Von Fiona Ehlers
Es wird ein Tag sein, wie alle ihre Tage waren, seit fünf Jahren. Es wird diesen kurzen, glücklichen Moment nach dem Aufwachen geben, wenn sie die Augen aufschlagen will, wenn sie glaubt, dass alles wie früher sei. Aber die Dunkelheit weicht nicht, eine kurze Panik, ein Gefühl von Verzweiflung, dann wird sie wieder wissen, was zu tun ist.
Sie wird nach dem schwarzen Umhang tasten und dem Kopftuch. Ein Taxi wird sie ins Gefängnis fahren am Rande der Stadt. Man wird sie an sein Bett führen. Sie wird sein Gesicht ertasten, mit ruhiger Hand die Pipette halten. Sie wird ihn nicht sehen können, wie er vor ihr liegt, festgeschnallt, betäubt, machtlos. Ob er leidet, wie sich die Säure in seine Netzhaut frisst, ob er doch etwas spürt und zuckt und strampelt. Sein Anblick wird ihr erspart bleiben, sie glaubt, das werde ihr die Tat erleichtern.
Am Ende des Tages wird sie ihr Buch vollenden, an dem sie seit Monaten arbeitet. Ein Buch über das verwüstete Leben der Amene Bahrami. Blinde, Rächerin, erst Opfer, dann Vollstreckerin. Das letzte Kapitel ist noch ungeschrieben, es soll im Buch ganz am Anfang stehen.
Wenn sich Amene Bahrami den Tag ihrer Rache ausmalt, huscht ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht. Es ist das Lächeln in einer Fratze. Es wächst kein Haar mehr in diesem Gesicht, die Haut ist bleich und zum Reißen gespannt. Wie Kletterpflanzen an einer Hauswand im Winter ziehen sich wulstige Narben über die Stirn, die Wangen, das Kinn, den Hals. Dort, wo früher dunkle Augen unter sanft geschwungenen Brauen lagen, klaffen jetzt Höhlen. Das linke Auge ist zugewachsen mit Narbenhaut, das rechte ist aus Glas.
Tausende Male hat Amene diesen Tag im Geiste geprobt, Tausende Male ihre eigenen Lider mit den Fingern auseinandergezogen und vergebens Medizin hineingeträufelt. Sie fühlt sich vorbereitet.
Wird sie Frieden finden nach der Tat, wird die Tat ihr Leben retten? "Es geht nicht um mich", sagt Amene, "mein Leben ist zerstört. Ich will keine Rache, ich will den Männern in Iran eine Lehre erteilen. Würde noch eine Frau mit Säure verätzt, könnte ich mir das niemals verzeihen."
Amene Bahrami ist 31 Jahre alt, eine stolze, tapfere Frau, keine Zauderin. Sie hat sich entschieden, sie beharrt auf ihrem Recht auf Rache an ihrem früheren Kommilitonen Madschid Mowahedi, der sie mit Schwefelsäure übergoss, ihr Gesicht verwüstete, ihre Schönheit hinrichtete. Er tat es aus verschmähter Liebe, damit kein anderer Mann sie je besitzen werde. Er tat es vor fünf Jahren in Teheran, an einem Herbsttag zur Fastenzeit.
Amene darf, was sie plant, seit ihr der Oberste Gerichtshof in Teheran im November 2008 das Recht auf Vergeltung zusprach. Sie hat es schriftlich, ein 30-seitiges Urteil, von ihr selbst unterschrieben. Sie hätte auch Blutgeld, eine Art Ausgleichszahlung, von 40.000 Euro annehmen können, aber sie besteht auf dem Vollzug des islamischen Scharia-Gesetzes. Sie darf Madschid Mowahedi dasselbe zufügen, was er ihr angetan hat. Sie will ihn blenden, beidseitig. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", so steht es schon im Alten Testament. Nach Teheran fliegt sie nur für diesen Tag, dann kehrt sie nach Spanien zurück, ihre neue Heimat.
Es ist ein milder Frühlingsmorgen, Amene sitzt in einem Straßencafé im Hafenviertel von Barcelona. Sie hört das Meer, spürt die Brise, riecht an einer Rose, die ihr jemand in die Hand gedrückt hat. Menschen bleiben stehen und starren sie an. Nach Spanien kam sie vor vier Jahren, 17 Operationen hat sie hinter sich. Seit fünf Jahren gleicht ihr Leben einer Schussfahrt, es geht rasant bergab. Nichts, so glaubt sie, verspreche Linderung, außer ihrer Rache.
Sie verlässt das Café und tastet sich mit dem Blindenstock in einen Supermarkt. In Barcelona kennt man ihre Geschichte, seit sie im Fernsehen war, an der Kasse tätscheln ihr drei spanische Frauen die Hand. Amene hört: "Zeig's dem Hurensohn, er hat es nicht anders verdient!"
