AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2009
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Literatur Frauen wie Schmetterlinge

Ursula Priess, die Tochter von Max Frisch, erzählt in ihrem Erinnerungsbuch "Sturz durch alle Spiegel" von einer schwierigen, immer wieder von Abstürzen bedrohten Vaterbeziehung und den Liebschaften des großen Schweizer Schriftstellers.

Sylt, Sommer 1952. Der Schweizer Architekt und Schriftsteller Max Frisch macht mit seiner Frau und den drei Kindern Urlaub am Meer. Die rechte Ferienstimmung will nicht aufkommen. Zwischen den Eheleuten kriselt es.

Die neunjährige Tochter Ursula, Ursel gerufen, spürt die Bedrohung und ist ihr zugleich hilflos ausgeliefert. Am Strand starrt der Vater, Anfang 40, lange bewegungslos in die Brandung, stürzt sich dann unvermittelt kopfüber in die tosenden Wellen, verschwindet, taucht wieder auf - und kehrt heil zurück. Die Tochter ist erleichtert und empfindet großes Glück.

Zurück in die Schweiz allerdings fährt die Familie dann ohne den Vater. Er will auf Sylt noch arbeiten, heißt es. Was das Kind damals nur ahnt: Es geht nicht allein um das Schreiben.

Mehr als ein halbes Jahrhundert danach wird sich Max Frischs Tochter an diese Tage erinnern, an die "Spannung zwischen den Eltern", die nie "zur Entladung kam", auch später nicht: "Niemals flogen Tassen, keine Türen knallten; nur immerzu diese stumme, bedrohliche Spannung, die dir die Luft abschnürt."

Ursula Priess, die an diesem Dienstag 66 Jahre alt wird, rekapituliert in ihrem späten Prosadebüt, dem Erinnerungsbuch "Sturz durch alle Spiegel", das in dieser Woche erscheint, die Stationen einer komplizierten, nicht selten verzweifelten Vater-Tochter-Beziehung.

Jetzt, da sie vor die Öffentlichkeit tritt, ist die Autorin nervös, will über sich nicht mehr erzählen, als sie im Buch ohnehin preisgibt. Die studierte Literaturwissenschaftlerin und Mutter von vier Kindern, die als Heilpädagogin gearbeitet hat, möchte ungern auf die Rolle der Tochter des weltberühmten Schriftstellers festgelegt werden. Zugleich weiß sie natürlich, dass dem kaum zu entkommen ist - und macht diese Aporie zu einem wichtigen Thema ihres Buches: wie es das Leben prägt, Max Frisch zum Vater zu haben.

Sie erzählt dann doch, dass sie eigentlich nie vorgehabt habe, sich über ihren Vater öffentlich zu äußern.

Selbst als das Buch schon im Druck war, wollte sie alles wieder abblasen - plötzlich dachte sie: "Mich hat der Übermut gebissen."

Es ist anders gekommen, zum Glück. Nicht nur Frisch-Leser werden von diesem Buch fasziniert sein, in dem eine Tochter dem Glück und Elend einer ganz speziellen Beziehung nachspürt, von den Gefühlen der Vertrautheit und der Befangenheit berichtet, kritisch auch gegen sich selbst - nicht in Form einer straffen Autobiografie, sondern assoziativ, in der Erinnerung hin und her springend, in prägnanten Einzelbildern, die sich zu einem spannungsvollen Mosaik fügen.

Zwei Jahre nach dem Sylt-Urlaub zieht Frisch daheim aus und gibt auch sein Architekturbüro auf: Der Roman "Stiller" (1954) ist erschienen, der Autor will sich endlich ganz dem Schreiben widmen - frei und in jeder Hinsicht ungebunden.

Für die Tochter ein Abschied von der behüteten Kindheit, auch wenn der Alltag so aussah: "In der Mansarde das Klappern der Schreibmaschine - nicht dass ich unten im Garten beim Spielen besonders darauf geachtet hätte, aber das Geklapper bedeutete: er ist da. Und gleichzeitig hieß es, dass er unerreichbar weit weg ist."

Nun zieht er ganz weg und räumt sein Arbeitszimmer auf. Vieles entsorgt er, "Broschüren, Zeitschriften, Papierbündel, auch Fotografien", die Elfjährige schaut ihm dabei zu. Ein Foto, aufgenommen 1951 in den USA, übergibt er ihr mit den Worten: "Behalt es, wirf es nicht weg!"

Zu sehen ist der Autor mit zwei jungen schwarzen Frauen. Und tatsächlich: Solange Max Frisch lebte, verwahrte Tochter Ursula diese Aufnahme, auf der er nach ihrer Ansicht so "amerikanisch" aussah - erst nach seinem Tod übergab sie das Foto 1991 dem Max-Frisch-Archiv in Zürich.

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