regel ihre Armut. John Kellys Mutter zog allein sieben Kinder groß. Der Vater versuchte, Jobs auf dem Bau zu finden, in England, wo aber damals an Ecken noch solche Schilder hingen: "Iren, Schwarze und Hunde unerwünscht". Deshalb schliefen die Kelly-Kinder auf Bahnhöfen, wenn die Mutter die Miete nicht zahlen konnte. Und deshalb klaute einer der Brüder Cadbury-Schokolade in einem Kiosk. Er gab John, dem Zwölfjährigen, zwei Tafeln ab, da kam auch schon die Polizei.
In der Verwahranstalt Daingean bewachten 25 Geistliche hinter den hohen Mauern der ehemaligen Kaserne 500 Jungs. John wurde zu Nummer 253. Er schob schwere Schubkarren durchs Moor, er grub Kartoffeläcker um, mistete Schweineställe aus. Der Orden verkaufte Torf, Kartoffeln und Fleisch, und auch die Kinder, als Leiharbeiter an Bauern. "Wir waren Sklaven."
Schulunterricht gab es nur anfangs, Schläge und Arbeit immer. Die Kinder stellten alles her, was nötig war: Die Brüder trugen über den Kutten lange lederne Peitschen. Auch diese Peitschen mussten die Kinder nähen.
Jeder Bruder hatte sein eigenes Design. Die meisten ließen sich Pennys auf die neuen Lederstreifen nähen, damit es schmerzte. Manche bevorzugten Bleistücke oder Kupferdraht. Die noch Perfideren ließen die Gewichte ans Ende der Lederstreifen nähen. Dann wickelte sich das Leder beim Schlag gegen einen Schenkel ums Bein und traf oft die Hoden. "Du wurdest entmenschlicht, und irgendwann glaubtest du, dass du ein Untermensch bist", sagt Kelly.
Nach gut zwei Jahren ließen ihn die Brüder frei, und John Kelly rannte weg aus Irland, nach London. "Ich habe am Anfang im Hyde Park auf der Bank geschlafen. Ich hatte nichts, es regnete, aber zum ersten Mal fühlte ich mich wieder sicher."
Erst fast 30 Jahre später, 1997, kehrte er zurück. Es erschienen damals Artikel über die verlorenen Kinder in irischen Zeitungen, die BBC sendete einen langen Dokumentarfilm. Und John Kelly gründete Soca. Der Tanz konnte beginnen.
Die Kirche sah ihre Opfer kommen und schloss 2002 einen Deal mit der Regierung. Die alte Kumpanei der Macht funktionierte noch: Die Kirche müsse nur einen kleinen Teil der absehbaren Schmerzensgeldzahlungen übernehmen, 128 Millionen Euro, zahlbar etwa mit Immobilien. 24 erstritten dann die Christian Brothers, dass die Beschuldigten anonymisiert wurden.
Die Kirche hat bislang nur etwa die Hälfte ihres Anteils bezahlt - und die versprochenen Latifundien sind in der Wirtschaftskrise auf einmal viel weniger wert geworden. Zugleich fordern die Opferverbände, die Kirche müsse bluten, nicht der Steuerzahler.
"Der Konflikt ist jetzt da", sagt Patrick Walsh, "dieses Land war eine Theokratie, keine Demokratie. Kein Premierminister wurde gewählt ohne die Unterstützung der Bischöfe. Dafür revanchierten sich die Politiker. Das ändert sich jetzt. Und das trennt auch das Volk von der Kirche."
John Kelly ist der Kämpfer der Opfer, Patrick Walsh ist ihr Denker: ein stiller Banker, Exil-Ire aus London, mit einer großen Brille und einer Aktentasche immer neben sich.
Er war zwei Jahre alt, als seine Mutter sich von seinem Vater trennen wollte. Scheidungen waren verboten in Irland, der Vater befürchtete, die Frau würde nach England durchbrennen und zeigte sie bei der "Garda" an: Die Polizisten kamen und brachten die vier Kinder in Heime.
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