Amene lächelt, sie zahlt. Sie steigt erhobenen Hauptes in einen Bus, zählt die Haltestationen, steigt aus an einer Blindenschule, dort lernt sie Blindenschrift. Ihre Lehrerin steht an der Klassentür, die Arme in die Hüften gestemmt, sie verweigert ihr den Zutritt. Zwei Blinde stehen sich gegenüber, ihre Köpfe irren umher, sie suchen ihr Gegenüber, sie können sich nur hören und schreien sich an. Die Lehrerin ist wütend, sie zischt, sie werde Amene nie wieder unterrichten, wegen dieser entsetzlichen Sache, die sie vorhat in Iran.
Menschen, die Amene begegnen, haben Mitleid mit ihr, viele verurteilen sie auch. Sie versuchen sich vorzustellen, was sie an ihrer Stelle täten. Was sie täten, wäre Amene ihre Tochter. Wie lebt man mit dieser Geschichte, mit dieser Fratze? Soll sie verzeihen, wäre das gerechter?
Sie erzählt ihre Geschichte mit trotziger Stimme, fast herrisch, sie spricht nun Persisch, ihre Muttersprache, da kann sie sich besser ausdrücken, jeder Satz, den sie sagt, wird wichtig sein. "Niemand ist in meiner Lage. Ihr habt Gesichter, Arbeit, Zukunft. Ihr könnt nicht wissen, was gut für mich ist", diese Sätze sagt sie oft.
Ihr Handy steckt in ihrem BH, damit es jederzeit griffbereit ist und Journalisten sie erreichen können. Sie geht hausieren mit ihrer Geschichte. Sie macht es nicht nur wegen des Geldes, auf das sie angewiesen ist, seit ihr die iranische Regierung den Unterhalt gestrichen hat. Sie will, dass die Welt von ihrem Leid erfährt, sie hat einen Auftrag. Es ist, als wolle sie ihrem Schicksal eine Bedeutung beimessen, diese unfassbare Tat darf nicht umsonst gewesen sein, sie muss sich wehren, muss warnen, nur das, glaubt sie, gebe ihrem kaputten Leben einen Sinn. Ihr Schicksal hat sie stark werden lassen, aber auch kalt. "Mein Herz", sagt sie, "ist aus Stein."
Amene hat sich entschieden. Sie wartet auf den Vollstreckungstermin, ganz Teheran wartet auf diesen Termin. Dort kreisen zwei Familien umeinander; Kisas, das Vergeltungsprinzip der islamischen Rechtsprechung, steht zwischen ihnen. Auch sie gehen zugrunde an dieser Geschichte, die voller Brutalität ist und Schuldzuweisungen, voller Rückschläge, Widersprüche und ohne Gewissheiten. Sie spielt zwischen Archaik und Moderne in der Hauptstadt Irans, eines repressiven Landes.
Die Bahramis, Familie des Opfers, leben in Teherans Nordwesten, Kleine-Leute-Gegend, laut und trubelig. Amenes Mutter Schahin, 50, ist klein und rundlich wie ihre Tochter, sie klagt jedem Taxifahrer ihr Leid, sie läuft Anwaltsbüros ab und Richter und buhlt um Verständnis im Namen der Tochter. Sie sitzt im Wohnzimmer und zeigt Fotos. Ein hübsches Kind, verhätschelt, herausgeputzt als Prinzessin. Schönheit, diesen Eindruck gewinnt man, ist wichtig in dieser Familie.
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Ich find die Blendung gut. Das schreckt vielleicht den ein oder anderen "Frauen sind nichts wert"-Macho in Iran ab. Wenn auch nur eine solche Tat verhindert wird, dann hat die Blendung ihren Zweck erfüllt. Das Leben [...] mehr...
Auge um Auge , Zahn um Zahn. Wer die Ermordung Bin Ladens aus Rache und ohne jegliche Gerichtsverhandlung bejubelt, der muss diese Frau auch unterstützen. In ihrem Fall gab es vorher wenigstens noch ein Verfahren und eine [...] mehr...
Das tut mir natürlich Leid für Sie. Allerdings geht es bei unserer Justiz letztlich auch nicht ums gerechte Bestrafen, sondern viel mehr darum den Täter von der Bevölkerung meist nur für einen begrenzten Zeitraum zu separieren. [...] mehr...
Ich kann nicht beurteilen, was hier richtig ist. Diese martialische Art von zugestandener Selbstjustiz wird nichts befrieden, aber hoffentlich so manche gängige Rechtspraxis erschüttern. Mir geht es nicht um Rache, sondern um [...] mehr...
was steht nochmal in der Bibel? Aug um Aug, Zahn um Zahn! ich finde es gerechtfertigt, in unserem Rechtssystem werden Kinderschänder zu Opfern gemacht, aber wehe sie zahlen ihre Steuern nicht! So grausam es sein mag, [...] mehr...
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